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Stürze bei der Bahnrad-EM: Schicksal nicht in eigener Hand

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Von: Günter Klein

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Auf engstem Raum: Vier Teilnehmerinnen des Omniums sind sich auf der Bahn ins Gehege gekommen und gestürzt.
Auf engstem Raum: Vier Teilnehmerinnen des Omniums sind sich auf der Bahn ins Gehege gekommen und gestürzt. © AFP

Die Bahnrad-Wettbewerbe werden von Massenstürzen und schweren Verletzungen überschattet. Kritik gibt es an der Bahn selbst.

Im Moment, nachdem es passiert ist, beginnt schon die Verdrängung. Durchsage in der Bahnradhalle: „Bitte machen Sie keine Fotos und Videos.“ Sofort springen Volunteers mit großen bunten Planen herbei: Sie schirmen den Unfallort vor Blicken ab. Und auf der Anzeige erscheint der Hinweis, dass der weitere Wettbewerb sich verzögere – „due to track repair“. Wegen Reparatur an der Bahn. Und ja, die hat tatsächlich was abbekommen, ein Loch wurde ins Holz hoch in der Kurve gerissen, ein Mitarbeiter klettert auf einer Spezialleiter die Steilwand hinauf, um die Stelle mit Tape zu verpflastern. Doch vor allem geht es jetzt um die medizinische Behandlung: Ausgangs der Kurve liegen vier Fahrerinnen auf der „Cote d’Azur“, wie der blaue Streifen unten genannt wird.

Bei der gestern Abend zu Ende gegangenen Bahnrad-Europameisterschaft in der Münchner Messehalle C1 hat es einige Male empfindlich gekracht. Am Freitag im Teamsprint touchierte die dritte Fahrerin des britischen Frauen-Sprintteams das Hinterrad der Zweiten – beide stürzten, beide schrien vor Schmerzen. Eine brach sich die Schulter, die andere zog sich eine Gehirnerschütterung zu. Am Samstag im Ausscheidungsfahren war die italienische Weltmeisterin Letizia Paternoster im Zentrum eines Massensturzes – bei ihr endete es ebenfalls mit Schlüsselbeinbruch und Gehirnerschütterung. Am Montag gegen Ende des Omnium-Rennens verkeilten sich Fahrerinnen ineinander – die Ukrainerin Ganna Solovei und die Griechin Argiro Milaki wurden fast eine halbe Stunde von Ärzten an der Unfallstelle versorgt und auf Tragen und am Tropf aus der Halle gebracht. Eine Anfrage an die Verbände zum Gesundheitsstatus blieb bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe unbeantwortet.

„Natürlich will man wissen: Wie geht es den Betroffenen?“, sagt Jan van Eijden, einst selbst erfolgreicher Bahnradfahrer und nun Bundestrainer. Er sagt: „Das ist der Sport. Wer auf die Bahn geht, weiß, was passieren kann.“ Ihm waren natürlich nicht die Umstände, wohl aber die Unterbrechung willkommen: Dadurch hatte seine Athletin Emma Hinze, die sich den Tag über mehrmals übergeben hatte, die Gelegenheit, vor ihrem dritten Finallauf im Sprint ein wenig zu Kräften zu kommen und ihr drittes EM-Gold in München zu holen. „Ohne diese Pause hätte sie nicht gewonnen.“ Doch beeinträchtigen eine Unterbrechung und die im Velodrom spürbare Beklemmung nicht auch? „Es ist schlimm. wenn es Stürze gibt. Aber man muss es abstreifen“, erklärt Hinze.

Kaum noch Gerade übrig

Haben die Stürze in München damit zu tun, dass die Bahn nur 200 und nicht die vorgeschriebenen mindestens 250 Meter lang ist? Kristina Vogel, die mehrmalige Olympiasiegerin, die seit einem Trainingsunfall querschnittsgelähmt ist, hat ihr Unbehagen ausgedrückt. Die Deutschen trainierten auf der 200-Meter-Bahn in Augsburg, waren aber „erschrocken, als wir in München die weiten Kurven sahen“ (van Eijden). Es ist auf dem extra aufgebauten Oval kaum noch Gerade übrig.

Ein Problem sind Rennen mit 20 Teilnehmern wie das Omnium, da wird der Platz knapp. „Wenn man die Bahn für sich hat wie im Zeitfahren“, sagt der deutsche Sprinter Marc Jurczyk, „weiß man wenigstens, dass man bei einem Sturz selbst schuld ist“. Ansonsten ist man nicht Herr oder Herrin des eigenen Schicksals. „Von außen betrachtet“, sagt er, sei in München aber schon eine gewisse Vorsicht festzustellen. Der Grund: „In zwei Monaten haben wir noch Weltmeisterschaft.“ Die Show geht weiter.

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