Immer noch ein beliebtes Fotomotiv: Die Olympischen Ringe vor Japans Olympiamuseum in Tokio. reuters
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Immer noch ein beliebtes Fotomotiv: Die Olympischen Ringe vor Japans Olympiamuseum in Tokio. reuters

Olympische Spiele in Tokio

Die Stimmung kippt

  • vonFelix Lill
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Immer mehr Japaner finden, dass die Olympischen Spiele in Tokio nicht mehr nur um ein Jahr verschoben, sondern ganz abgesagt werden sollten. Die Forderungen nach einer Volksabstimmung werden lauter.

Olympia sollte jetzt lieber ganz ausfallen“, sagt Misako Takase. Die Stewardess aus Narita, einer Stadt im Osten von Tokio, hatte sich eigentlich auf die Spiele von Tokio gefreut. Aber jetzt ist sie empört. „Die Organisatoren haben schon viel zu lange damit gewartet. In Japan waren längst alle möglichen Großveranstaltungen abgesagt. Nur die Olympischen Spiele sollten unbedingt durchgezogen werden.“ Und die Entscheidung, der neue Starttermin solle nun höchstens um ein Jahr verlegt werden, besorgt die 40-jährige besonders. „Bis dahin gibt es doch vielleicht immer noch keinen Impfstoff für alle Menschen. Warum sollte es dann sicher sein?“

Womöglich teilt nicht jeder diese Gründe für die Ablehnung gegen Olympia, die Misako Takase nun empfindet. In ihrer Schlussfolgerung aber entspricht sie wohl der Mehrheit der Menschen in Japan. Zwei Drittel wollen offenbar, dass „Tokyo 2020“ nicht etwa verschoben wird, sondern gar nicht mehr stattfindet. Dies ist das Ergebnis einer Umfrage von Yahoo Japan, an der in diesem Monat 76 000 Online-User in Japan teilgenommen haben. Selbst wenn die Befragung nicht wissenschaftlichen Kriterien der Repräsentativität entspricht, gibt sie ein überraschendes Stimmungsbild ab: Japan scheint die Lust vergangen zu sein.

Es ist das erste Mal, dass sich aus dem ostasiatischen Land eine unübersehbare Opposition gegen das größte Sportevent der Welt zeigt. Von größerer Skepsis war bisher nur zu hören, als Olympia in Japan noch lange noch Zukunftsmusik war. Nach der Dreifachkatastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Atomdesaster im März 2011 hatten im Nordosten des Landes Hunderttausende ihr Zuhause verloren, an die 20 000 Menschen waren gestorben, ganze Regionen wurden unbewohnbar. Damals fragte man sich in Japan vermehrt, ob es wirklich angebracht wäre, angesichts all der Zerstörung viel Geld für Olympische Spiele in Tokio auszugeben.

Die Skepsis verschwand, als japanische Athleten bei den Spielen von London 2012 stark abgeschnitten und sieben Goldmedaillen gewonnen hatten. Parallel hatte das Tokioter Bewerbungskomitee, das sich zuvor schon erfolglos für die 2016er Spiele beworben hatte, eine intensive PR-Kampagne betrieben: Olympia in Tokio würden „Spiele des Wiederaufbaus“ werden, das ganze Land würde profitieren. Außerdem würden japanische Athleten mit Heimvorteil noch viel mehr Medaillen holen als in London. Die Strategie funktionierte. Einige Tage vor der IOC-Generalversammlung in Buenos Aires im September 2013, als Tokio das Austragungsrecht gegen Istanbul und Madrid gewann, zeigte eine Umfrage: 92 Prozent der Menschen in Japan waren für Olympia in Tokio.

„Die Bewerbung basierte aber auf einer Lüge“, sagt Hiroki Ogasawara. Der Professor für Soziologie an der Universität Kobe ist Herausgeber eines Buchs, dessen Titel sich mit „Anti-Tokio-Olympia Manifest“ übersetzen lässt. Zu den Unterstützern der Idee von Olympischen Spielen in Tokio gehörte Ogasawara nie. „Die Verknüpfung von Wiederaufbau und Olympia ist Blödsinn. Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun. Vor allem dann nicht, wenn Olympia in Tokio stattfindet, das sowieso schon die beste Infrastruktur in ganz Japan hat.“

Die Veranstaltungen wiederum, die in Fukushima geplant sind, sollen weit entfernt von den beschädigten Gebieten laufen. „Die Wiederaufbau-Rhetorik war immer reine Symbolpolitik. In mehreren beschädigten Gebieten wurde der Wiederaufbau durch den olympiabedingten Bauboom in Tokio sogar gehindert.“ Dass auch dann noch auf dem geplanten Olympiabeginn am 24. Juli 2020 beharret wurde, als die Weltgesundheitsorganisation schon eine Pandemie ausgerufen hatte, habe die Motive der Organisatoren noch deutlicher offenbart. „Sie wollten ein großes Event veranstalten, mit viel Patriotismus, damit die Menschen Probleme wie in Fukushima vergessen können.“

Über Wochen sah es für viele Japaner nun so aus, als wären die Organisatoren für ihren Wunsch nach einem großen Spektakel auch bereit, die Gesundheit der Menschen zu riskieren. Es ist dieser Eindruck, der die Spiele von Tokio jetzt in einem anderen Licht erscheinen lässt. „Damit Olympia wie geplant stattfinden kann, hat die Regierung bis jetzt wohl vieles ignoriert“, schätzt Azusa Yokota, eine 35-jährige Lehrerin aus Tokio.

„Warum sonst stieg die offizielle Zahl von Covid-19-Infizierten in Tokio genau einen Tag, nachdem die Olympia-Verschiebung entschieden war, so stark an wie noch nie?“ Yokota befürchtet, Offizielle haben solange eher wenig getestet, wie es noch möglich erschien, dass die Olympischen Spiele diesen Sommer stattfinden könnten. Am Mittwoch verzeichnete Tokio mit 41 Neuinfizierten seinen bisher höchsten Anstieg an einem Tag. Am selben Tag riet Gouverneurin Yuriko Koike den Bewohnern dazu, bis auf Weiteres möglichst zuhause zu bleiben.

Es sind seltsam misstrauische Stimmen, die man dieser Tage überall in Japan hört. Hiroki Ogasawara glaubt, man hätte sie schon vorher vernommen, wäre die Bevölkerung von Anfang an umfassend und kritisch informiert worden. „Aber in Japan gehört jede der fünf größten Tageszeitungen zu den offiziellen Partnern von Tokyo 2020. Wie soll man da kritische Berichterstattung erwarten?“

Ogasawara glaubt zwar nicht dran, dass sich die Politik dazu hinreißen lassen wird, aber seine Forderung ist jetzt klar: „Wir müssen endlich eine Volksabstimmung über die Frage machen, ob die Menschen Olympia wirklich wollen.“ Bisher hatte das niemand der Organisatoren für nötig gehalten. „Aber jetzt ist es überfällig. Durch die Verschiebung wird ja alles auch noch teurer als ohnehin schon.“ Die zusätzlichen Kosten einer Olympia-Verschiebung um ein Jahr werden auf 5,8 Milliarden US-Dollar geschätzt. Das ist fast die Hälfte des für „Tokyo 2020“ veranschlagten Budgets.

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