Sein Wechsel ging glatt: Hwang Hee-Chan zog es wie so viele von Salzburg nach Leipzig.
+
Sein Wechsel ging glatt: Hwang Hee-Chan zog es wie so viele von Salzburg nach Leipzig.

Transfermarkt in Corona-Zeiten

Stillstand statt reges Treiben

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
    schließen

Der Transfermarkt kommt nur schwerlich in Gang, weil zu viele Einflussfaktoren bei den Einnahmen mit Unsicherheiten behaftet sind.

Die Sommerpause nutzen Fußballer gerne zur Entspannung. Milot Rashica vom Fast-Absteiger SV Werder verbringt den Urlaub in der kosovarischen Heimat. „Suchen Sie einen guten Zahnarzt? Besuchen Sie doch Dr. Rashica senior“, schrieb der 24-Jährige zu einem Bild mit seinem Vater in der Praxis. Dazu kam bald ein Urlaubsbild vor einer Meeresbucht. Der werthaltigste Bremer Spieler wirkt entspannt, obwohl seine Zukunft trotz des erklärten Wechselwunsches nicht geklärt ist. Beim Abstieg hatte der schnelle Dribbler für fixe 15 Millionen Euro wechseln können, nun aber stellt sich sein Klub 25 Millionen vor, denn die ursprüngliche Ausstiegsklausel von 38 Millionen ist in Corona-Zeiten unrealistisch. Hier beginnen die Probleme: RB Leipzig will trotz des Verkaufs von Timo Werner insgesamt nur 25 Millionen für Verstärkungen ausgeben, hat aber bereits neun Millionen Euro als Sockelbetrag für Hee-Chan Hwang vom Schwesterverein in Salzburg investiert.

Folglich kommen die Verhandlungen nicht wirklich voran. Die Rashica-Partei ist auch für Auslandsangebote offen. „England, Italien – vielleicht kommt da noch etwas“, sagt Berater Altin Lala. Werder wiederum ist erst handlungsfähig, wenn Geld in die leere Kasse kommt. Aber wenn der Champions-League-Viertelfinalist Leipzig trotz seiner Red-Bull-Zuwendungen so sehr auf die Ausgaben achten muss, steckt das ganze Geschäftsmodell fest. Wenn nicht die ersten Steine fallen, funktioniert das Spiel nicht: Das Virus hat den Transfermarkt in Blockade versetzt.

„Dieses Jahr ist alles anders“, sagt der Spielerberater Stefan Backs. „Jetzt gibt es großen Stillstand, wo sonst reges Treiben herrscht. Viele Vereine haben einen aufgeblähten Kader, wollen aber nicht den ersten Schritt machen, weil sie Angst haben Spieler unter Wert abzugeben.“ Eine Problematik, die sich aus den mehreren Dutzend Leihspielern ergibt, die zu ihren Vereinen zurückkehren mussten. Ein prominentes Beispiel ist der in der vergangenen Saison an den 1. FC Köln ausgeliehene Mark Uth, den die Rheinländer gerne fest von Schalke 04 verpflichten würden, aber dafür eine Einnahme bräuchten, die noch nicht in Sicht ist.

„Alle sind vorsichtig geworden“, beobachtet Backs, der vor der Pandemie den Transfer von Alexander Nübel zum FC Bayern ausverhandelt hatte. Der ehemalige Journalist rät seinen Klienten dazu, das Anspruchsdenken herunterzuschrauben. „Wer jetzt ein erstes Angebot vorschnell ablehnt, bekommt vielleicht kein zweites mehr.“ Motto: Der Spatz in der Hand könnte besser sein als die Taube auf dem Dach. Wegen des viel später als in der Bundesliga beendeten Spielbetriebs in der Premier League, aus der Mittelklassevereine wie TSG Hoffenheim, Eintracht Frankfurt oder FSV Mainz 05 im Sommer 2019 satte Ablösen teils in Rekordhöhen für Spieler wie Joelinton, Sebastien Haller oder Jean-Philippe Gbamin generierten, ergibt sich der nächste Rezessionsgrund. Unmöglich, dass jetzt ein Klub wie Hoffenheim für seine findige Kaderplanung mit einem Transferplus von 67 Millionen Euro belohnt wird. Von „verschwimmenden Preisen“ berichten viele Agenten.

Berater wie Backs glauben, dass „die Leihgeschäfte später noch Fahrt aufnehmen“. Irgendwann sollen irgendwie die Ladenhüter von der Gehaltsliste – und wenn es dann schon Spätsommer ist. Klar ist auch, dass die Großen mal wieder im Vorteil sind. „Das erlaubt einem Verein wie Bayern München jetzt relativ schnell wieder zur Tagesordnung überzugehen, Verträge zu verlängern und Neuverpflichtungen zu tätigen. Das können wir nicht, wir müssen jetzt definitiv den Gürtel enger schnallen“, sagte der Mainzer Klubchef Stefan Hofmann der „VRM-Gruppe“. Eigentlich ist man darauf angewiesen, dass Geld aus den reicheren Großvereinen bis zum Standort durchsickert. Daher ist in Mainz gerade kein Spieler mehr unverkäuflich.

Bewegung könnte in den stockenden Markt kommen, wenn die Vorbereitung beginnt. Für Jonas Boldt vom Zweitligisten Hamburger SV gehören „Pokerei und Ausreizen von Deadlines“ dazu, und das sei auch nicht schlimm. „Die Summen, über die wir sprechen, werden sich halt verringern. Spieler und Berater sind in diesen Wochen schon bereit, kleinere Brötchen zu backen.“ Allein, weil die Kadergrößen schrumpfen müssen. Beim FC Augsburg, der sich drei ablösefreie Neuzugänge geleistet hat: Rafael Gikiewicz (Union Berlin), Tobias Strobl (Borussia Mönchengladbach) und Daniel Caligiuri (FC Schalke 04), stehen 39 Profis unter Vertrag. Der große Personalüberhang kann auch nicht von den Zweitligisten aufgefangen werden, die selbst zu drastischen Einschnitten gezwungen sind.

Nicht umsonst spürt die Vereinigung der Vertragsfußballer (VdV) für das am 3. August beginnende Camp arbeitsloser Berufskicker eine große Nachfrage. Kurzarbeit, Gehaltsstundungen und Teilverzichte haben zu vielen Rechtsfragen geführt. Themen, um die sich jahrelang nur eine Minderheit kümmern musste. Die Bundesligisten können eingedenk der sich abzeichnenden Einbrüchen bei Ticketing und Sponsoring gar nicht anders, als ihren größten Kostenblock, den Personalaufwand, runterzufahren, der zuletzt weit über 1,5 Milliarden Euro lag.

Sparpotenzial steckt neuerdings auch in den Vertragslaufzeiten, wie findige Manager übermitteln: Wer einen Profi erst kurz vor Ende der erweiterten Wechselfrist am 1. Oktober unter Vertrag nimmt, spart mal schnell drei Monatsgehälter. Aus allen Faktoren zeichnet sich eine Transferperiode ab, in der gute Nerven, enormes Verhandlungsgeschick und eine Menge Geduld gefragt sind. Für Agenten und Manager heißt das übrigens auch, ihre Urlaubsplanung anzupassen. Ferien machen sie am besten jetzt. Genau wie Milot Rashica.

Kommentare