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Elfer - versenkt: Jorginho guckt Torwart Simon aus. afp
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Elfer - versenkt: Jorginho guckt Torwart Simon aus. afp

Italien

Squadra Azzurra do Brasil

  • Thomas Kilchenstein
    VonThomas Kilchenstein
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Jorginho bleibt aus elf Metern eiskalt und beschämt im Nachhinein Italiens Trainer Roberto Mancini.

Da war er wieder, dieser leichte, kleine Hüpfer, kaum wahrnehmbar, aber entscheidend. Es ist seine große Kunst, das leichte Verzögern, viele machen es mittlerweile so aus elf Metern. Und warum sollte Jorge Luiz Frello Filho ausgerechnet jetzt, da es darauf ankam, seine Spezialität ändern? Also flog der Torwart Unai Simon nach rechts und Jorginho, der italienische Kunstschütze, schoss nach links, locker rollte der Ball ins Tor und die Squadra Azzurra ins EM-Finale. „Ich habe einmal tief durchgeatmet und dann geschossen“, sagte der Matchwinner hinterher, als er sich aus dem Knäuel glücklicher Italiener wieder befreit hatte.

Dass Jorginho, der 29 Jahre alte Abläufer im defensiven Mittelfeld, den entscheidenden Elfmeter würde verwandeln, war den meisten klar. Der Mann gilt in Europa als einer der sichersten Schützen vom Punkt, in dieser Saison hat er für den FC Chelsea bereits neun verwandelt, 29 in seiner kompletten Karriere, lediglich vier Versuche verrutschten ihm. Aber Jorginho kann nicht nur Elfmeter versenken.

Im aufregenden Spiel der Italiener ist er der Ruhepol, das Metronom, das das Spiel im Gleichgewicht hält. Jorginho, im brasilianischen Imbituba im Bundesstaat Santa Catarina geboren, ist kein spektakulärer Spieler, meist unscheinbar, im Kleinen agierend. Er spielt kurze sichere Bälle, die ankommen beim Mitspieler. Er sei, sagt sein Trainer Roberto Mancini, jener, der den Rhythmus bestimmt, „er hält die ganze Mannschaft am Ticken.“ Und nicht nur mit Pässen, auch verbal. Jorginho, der alle sechs EM-Spiele in der Startelf begonnen hat, ist einer, der viel redet im Spiel, der dirigiert, die rosafarbenen Zeitungen nennen ihn deshalb tatsächlich ebenfalls „Radio Jorginho“, eine Bezeichnung, mit der ja auch Thomas Müller beim FC Bayern umschrieben wird.

Dieser Sommer ist ganz sicher der sportliche Höhepunkt des 29-Jährigen, erst mit Chelsea die Champions League gewonnen, jetzt mit Italien im EM-Finale. Es war ein langer Weg von Imbituba bis nach Wembley, aber wenn einer ihn vorausgeahnt hatte, dann Jorginhos Mutter Maria Teresa Freitas. Der Erzählung nach soll sie bei der Geburt des kleinen Jorge versprochen haben, alles daran zu setzen, ihn zu einem Fußballer zu formen. Und das tat sie: Nach der Arbeit als Putzfrau, der Vater hatte die Familie früh verlassen, sei seine Mutter mit ihm an den Strand gegangen, um Fußall zu spielen, hat Jorginho mal der NZZ berichtet. Maria Teresa war eine passable Amateurkickerin und im tiefen Sand wurde an der Technik gefeilt. Mit 15 ging Jorginho, dessen Großvater Giacomo Frello aus dem italienischen Lusiana stammte, nach Verona, zu Hellas. Er lebte in einem Kloster, musste mit 50 Euro die Woche auskommen, und ihm wurde, selbst beim seinerzeitigen Serie C-Klub Hellas keine Zukunft prophezeit. Er sei zu dünn und zu schmächtig, hieß es. Dazu kam arges Heimweh. Wieder war es seine Mutter, die ihn am Telefon eindringlich bekniete, durchzuhalten.

Sarri formte ihn

Und er hielt durch, von 2007 bis 2014 spielte er bei Verona, er wurde kräftiger, besser und wechselte 2014 zum SSC Neapel, unter die Fittiche von Maurizio Sarri, der ihn zu dem Defensivspezialisten formte, der er jetzt ist. Sarri war es, der ihn 2018 mit zum FC Chelsea nahm. In dieser Saison machte er 43 Pflichtspiele, natürlich bildete er mit dem Franzosen N`Golo Kanté das defensive Mittelfeldpärchen.

Bei der Squadra Azzurra gehört er übrigens zur dreiköpfigen Brasilien-Connection mit Emerson Palmieri und Rafael Toloi, die im Halbfinale zum Einsatz kamen. Und Roberto Mancini dürfte seine Einschätzung aus 2015, als er Trainer von Inter war, längst bereut haben: „Die italienische Nationalmannschaft muss italienisch sein. Ich denke, dass es ein italienischer Spieler verdient, in der Nationalelf zu spielen, während derjenige, der nicht in Italien geboren ist, auch wenn er italienische Verwandte hat, es nicht verdient.“ Und die Hymne schmettert Jorginho nach 34 Spielen fast so inbrünstig wie Kapitän Chiellini.

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