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Stehen diese Saison nicht mehr auf dem Eis: Jason Jaffray (links) vom EHC München und Travis Turnbull von den Straubing Tigers.

DEL

„Zwischen Pest oder Corona“

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Die Playoff-Absage in der DEL bedeutet für die Klubs einen massiven wirtschaftlichen Schaden. DEL-Chef Gernot Tripcke hofft auf Hilfe des Staats. München verzichtet auf den Meistertitel.

Es hätte am Mittwoch richtig schön kesseln sollen – wie das in den Playoffs im Eishockey so ist. In Ingolstadt und Nürnberg, dort wären die ersten Spiele angesetzt gewesen in der Viertelfinalqualifikation, dem Vorglühen für die richtigen Playoffs ab nächster Woche.

Doch am Mittwoch spielte sich Eishockey im Konferenzraum eines Kölner Hotels ab, Gernot Tripcke, der Geschäftsführer der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), saß auf einer kleinen Bühne an einem Tisch, über den schnell noch eine weiße Decke gezogen worden war, und erklärte, warum es im März, April kein Profi-Eishockey in Deutschland geben werde – jetzt, wo es am schönsten wäre.

Die Behörden waren – Bundesland nach Bundesland – dazu übergegangen, Veranstaltungen mit über tausend Besuchern zu untersagen. „Und Playoffspiele sind solche Events.“ Eishockey vor Geisterkulisse – nicht darstellbar. „Eishockey sind nicht nur die 40 Jungs, die spielen, sondern das Drumherum. Es sei so, als würde man ein Kino aufmachen, aber keiner dürfe gucken. Auch war „der Spielbetrieb nicht zu gewährleisten. Was wäre, wenn wir in den Playoffs den Fall eines infizierten Spielers hätten?“ Müsste einer Serie dann abgebrochen werden, und was hätte das für Diskussionen ausgelöst?

Darum fiel die Entscheidung, die Saison zu beenden, „fast einstimmig“. Es sei eine Entscheidung „zwischen Pest oder Corona“ gewesen. Nur die Eisbären Berlin, aus der Stadt stammend, die da noch kein Veranstaltungsverbot ausgesprochen hatte, sperrten sich am Dienstag noch. Die Eisbären als Hauptrunden-Vierter bekamen allerdings neben München (1.), Mannheim (2.) und Straubing (3.) einen Startplatz in der Champions League, den sie sich in den Playoffs erst noch hätten verdienen müssen. „Unser Glück im Unglück“, sagt Ligenchef Tripcke, „ist, dass wir die Hauptrunde zu Ende gebracht haben.“ Die relevanten sportlichen Entscheidungen sind gefallen und werden anerkannt. Schnell abgehandelt wurde die Frage, ob der Titel vergeben werden soll. „Von den Statuten ist bei uns der Meister der Sieger der Playoffs. Wenn es keine Play-offs gibt, gibt es formell auch keinen Meister“, sagte Tripcke. Hauptrundensieger EHC München hatte den Titel abgelehnt. „In den Gesprächen mit den Gesellschaftern waren die Münchner die ersten, die gesagt haben: so möchten wir nicht zum Meister erklärt werden. Von daher war das gar keine Diskussion“, sagte Tripcke.

Die 14 Klubs sind die Gesellschafter der DEL, es ist ihre Liga – und sie sind stolz auf ihren solidarischen Akt, der ihnen in der Sportlandschaft Beifall eingetragen hat. Allerdings: „Wirtschaftlich ist es eine Katastrophe“, stellt Tripcke dar, „wir befinden uns nun in wirtschaftlicher Quarantäne.“ Der Schaden sei „massiv“, bei der Lizenzierung für 2020/21 könne es „für den ein oder anderen sehr eng werden“. Es fällt schwer, den Verlust zu beziffern. Eine belastbare Größe sind die 300 000 Zuschauer, die Playoffs in der Regel haben, und die Einnahmen, die sie bringen. Allerdings gehen die Kosten von Klub zu Klub weit auseinander. Bei den Stadionmieten – und ein jeder hat eigene Prämienregelungen mit Spielern und Sponsoren. Es haben sich auch schon Vereine verschluckt an unerwartetem sportlichen Erfolg und am Ende draufgezahlt.

Doch die Playoffs haben unermesslichen Imagewert. „Sie sind unser Flaggschiff-Event“, sagt Gernot Tripcke, „das Verkaufsmerkmal, das nun wegfällt.“ Die DEL sucht ab der neuen Saison einen Hauptsponsor, der alte, Covestro, hört auf – wird allerdings keine Regressansprüche wegen der Playoffabsage stellen. Medienpartner Deutsche Telekom und Sport1, das die Playoffs auch gezeigt hätte, sind „not amused“. Gespräche laufen.

Kann man Kurzarbeit für die Spieler anmelden? Wie ist es mit Prämien? Vieles muss noch geklärt werden, es gibt keinen Präzedenzfall. Derzeit müssen die Klubs alles bewältigen, was auf sie zukommt. „Eine Betriebsausfallversicherung für Epidemien werden die wenigsten haben“, glaubt Tripcke. Er meldet bereits Ansprüche an, wenn die Politik Hilfspakete schnürt: „Wir haben die Verbote umgesetzt und hoffen, dass man uns hilft, das zu kompensieren.“

Bei den Vereinen ging der Trainingsbetrieb erst mal weiter. Vielleicht ist für einige Spieler ja noch WM. Sie soll vom 8. bis 24. Mai in der derzeit ruhenden Schweiz stattfinden. Im Gespräch war eine spontane Verlegung nach Weißrussland (Minsk) oder Russland (Sotschi), „doch das“, hat Tripcke gehört, „ist vom Tisch“. Wenn es in Lausanne und Zürich nicht geht, mit Zuschauern zu spielen, entfällt die WM.

Natürlich sind die Fans und Spieler enttäuscht. „Es fühlt sich ein bisschen an, als hätte es die Saison nicht gegeben. Oder als hätte man die Saison nicht gespielt“, sagte Stürmer Leon Niederberger von der Düsseldorfer EG bei Sky. Erst im September geht es weiter – vielleicht. 

mit sid

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