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Der erste Streich: Hans Gruhne, Karl Schulze, Lauritz Schoof und Philipp Wende.

Rudern

Zweimal Gold in zehn Minuten

Sowohl die deutschen Frauen als auch die Männer werden im Doppelvierer Olympiasieger im Rudern.

Von Susanne Rohlfing

Das Ziel ist erreicht, der Sieg sicher, aber die vier Männer machen einfach weiter. Ein Schlag, noch einer. Erst dann lassen sie ihre Ruder sinken, blicken zur Anzeigentafel, warten darauf, dass es die Erkenntnis von den Augen bis ins von der Anstrengung vernebelte Gehirn schafft. Endlich jubeln sie, nicht wild, nur so viel, wie es ihre arg dezimierten Kräfte noch zulassen.

Hans Gruhne, der Schlagmann ganz hinten im Boot, streckt die Arme in die Luft. Vorn erhebt sich Karl Schulze, steht einfach da, ähnlich erhaben wie Cristo oben auf seinem Berg über Rio de Janeiro und der olympischen Ruderstrecke auf der Lagoa Rodrigo de Freitas. Nachdem die Finals am Tag zuvor wegen Sturms abgesagt werden mussten, ist die Regattastrecke am Donnerstag relativ ruhig und sonnenbeschienen.

Und der deutsche Doppelvierer der Männer mit Gruhne, Schulze, Philipp Wende und Lauritz Schoof holte also die erste Goldmedaille für den Deutschen Ruderverband, das Quartett verwies Favorit Australien und das Boot aus Estland auf die Plätze. Für Gruhne war es das erste olympische Gold, seine drei Kollegen hatten auch vor vier Jahren in London schon triumphiert. Und während sie so langsam wieder zu Kräften kamen, der Jubel ausgelassener wurde und ihr Trainer Alexander Schmidt vor Rührung nach Luft schnappen musste, schoben sich die zwölf Minuten nach den Männern gestarteten deutschen Frauen an den lange Zeit führenden Polinnen vorbei. Nach vielen deutschen Tränen in den ersten olympischen Tagen von Rio bahnte sich hier eine Sensation an. Und tatsächlich: Nach Silber in Peking holten in Rio Annekatrin Thiele, Carina Bär, Julia Lier und Lisa Schmidla Gold. Thiele (31), die bereits vor acht Jahren in Peking Silber im Doppelzweier gewann und vor vier Jahren in London im Doppelvierer saß, war so außer sich vor Freude, dass sie durch das gesamte Boot kletterte, um die Kolleginnen zu herzen.

Dann ließ sie sich ins Wasser fallen – das nach einer Säuberungsaktion durch den Veranstalter von wesentlich besserer Qualität ist als noch vor einem Jahr. „Endlich geschafft, richtig geil, einfach überwältigend“, habe sie gedacht, erzählte Thiele später. Und: „Es war mir zu kompliziert, wieder zurück zu klettern.“ Also ab ins Wasser. Abtauchen. Abkühlen. Das aufgewühlte Gemüt beruhigen.

Hans Gruhne, der Schlagmann der Männer, hatte sich da schon wieder etwas gesammelt. Aber leicht fassungslos war er noch immer. Von den Frauen war Gold fast schon erwartet worden, schließlich waren sie seit London zweimal Weltmeister und dreimal Europameister geworden. Nur bei der WM im vergangenen Jahr mussten sie sich mit Rang zwei begnügen, was Thiele als verpatzte Generalprobe für Olympia und gutes Omen abhakte.

Die Männer hingegen haben seit dem WM-Sieg 2015 ein ziemliches Auf und Ab an Gefühlen und Leistungen hinter sich. Gruhne war nach einem extrem harten Wintertraining im Frühjahr überlastet ausgefallen. Er fühlte sich schlapp, war nicht mehr leistungsfähig, konnte nicht gut schlafen, weil sein Herz mit 90 Schlägen pro Minute und nicht wie bei ihm üblich mit 50 pumpte. „Ich habe mich gefühlt, als wäre ich beim Joggen, dabei lag ich im Bett“, erzählte er.

Der Mann, der das Boot im Jahr zuvor zum WM-Sieg geführt hatte, bekam eine Woche Ruhepause auf dem Sofa verordnet und Olympiasieger Tim Grohmann rückte zurück in den Vierer. Beim Weltcup in Luzern spielte Gruhne die Rolle des Wasseranreichers. Doch als der deutsche Doppelvierer nur Fünfter wurde, bekam er doch noch mal die Chance, seine wiedergekehrte Leistungsfähigkeit bei einem Ergometertest zu beweisen. Das tat er überzeugend. Grohmann musste wieder raus aus dem Boot, das Chaos schien perfekt. Doch in Posen, beim letzten Weltcup vor Olympia, wurde das deutsche Quartett schon Zweiter.

Und in Rio preschten sie einfach mal los, und sie setzten die favorisierten Australiern damit offenbar derart unter Schock, dass diese nicht mehr an den Deutschen vorbei kamen. Gruhne sagte: „Das war ein unglaubliches Rennen, dass das bis hinten so gut klappen würde, damit konnten wir nicht rechnen.“

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