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Zwei Säulen wackeln

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Deutschland - Weißrussland im Fritz-Walter-Stadion von Kaiserslautern: Torhüter Jens Lehmann kniet auf dem Rasen. Das Spiel endete 2:2unentschieden.
Deutschland - Weißrussland im Fritz-Walter-Stadion von Kaiserslautern: Torhüter Jens Lehmann kniet auf dem Rasen. Das Spiel endete 2:2unentschieden. © dpa

Jens Lehmann und Christoph Metzelder ringen um Form und Fitness - derzeit haben sie kein EM-Format.

Von Jan Christian Müller

Es hat keine zwei Minuten gedauert, ehe der zuvor überforderte Innenverteidiger Christoph Metzelder aus seinem Fußballer-Trikot heraus und hinein in die Rolle des souveränen Außenministers Christoph Metzelder geschlüpft war.

Nicht die leiseste Spur von Beunruhigung war dem 27-Jährigen anzusehen, als er erläuterte, wieso sich die deutsche Abwehr beim 2:2 im Testspiel gegen Weißrussland mehrfach übertölpeln ließ: "Wir hatten vorher auf Mallorca sehr hart trainiert. Am Ende hat uns deshalb die Kraft gefehlt. Wir sind nur noch auf dem Zahnfleisch gegangen."

Das sah dann so aus: Der gemeinsam mit Patrick Helmes und Marko Marin gestern aus dem EM-Kader gestrichene Jermaine Jones verlor den Ball im Mittelfeld, Metzelder begleitete den Weißrussen Vitali Bulyga in gemächlichem Tempo bei dessen Schuss aus 18 Metern, der nur deshalb im kurzen Eck einschlug, weil Jens Lehmann den haltbaren Ball nicht zu packen bekam: ein bezeichnender Doppelfehler der beiden zentralen Toreverhinderer.

Fehlende Kraft kann Lehmann nicht ernsthaft als Begründung dafür vorbringen, dass er einen haltbaren Schuss passieren ließ. Der 38-Jährige verwies dennoch darauf, er habe "in den letzten 48 Stunden eine der härtesten Trainingseinheit meines Lebens gemacht". Doch der Verdacht drängt sich auf, dass der Keeper weniger mit Erschöpfungssymptomen zu kämpfen hatte als vielmehr mit fehlender Spielpraxis nach lediglich 13 Pflichtspielen für Arsenal.

Die komplexen Aufgaben, die ein Torwart auf diesem Niveau zu erledigen hat, erledigte Lehmann gegen Weißrussland nur zu einem kleinen Teil souverän. Er zeigte einige gute Reaktionen, aber er war auch seltsam fahrig. Ihm prallte ein Ball von der Brust, den er hätte festhalten müsses; dann boxte er nach einer Ecke ein Loch in die Luft; und er ließ die gewohnte Sicherheit mit dem Fuß vermissen.

Ein Raunen ging durchs Stadion, als ihm schon zu Beginn ein Rückpass vom Fuß sprang und er sich und seine Abwehr so in Bedrängnis brachte. Souveränität und Sicherheit sehen anders aus.

Souveränität und Sicherheit gingen auch Metzelder gegen die wieselflinken Weißrussen ab. "Per (Mertesacker, die Red.) und ich haben es in der zweiten Halbzeit verbal und körperlich nicht mehr in den Griff gekriegt", räumte der völlig ausgepumpte Verteidiger ein. Metzelder hatte zuvor nur einen einzigen schwierigen Zweikampf gewonnen, verlor die meisten Laufduelle bereits im Antritt und ließ zwischen sich und dem links völlig überforderten Not-Verteidiger Thomas Hitzlsperger regelmäßig Gegner hindurchschlüpfen. "Ich muss erst ein Gefühl bekommen für Abstände und das Tempo eines Gegners. Doch auch das kommt ziemlich schnell", glaubt Metzelder, der nach wie vor Schmerzen am operierten Fuß verspürt.

Die zentrale Frage lautet nun: Ist seine erschreckende Vorstellung mehr dem Trainingsprogramm auf Mallorca oder mehr dem Rückstand nach fünfmonatiger Zwangpause, lediglich neun Saisonspielen für Real Madrid und nur 150 Minuten Einsatzdauer in den letzten beiden Begegnungen in der Primera Division geschuldet?

Der vielfach angeführte Vergleich zur WM 2006 hinkt noch stärker als Metzelder nach dem Abpfiff in Lautern: Seinerzeit absolvierte er für Borussia Dortmund 23 Saisonspiele und fast das gesamte Trainingsprogramm der Rückrunde. Mertesacker erkennt die Probleme und sagt seine Unterstützung zu: "Metze und ich haben eine gute Basis miteinander. Wir vertrauen uns. Ich werde versuchen, ihm zu helfen."

Bundestrainer Joachim Löw hat sowohl für Lehmann als auch für Metzelder das Leistungsprinzip derzeit (noch) ausgesetzt und durch das Prinzip Erfahrung und Führungsqualität ersetzt. Löw sieht die beiden Anführer, gemeinsam mit Michael Ballack und Torsten Frings, als wichtige Teile einer funktionierenden Hierarchie und einer bei der WM vor zwei Jahren stabilen defensive Achse. Lehmanns Rolle für das Team beschreibt Mertesacker so: "Der Jens könnte ja fast mein Vater sein, er gibt vieles vor, es gibt viele Gespräche, die von Jens ausgehen."

Aber Löw hat im Fall Timo Hildebrand bewiesen, dass er in der Lage ist, harte Entscheidungen zu fällen. Er hat bislang bewusst darauf verzichtet, Lehmann als klare Nummer eins auszudeuten. Wenn "alles normal" laufe und "Jens die Form und Ausstrahlungskraft" zeige, die man von ihm zuvor gewohnt gewesen sei, dann könne man "davon ausgehen, dass er die Nummer eins ist."

Hätte, wenn und aber: Lehmann steht am Samstag ab 17.30 Uhr in Gelsenkirchen gegen Serbien mehr denn je auf dem Prüfstand. Die Nominierung des überragenden Torwarts der letzten Saison, Rene Adler,erst 23, war nicht nur ein Signal an Timo Hildebrand.

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