+
War bedient: Andy Schmid von den Rhein-Neckar Löwen (Mitte) gegen den Kieler Sebastian Firnhaber.

Rhein Neckar Löwen

Zwei Lokomotiven auf einem Gleis

  • schließen

Die Rhein-Neckar Löwen gehen aus der Terminkollision von Liga und Champions League als doppelter Verlierer hervor.

Als wäre alles nicht ohnehin schon schlimm genug, gab es auch noch Häme. Die Schritte fielen Andy Schmid sowieso schwer, als er sich auf den Weg in Richtung der Kabine machte. Mit dem Kapitän der Rhein-Neckar Löwen trotteten die Kollegen vom Feld, als der Hallensprecher die Stimme hob. „Die Löwen haben hier nur ein Tor mehr geschossen als in Kielce“, frohlockte der Mann mit dem Mikrofon. Die Zuschauer johlten und einer von ihnen sagte wenig später am Bierstand: „Ich glaube, die haben zweimal die Zweite Mannschaft geschickt.“

Ein absurder Tag in der Geschichte des professionellen Handballs war noch nicht vorbei, aber für den Tabellenführer der Bundesliga schon gelaufen. „Das war ein Scheißtag für uns, ein Scheißtag für den Verein und ein Scheißtag für den Handball“, fasste Schmid die Gesamteindrücke nach dem 22:27 der Löwen-Profis später zusammen. Zur Pause lagen sie beim THW Kiel bereits aussichtslos 9:17 zurück, was Quervergleiche mit der eigene Zweiten Mannschaft zuließ, die unmittelbar zuvor im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League beim polnischen Meister KS Kielce nach einem 8:21 nach 30 Minuten am Ende 17:41 verloren hatte.

Ein Terminstreit zwischen der Handball-Bundesliga (HBL) und dem europäischen Verband (EHF) war darin gegipfelt, dass die Löwen an einem Tag zwei wichtige Spiele bestreiten mussten. Weil es dem Klub aus Mannheim an magischen Kräften mangelt und der Mensch aufgrund physikalischer Grenzen nicht zeitgleich an zwei Orten sein kann, mussten sich die Klubverantwortlichen entscheiden: Die beste Mannschaft reiste nach Kiel, das Reserveteam aus der Dritten Liga nach Kielce. Die Champions-League-Ambitionen schenkten die Badener notgedrungen ab, und in der Liga gab es einen bitteren Rückschlag.

„Wir sind jetzt die kompletten Idioten“, sagte Schmid mit Blick auf die eigene Leistung in Kiel, aber im Grunde steht dieser Satz sinnbildlich für die gesamte Sportart. Die leidet unter einem Machtkampf zwischen der EHF und der HBL, bei dem es um die Frage geht, wer wichtiger für die Fortentwicklung der eigenen Sportart ist. Beide Verbände sind davon überzeugt, die Lokomotive des Handballs zu sein. Pikanterweise können sowohl die EHF als auch die HBL große Zugkraft entfalten, sind aber nicht bereit, etwas zurückversetzt zu fahren, wenn nur ein Gleis zur Verfügung steht.
 

Die deutsche Liga hat durch einen im vergangenen Sommer in Kraft getretenen Fernsehvertrag die Chance, zwei Bundesligaspiele pro Saison live zur besten Sportschau-Zeit am Samstagabend, wenn die Fußball-Bundesliga pausiert, in der ARD zu übertragen. Die HBL und die beteiligten Klubs erreichen damit auf Klubebene eine lukrative und äußerst seltene Zuschauer-Reichweite jenseits der Millionengrenze. Deshalb nahmen sie die Terminkollision mit der EHF bewusst in Kauf, deren Champions-League-Termine länger als ein Jahr im Voraus festgelegt werden – und setzten darauf, dass in Abstimmung mit dem europäischen Verband und den betroffenen Klubs im Ausland eine Lösung gefunden werden würde. In der Vergangenheit hatten sich auch auf europäischer Ebene deutsche Interessen meist durchgesetzt, da der Werbemarkt der wichtigste für den Handball ist. Das hatte nicht nur Zustimmung gefunden.

„Uns wurde oft vorgeworfen, dass wir zu deutschland-freundlich handeln würden. Diesmal haben uns viele Klubs gelobt, dass wir uns nicht den Wünschen der HBL gebeugt haben“, sagte EHF-Präsident Michael Wiederer im Vorfeld des verrückten Samstags. In der EHF-Zentrale in Wien ist der Ärger über den Ligaverband in Deutschland seit Jahren groß, denn mehrfach kam es zu Terminüberschneidungen. Vor zwei Jahren trug die HBL ihr Pokal-Finalwochenende zeitgleich zum Viertelfinale in der Champions League aus – und schrammte nur mit viel Dusel an einer Konstellation vorbei, von der jetzt die Rhein-Neckar Löwen betroffen waren.

Die führenden Klubs in Europa – der FC Barcelona, Paris Saint-Germain oder der KC Veszprem (Ungarn) – sind wie die EHF nicht mehr bereit, sich dem Diktat aus Deutschland zu unterwerfen. Eine von ihnen gewünschte Ausweitung der Champions League scheiterte lange am Veto aus der Bundesliga. Die ist sportlich und wirtschaftlich lukrativer als die nationalen Ligen im Rest von Europa und verlangt deshalb eine Sonderrolle. Wird die der HBL nicht eingeräumt, reagieren die Vertreter dünnhäutig. „Das ist unprofessionell“, zürnte Ligachef Frank Bohmann zuletzt im Terminstreit.

EHF sitzt am längeren Hebel

Die Fronten sind verhärtet und ein Ende des Streites nicht absehbar. Die aktuellen TV-Verträge gelten bis 2020 und der Rahmenterminkalender der EHF sieht weiterhin Überschneidungen vor. Im November 2018 und im März 2019, wenn die ARD weitere Handball-Live-Spiele zur Sportschau-Zeit plant, sind auch Champions-League-Spiele angesetzt.

Ein bisschen weniger dramatisch dürfte sich die Lage bis dahin aber schon entwickeln, denn die EHF hat angekündigt, dass die HBL in der kommenden Saison neben zwei garantierten Startplätzen keine Wildcard für die Champions League erhält, wie in den zurückliegenden Spielzeiten üblich. Ein Jahr danach könnte es nach einer neuerlichen Reform der europäischen Königsklasse sogar nur noch einen deutschen Teilnehmer geben. So kann man sich eines Problems auch entledigen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion