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Vater und Sohn: Jürgen Rollmann (52, rechts) mit Lucas Rollmann (26) auf dem Trainingsplatz.

Serie „Ganz nah dran“

Zwei Leben für den Sport

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Vater Jürgen und Sohn Lucas Rollmann engagieren sich jeder auf seine Weise auf oft ungewöhnlichen Wegen.

Lucas Rollmann rollen die Schweißperlen von der Stirn über das Gesicht hinunter. Gerade hat er das Training mit den C-Jugendlichen der Jugendspielgemeinschaft Hardeck geleitet und beim Abschlussspiel mitgemacht. Es sind fast 30 Grad, da kann man schon mal ins Schwitzen geraten. Hier, ein bisschen im Niemandsland hinter Hanau nahe Büdingen, müssen sich Vereine zusammentun, um überhaupt Mannschaften bilden zu können. Eine B- oder A-Jugend gibt es trotzdem nicht. Lucas Rollmann ist zuversichtlich, dass er seine Truppe zusammenhalten kann. Das schafft er jetzt schon seit drei Jahren. Neulich stand er stolz auf der Bühne im Alten Rathaus von Büdingen. Ihm wurde der Jugend-Motivationspreis verliehen. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein 26-Jähriger zuverlässig Woche für Woche ein Nachwuchsteam coacht und für die Jungs noch als Chauffeur zum Training und zurück tätig ist. All das tun woanders meist nur Väter.

Lucas Rollmanns Vater Jürgen steht an der Bande hinterm Trainingsplatz. Man sieht dem 52-Jährigen an, dass er stolz ist auf seinen Sohn. Es war nicht immer einfach mit Lucas. Der Kerl hatte so wenig Lust auf Schule, dass seine Lehrer ernsthaft befürchteten, er könne noch nicht einmal den Hauptschulabschluss schaffen. Jürgen Rollmann und seine Frau Andrea haben sich ernsthafte Sorgen gemacht, was aus dem Jungen mal werden würde.

Jürgen Rollmann war Torwart bei Kickers Offenbach, 1860 München und dem FSV Frankfurt in der damals drittklassigen Oberliga und hat nebenbei für die „Offenbach Post“ Berichte und Storys geschrieben, ehe Trainer Otto Rehhagel ihn in die Bundesliga zu Werder Bremen holte, wo er in der Stadionzeitung jahrelang das Vorwort von Manager Willi Lemke verfasst hat und seinen Kasten im Europapokalfinale 1992 gegen den AS Monaco im Stadion des Lichts in Lissabon sauber hielt. Werder gewann 2:0.

Die Serie „Ganz nah dran“

Die neue FR-Serie erzählt von Menschen, die viel bewegen – mal sich selbst, mal andere. Von Sportlern, die außergewöhnliche Leistungen vollbringen oder vom Schicksal hart getroffen wurden. Von Trainern, die die Sportler zu außergewöhnlichen machen. Von Ehrenamtlichen, die für ihre Vereine unverzichtbar sind.

Heute: Ganz nah dran an Lucas und Jürgen Rollmann.

Er hat in Frankfurt gemeinsam mit Jürgen Klopp drei Semester Sportwissenschaften studiert, später in München die Deutsche Journalistenschule absolviert und ein Studium der Politik- und Kommunikationswissenschaft, Soziologie und Sozialpsychologie abgeschlossen. Später ließ er sich zum Hörfunksprecher ausbilden, hat ein Buch geschrieben („Beruf Fußballprofi – oder ein Leben zwischen Sein und Schein“), war Manager beim FC Augsburg, Pressesprecher der Bayern-SPD und Koordinator der Bundesregierung für die Fußball-WM 2006. Er sagt über sich selbst: „Ich habe viele Dinge als wichtiger betrachtet als den Fußball.“ Zwischendurch war er in die SPD eingetreten und wurde Präsident der Spielergewerkschaft VDV.

Als in Büdingen eine Erstaufnahmeunterkunft für bis zu 1000 Flüchtlinge entstand und die NPD aus dem Stand zwölf Prozent holte, hat Jürgen Rollmann reagiert und die SPD im Stadtteil Lorbach, wo er mit der Familie wohnt, reaktiviert. Er ist dort jetzt der Erste Vorsitzende. Und er hat sich als Sozialarbeiter in der Flüchtlingshilfe engagiert. Fulltimejob, er hatte gerade Zeit dazu. Hat viel Fußball gespielt mit den jungen Männern. Er freut sich, dass er immer mal wieder jemanden trifft, der es geschafft hat. In die Batteriefabrik zu Beispiel.

Seit ein paar Monaten ist er Sportdirektor im Deutschen Dartverband (DDV). Wieder so ein Projekt, seine Bewerbung auf eine Anzeige war erfolgreich. Er hatte ohnehin daheim im vormaligen Abstellraum wie verrückt trainiert, ist mit dem Dart Club Dalton im E-Darts in die Bundesliga aufgestiegen. Er versteht was von Darts, der Verband wird inzwischen vom Bundesinnenministerium und dem Deutschen Olympischen Sportbund gefördert. Der DDV hat ein kleines Büro in Frankfurt, gemeinsam mit dem Wasserski- und Wakeboard-Verband. Jetzt werkelt Rollmann senior unter anderem daran, dass die WM 2023 nach Frankfurt kommt und dass Darts olympisch wird. „Da ist Bewegung drin.“

Sohn Lucas sind solche Ambitionen fremd. Er hat in seinem ganzen Leben erst ein Buch gelesen, erzählt er breit grinsend, „das von meinem Vater, und das gleich dreimal.“ Er ist auf andere Art und Weise sportverrückt. Seine Ausbildung als Fachkraft für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen bei der Deutsche Post hat er geschafft, die Eltern sind schwer erleichtert, jetzt arbeitet er schon seit drei Jahren als Servicefahrer für ein Sanitätshaus. Dazu das Training zweimal wöchentlich, die Spiele mit den Jungs und seine eigene kleine Karriere in der B-Klasse als Offensivspieler beim FC Lorbach. Alles noch ziemlich normal.

Außergewöhnlich ist allerdings seine Hingabe für mehr als ein Dutzend Fußballklubs, deren Spiele er fast regelmäßig besucht. Die Begegnungen seiner Mannschaft legt er deshalb, wann immer möglich, auf freitagabends. Die Frankfurter Eintracht mag er irgendwie nicht, aber für Mainz 05 besitzt er eine Dauerkarte, Stehblock hinter den Ultras, bei Kickers Offenbach und dem FSV Frankfurt schaut er vorbei, so oft es geht, gern auch beim MSV in seiner Geburtstadt Duisburg, wo sein Vater vor zweieinhalb Jahrzehnten in der Bundesliga Bälle hielt. Der ehemalige Nachbar Alfred, inzwischen 97, hat es geschafft, dass Lucas Rollmann außerdem Fan von Schalke 04 geworden ist. Den alten Alfred besucht er gern, wegen Alfred ist er Mitglied bei den Knappen und im Fanclub „Königsblau in der Wetterau“.

Weil Lucas sich so keineswegs ausgelastet fühlt, besucht er oft die Spiele des 1. FFC Frankfurt in der Frauen-Bundesliga. Er war bei den letzten vier Frauen-Pokalfinals jeweils in Köln dabei und hat gerade erst den Sieg der Eintracht-Frauen im Hessenpokalfinale in Erlensee gegen Jahn Calden vor Ort verfolgt. Ebenso bezeichnet er sich als Sympathisanten der Frauen der SG Haitz Gelnhausen, der Bundesliga-Absteigerinnen von Werder Bremen und der Damen von Zweitligaabsteiger Hessen Wetzlar. Auch bei den Frauen-Erstligisten SGS Essen und SC Sand ist er manchmal vor Ort. „Klar gibt’s einige, die mir sagen: ,Wie kannste dir das nur angucken?’ Ich finde, dass die Frauen ehrlicheren Fußball spielen, sie liegen nicht so viel am Boden, es gibt deshalb auch mehr Spielzeit.“

Im Hause Rollmann kommt es wegen der Passion des Juniors durchaus auch dazu, dass der Vater die EM-Qualifikation der Männer-Nationalmannschaft gegen Estland im Fernsehen schaut und der Sohn daneben sitzt und auf dem I-Pad die WM-Partie USA gegen Thailand verfolgt. Ach so, das hat er noch vergessen, auch die Frauenmannschaften des FC Ingolstadt und von Hannover 96 hat er schon mehrfach gesehen. Beide just aufgestiegen, Hannover in die Regionalliga, Ingolstadt in die zweite Liga. Lucas Rollmann verteidigt das oft von Freunden belächelte Spielniveau: „Die Frauen haben erst 1970 angefangen, die können wirklich noch nicht besser sein.“

Seine Schwester Lisa, die als Jugendliche noch gern kickte und inzwischen in Offenbach wohnt, hat der große Bruder allerdings nicht überzeugen können, es noch mal zurück auf den Platz zu versuchen. „Ich habe ihr gesagt, dass die Kickers eine gute Mannschaft haben. Aber sie will nicht mehr Fußballspielen.“ Auch in seiner eigenen Jugendmannschaft spielen keine Mädchen.

Einen Plan wollen die Rollmanns aber bestimmt noch verwirklichen: Zum 100. Jubiläum des FC Lorbach planen Jürgen und Lucas Rollmann, gemeinsam aufzulaufen. Beim E-Darts in der zweiten Mannschaft der Daltons haben sie das bereits geschafft. Es gab eine Niederlage in der Bezirksklasse. Aber Sport machen die beiden schon lange nicht mehr an Sieg und Niederlage fest.

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