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„Zwei, drei Chancen gebe ich mir noch“

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Von: Jürgen Ahäuser

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Werner Schuster: „Ich als Trainer kann ihm helfen, die Tür zu öffnen, durchgehen muss er selbst.“
Werner Schuster: „Ich als Trainer kann ihm helfen, die Tür zu öffnen, durchgehen muss er selbst.“ © imago

Bundestrainer Werner Schuster über die Komplexität des Skispringens, die Aussicht, einen seiner Sportler zum Tourneesieger zu machen und die Favoriten dieser Tour

Werner Schuster (47) ist seit 2008 Cheftrainer der deutschen Skispringer. Der Österreicher hat aus einem verunsicherten Kader wieder ein schlagkräftiges Team geformt und insbesondere Severin Freund an die Weltspitze geführt. Großes Ziel des Österreichers ist es, den Sieg bei der Vierschanzentournee wieder nach Deutschland zu holen.

Herr Schuster, im vergangenen Jahr fieberten die deutschen Fans des Skispringens der Vier-schanzentournee mit großen Erwartungen entgegen. Severin Freund galt als Mitfavorit, und es sah danach aus, dass nach 14 Jahren wieder einmal ein Deutscher die prestigeträchtige Tour gewinnen könnte. Freund hat geliefert, er ist Zweiter geworden. In diesem Jahr sieht es nach dem bisherigen Saisonverlauf nicht so aus, dass ein Athlet des Deutschen Skiverbandes am Ende ganz vorne mitspringen kann.
Im Moment drängt sich aus dem DSV-Kader tatsächlich kein Sieganwärter auf. Aber wir sind breit aufgestellt. Hoffnung gibt es immer. Punktuell haben meine Athleten bereits Spitzenleistungen zeigen können, konstant waren diese bisher aber noch nicht. Wir haben aber in den vergangenen zwei Wochen noch daran gefeilt, den einen oder anderen Athleten in Schuss zu bringen. In diesem Jahr kommen wir definitiv aus der Außenseiterrolle zur Tournee.

Woran hat es bei dem einen oder anderen denn gehapert?
Wir müssen da jeden Einzelnen betrachten. In den letzten Jahren war es Severin Freund, der es geschafft hat, ganz vorne mitzuspringen. Punktuell hat das auch Richard Freitag geschafft. Aber Severin musste an der Hüfte operiert werden. Mit dem Trainingsrückstand kann er nicht so stabil sein. Er ist mit einem Sieg in Kuusamo sehr gut eingestiegen, besser als erwartet. Danach ist er allerdings schlechter gesprungen als ich gedacht habe. Zwischen den Plätzen sechs und zehn sollte sein Niveau liegen.

Fünf Monate konnte Severin Freund keinen einzigen Sprung machen und gewinnt dennoch das Weltcupspringen auf der schwierigen Schanze. Da waren Sie sicher auch positiv überrascht?
Severin mag diese Schanze. Dort ist es meist sehr windig, er hat einen sehr stabilen Sprung und kann dort, wo sich manche fürchten, seine Technik durchziehen. Bei den anderen Springen habe ich aber gesehen, dass er noch einen Absprungfehler drin hat. Er kommt zu flach weg vom Schanzentisch.

Ist das eine Frage der noch fehlenden Athletik?
Nein, das wäre zwar naheliegend, aber es ist eine Technikfrage. Vergleichbar mit dem Stabhochsprung. Die Bewegungsabläufe müssen extrem sauber ausgeführt werden. Dazu fehlen ihm einige Trainingssprünge. Die Feinabstimmung in der Muskulatur funktioniert noch nicht so. Und bei über 90 Stundenkilometer Anlaufgeschwindigkeit muss beim Absprung alles stimmen. Athletisch ist er schon sehr gut dabei.

Skispringen, Sie haben es gerade erklärt, ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Wenn es an Kleinigkeiten hakt, funktioniert das gesamte Flugsystem nicht. Im vergangenen Jahr war Peter Prevc der überragende Springer. Jetzt springt er insbesondere seinem erst 17 Jahre alten Bruder Domen hinterher. Wie kommt das?
Um gut skispringen zu können, braucht der Athlet vor allem Selbstvertrauen. Wenn irgendetwas im System nicht stimmt, dann wird es auch für Spitzenleute schwierig, gute Leistungen zu bringen. Die Springer bewegen sich fast immer am Limit. Wenn das Material stimmt und der Athlet nicht mehr so viel nachdenken muss, er voller positiver Energie ist, dann können irrsinnige Leistungssprünge herauskommen. Wenn es Selbstzweifel gibt, dann wird es schwierig sehr gute Leistungen zu bringen. Domen Prevc springt sehr unbekümmert, so wie Max Verstappen Formel 1 fährt. Beide sind im übertragenen Sinne noch nicht mit 250 Sachen gegen die Mauer gefahren. Das ist ein großer Vorteil. Peter Prevc war zwar nicht verletzt, aber er springt nicht mehr so traumwandlerisch sicher wie im vergangenen Jahr. Lässt einer vorne nach, sind gleich ein paar andere da.

Sehen Sie denn im System von Peter Prevc einen entscheidenden Fehler oder kommt der zur Tournee noch groß raus?
Ich befürchte, er kommt noch. Ich nehme an, er wird seine Probleme noch in den Griff bekommen, auch weil er im vergangenen Jahr so überragend war. Er ist sicher ein bisschen von der Leistung seines Bruders beeindruckt, aber er wird sich nicht geschlagen geben. Auch Severin Freund wird sich steigern können.

Wie schwer es ist, aus einem tiefen Tal herauszukommen, zeigt das Beispiel Gregor Schlierenzauer. Der alle überragende Springer der letzten Jahre hat die vergangene Saison abgebrochen, weil er nicht annähernd mithalten konnte. Sie kennen ihn aus der Zeit als Sie Trainer am Ski-Gymnasium in Stams waren. Mal abgesehen von seinem Kreuzbandriss, den er sich beim Skifahren zugezogen hat, kann er wieder vorne mitmischen?

Kommen wir zurück zur deutschen Mannschaft. Richard Freitag hat schon Siege im Weltcup gefeiert und dennoch fehlt dem Kronprinzen im Team die Konstanz. Woran liegt das?
Gute Frage. Körperlich bringt er alles mit, um vorne dabei zu sein. In diesem Sommer hat er sich lange mit Materialtests aufgehalten. Seine Ergebnisse waren für seine Ansprüche eher schwach. Jetzt ist er nicht konstant genug, um unter Wettkampfdruck sein Potenzial abzurufen. Aber er ist ein akribischer Arbeiter, und ich hoffe, dass er sich noch selbst belohnt. Es ist eine Persönlichkeitsfrage, wie der Springer oben auf der Schanze mit der Situation zurechtkommt. Ich als Trainer kann ihm helfen, die Tür zu öffnen, durchgehen muss er selbst.

Andreas Wellinger scheint ein ähnlicher Fall zu sein. Einem Hoch folgt schnell wieder ein Tief.
Bei Andreas Wellinger liegen die Dinge etwas anders. Er ist noch deutlich jünger, fünf Jahre um genau zu sein, als Richard Freitag. Er ist wie ein Komet in die Szene gekommen. Er war ähnlich wie Domen Prevc sehr, sehr risikofreudig und hat ja auch gleich ein Springen gewonnen, ist Team-Olympiasieger geworden. Dann hatte er aber diesen schweren Sturz in Kuusamo. Der hat Spuren hinterlassen. Er muss diese Risikobereitschaft wiederfinden. Ich habe nach dem Sommer gedacht, dass er nicht so weit weg ist, er besser in die Wettkampfsaison findet. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir über kurz oder lang noch einen anderen Andy Wellinger erleben werden.

Und dann hüpft plötzlich ein anderer aufs Podium. Markus Eisenbichler war ein wenig in der Versenkung verschwunden. Jetzt lieferte er die konstantesten Ergebnisse ab. Hat Sie das überrascht?
Nicht so sehr. Er war immer schon ein sehr guter Flieger. Er hat auch die Athletik für gute Sprünge, er hat aber immer nur einen gezeigt. In Lillehammer gelangen ihm dann zwei gute Sprünge, und schon stand er auf dem Podium. Er kann das toppen. Das war mental eine schwierige Situation für ihn, so lange für einen Spitzenplatz zu kämpfen. Er ist Außenseiter bei der Tournee, muss schauen, gleich gut hineinzufinden.

Nicht nur bei uns Journalisten geistert die These herum, die deutschen Skispringer seien insbesondere bei der Tour wegen der großen Erfolge der Vorgängergeneration mental blockiert. Seit Sven Hannawald 2002 alle vier Springen gewann, hat mit Ausnahme von Severin Freund kein deutscher Athlet mehr an diese Leistung anknüpfen können. Können Sie als Sportwissenschaftler und Psychologe dieser These etwas abgewinnen?
Es ist etwas oberflächlich gedacht, aber deshalb nicht ganz falsch. Wir sind sehr oft mit der Generation Sven Hannawald und Martin Schmitt konfrontiert worden. Aber Severin Freund war danach auch wieder der erste Weltcupsieger, Weltmeister und Weltmeister im Skifliegen. Er ist aus dem Schatten dieser Generation ganz sicher herausgesprungen, er hat eine eigene Geschichte geschrieben, und er hat mehr Weltcupsiege als Sven Hannawald, das wissen die meisten gar nicht. Ich sehe Severin Freund auf der gleichen Stufe wie Sven Hannawald. Aber natürlich ist richtig, dass der Tourneesieg noch aussteht. Wir haben tatsächlich lange gebraucht, um eine gute Tournee zu springen. Aber wer viermal auf das Podest kommt, braucht sich nichts vorzuwerfen. Manchmal ist halt einer noch besser. Ich hoffe, dass wir trotz der schwierigeren Situation in diesem Jahr bei der Tour mit guten Leistungen nachlegen können.

Sind Sie denn guter Dinge, dass unter Ihrer Regie der große Coup noch gelingt?
Das ist das große Ziel. Ganz so oft werde ich nicht mehr an erster Stelle der Verantwortung für den DSV stehen. Aber zwei, drei Chancen gebe ich mir noch.

Und dann gehen Sie zurück nach Österreich?
Nein, dann brauche ich erstmal eine Pause. Der Job ist sehr anstrengend, sehr kräfteraubend. Im Moment macht es noch sehr viel Spaß und ich sehe noch viel Potenzial in meinen Jungs.

Interview: Jürgen Ahäuser

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