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Alexander Zverev.

Australian Open

Zverevs unverhofftes Glück

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Ohne große Ambitionen war der kriselnde Tennisprofi zu den Australian Open gefahren – jetzt steht er zum ersten Mal in seiner Karriere im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers.

Es gab in den letzten beiden Jahren kaum ein größeres Turnier, bei dem Alexander Zverev nicht als Mitfavorit gehandelt worden wäre. Oder wenigstens als Titelanwärter im erweiterten Kreis. Doch als Zverev vor gut zwei Wochen in Melbourne ankam, war er plötzlich ein Niemand in der Spekulationswelt des Grand-Slam-Tennis. Schwer gebeutelt wurde Zverev beim ATP-Cup, einem neu geschaffenen Nationenwettbewerb, er hatte alle seine Spiele verloren, er hatte sich mit seinem Vater und Cheftrainer Alexander Senior gezofft, er hatte die deutsche Mannschaft im Stich gelassen mit seinen Horror-Auftritten, und er hatte selbst seinen Mentor Boris Becker ratlos zurückgelassen. Was mit Zverev los sei, so Becker, müsse man schon als ernste Krise sehen. Der Junge sei „völlig verunsichert“.

Aber so ist das manchmal im Sport, im Tennis erst recht, dem Sport, in dem ein Einzelner sich wild durch alle Wellentäler bewegen kann, durch frappierende Aufs und Abs. Wer hoch gehandelt wird, wer mit riesigen Erwartungen befrachtet wird, am meisten bei den überragenden Grand-Slam-Turnieren, kann tief fallen. Und wem gar nichts mehr zugetraut wird, wer sich selbst kaum noch etwas ausrechnet, der spielt auf einmal in einem Zustand merkwürdiger Gelassenheit und angenehmer Gleichgültigkeit. Zverev, der krasse Außenseiter, der kriselnde Star, ist nun gerade der Letzte, der aus einem solchen Zustand ohne jegliche Last und ohne jeglichen Druck zu Höherem aufgebrochen ist. „Null Erwartungen“ habe er an dieses Turnier gehabt, „anständig“ habe er sich präsentieren wollen bis zu seinem Ausscheiden, früher oder später – das sei seine Geistesverfassung gewesen.

Doch erstens ist Zverev bisher noch überhaupt nicht ausgeschieden. Und zweitens ist er von seinem Status als Randfigur der allerersten Grand-Slam-Tage nun mittendrin im Rampenlicht, als Halbfinal-Debütant bei einem der vier Major-Turniere – welch eine Schleuderpartie für den 22-jährigen Hamburger, der soweit das größte Comeback seiner Karriere auf die Courts des National Tennis Centers in Melbourne hinlegt. Ein Comeback zauberte er im Übrigen auch am Mittwoch en miniature hin, bei seinem 1:6, 6:3, 6:4, 6:2-Erfolg gegen den Schweizer Altvorderen Stan Wawrinka. 24 Minuten lang erlebte Zverev im ersten Satz eine bittere Abfuhr, er wusste in der ungewohnten Tagsession überhaupt nicht, wie ihm geschah. Und trotzdem behielt er, wie in vier vorherigen Partien auch, seine neue Solidität, Souveränität und Selbstsicherheit, drehte das Match konzentriert und ruhig, geradezu leichthin um. Und durfte anschließend verkünden: „Ihr wisst gar nicht, was mir das bedeutet. Es ist ein geniales, ein überragendes Gefühl.“

Im Halbfinale trifft Zverev in der Nachtshow des Freitags auf einen guten Bekannten, auf seinen österreichischen Kumpel Dominic Thiem. Der Weltranglisten-Fünfte war am Ende eines vierstündigen, hochdramatischen Abnutzungskampfes der verdiente 7:6 (7:3), 7:6 (7:4), 4:6, 7:6 (8:6)-Sieger gegen Matador Rafael Nadal. Der 26-jährige Thiem hat sechs der bisherigen acht Duelle gewonnen, darunter auch zwei Viertelfinal-Matches bei den French Open.

So weit wie in Melbourne hat es Zverev noch nie bei einem der Wettbewerbe getragen, die Status und Marktwert eines Profispielers definieren. Und was ihn stets am Fortkommen hinderte auf ganz großer Bühne – unnötige Ressourcenverschwendung in der frühen Turnierphase, zu lange Matches gegen Gegner aus den hinteren Reihen – das kommt ihm jetzt im Umkehrschluss zugute. Bis ins Viertelfinale gab Zverev, stets sehr wach, aufmerksam und entschlossen, keinen Satz ab. Andernorts der ewige Marathonmann, dem dann doch die Puste ausging, war und ist der Deutsche bei den Australian Open 2020 der absolute Energiesparer – 143 Minuten, 139 Minuten, 116 Minuten, 97 Minuten und noch einmal 139 Minuten gegen Wawrinka lauteten seine bisherigen Arbeitszeiten. „Ich bin mir sicher, dass ich noch gut zulegen kann“, sagte Zverev am Mittwoch, als er letztlich nur eine Kurzschicht gegen den zunehmend matteren Wawrinka zu absolvieren hatte.

Der zweite große Pluspunkt: der Aufschlag. Der Schlag, den kein Gegner beeinflussen kann, er ist Zverevs Paradeschlag. An guten Tagen jedenfalls. Davon gab es, bis zu den Australian Open, aber nur wenige. Beim ATP-Cup in Brisbane wurden 31 Doppelfehler des Hamburgers notiert, sein Service war auch seine Schwachstelle, der Quell seiner Frustration. In Melbourne nun – eine wundersame Verwandlung: Zverev schlug nicht nur 56 Asse, sondern setzte sich an die Spitzenposition bei den ins Feld gebrachten ersten Aufschlägen, 79 Prozent schwarz auf weiß. „Mit so einer Quote hat es jeder, absolut jeder schwer gegen Sascha“, merkte US-Altmeister John McEnroe da an. Auch Thiem, der nächste Gegner.

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