+
Tauchgang ins Ungewisse: Der Deutsche Schwimm-Verband weiß selbst nicht so recht, was er bei der WM in Südkorea von sich erwarten kann.

Schwimm-WM

„Zurzeit brauchen wir keinen Bundestrainer“

  • schließen

Thomas Kurschilgen, Leistungssportdirektor im Deutschen Schwimm-Verband, über die Veränderungen im DSV, die WM in Gwangju und warum er nichts von Medaillenzielen hält.

Herr Kurschilgen, die Schwimm-WM startet heute, es gibt Livestreams im Internet, aber keine Fernsehübertragungen. Ist Schwimmen nur noch eine Randsportart?
Das sieht auf den ersten Blick zwar so aus, aber so sehe ich das eben nicht. Zum einen ist mit der Zeitverschiebung von Asien zu Deutschland die mögliche Sendezeit für hiesige TV-Sender nicht attraktiv, zum anderen hat sich dieses Mal der internationale Dachverband Fina wohl sehr schwergetan mit den Lizenzvergaben. Wie anders ist es zu erklären, dass in Australien – eine der führenden Schwimmnationen weltweit – ebenfalls keine Sendezeiten angeboten werden?

Gibt es mittlerweile im Streit über die Mitgliedsbeitragserhöhung in Höhe von 60 Cent, weshalb Ex-Präsidentin Gabi Dörries zurückgetreten war, eine Einigung?
Es gibt seit dem letzten Verbandstag die demokratisch beschlossene Einigung, dass diese Diskussion auf der nächsten Mitgliederversammlung geführt wird.

Wie ist der DSV derzeit aufgestellt ohne Präsident oder Präsidentin? Wie sieht die Aufgabenteilung im Vorstand aus?
Wir haben einen funktionierenden Vorstand. Ich verantworte als Direktor Leistungssport für alle fünf olympischen Sportarten das strategische Management sowie die finanziellen, personellen und gesamtsportlichen Belange des Leistungssports. Mein Kollege Uwe Brinkmann unterstützt mich diesbezüglich als Wasserballexperte und verantwortet den Marketingbereich, Wolfgang Hein kümmert sich um die verbandspolitischen Themen und Kai Morgenroth verantwortet den ordentlichen Haushalt des Verbandes.

Thomas Kurschilgen ist seit 1. September 2018 Leistungssportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbandes.

Was haben Sie in den vergangenen Monaten gemacht?
Bei meinem Antritt habe ich die aktuelle Situation analysiert, Strategien erarbeitet und die wichtigsten Maßnahmen eingeleitet. Als verantwortliches Vorstandsmitglied bin ich dabei mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet, um mit einem professionellen Team den DSV langfristig zu entwickeln.

Was heißt das?
Im Trainerbereich haben wir in allen fünf olympischen Sportarten sukzessive neue Positionen mit kompetenten Mitarbeitern besetzen können. Dieser Prozess ist aber noch nicht abgeschlossen. In der Geschäftsstelle des DSV wurden einige elementare Umstrukturierungen vorgenommen, um die Arbeitsabläufe effizienter im Sinne des Leistungssports – aber auch in den Bereichen Personal, Recht und Finanzen – auszurichten. Wir haben mit der Rough Water und GmbH eine neue Gesellschaft gegründet, die sich mit allen Kommunikationsfragen, Vermarktungsmöglichkeiten und dem Management großer Veranstaltungen für den DSV auseinandersetzt. Wir wollen das Aus- und Fortbildungswesen des DSV neu ausrichten, deshalb haben wir an dieser Stelle die neue Position eines Bundestrainers Bildung und Qualifizierung geschaffen. Dies sind alles Bausteine, um den Verband professioneller und effizienter aufzustellen.

Statt eines Bundestrainers – Henning Lambertz ist Ende 2018 zurückgetreten – soll es bis Tokio einen ganzen Betreuerstab geben. Wie sieht das konkret aus?
Wir haben mit Bernd Berkhahn und Hannes Vitense als Tandem an der Spitze einen sehr tragfähigen Ansatz mit klar definierten Verantwortlichkeiten gefunden. Vitense trägt zudem die Personalverantwortung für den gesamten hauptberuflichen Trainerstab. Natürlich ergänzen wir dieses Team durch unerlässliche Kompetenzen aus den Bereichen des Teammanagements, der Medizin, der Psychologie, der Ernährungs- und Trainingswissenschaft sowie des Athletiktrainings.

Bedeutet das, dass es künftig keinen Bundestrainer mehr geben wird?
Das muss es nicht bedeuten, aber zurzeit brauchen wir keinen Bundestrainer, weil unser Tandemmodell jetzt die beste Lösung ist.

Welche sportlichen Erwartungen haben Sie an die 61 Athleten in Gwangju? Gibt es ein Medaillenziel?
Im Freiwasserschwimmen stehen die Olympiaqualifikationen mit den zehn Kilometer im Fokus, aber auf dieser Strecke im offenen Wasser kann vieles passieren. Auch die Wasserspringer erleben gerade einen Umbruch. Die Wasserballer sind seit 2013 erstmals wieder bei einer WM dabei. Wir haben eine Mischung aus erfahrenen Spielern und jüngeren Spielern, die wir bereits für die Olympischen Spiele 2024 aufbauen wollen. Im Synchronschwimmen freut es mich, dass wir mit einem Duett am Start sind.

Thomas Kurschilgen ist seit 1. September 2018 Leistungssportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbandes. Seit dem Rücktritt von Ex-Präsidentin Gabi Dörries ist er der starke Mann im Verband. Der 59-Jährige arbeitete zuvor als Ressortleiter Verbandsmanagement beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und war davor Direktor beim Deutschen Leichtathletikverband (DLV).

Was erwarten Sie von den Beckenschwimmern?
Im Beckenschwimmen wollen wir in den olympischen Staffeln im nächsten Jahr bei den Olympischen Spielen in Tokio dabei sein, dazu ist hier bei der WM eine Platzierung unter den besten zwölf Teams jeweils notwendig. In den Einzeldisziplinen werden unsere Leistungsträger die Benchmarks für das Team setzen und die jüngeren Athleten mitziehen. Beispielsweise weiß ein Florian Wellbrock als einer der Top-Drei-Athleten in der Weltbestenliste über 800 Meter und 1500 Meter, dass er zu den Hoffnungsträgern im deutschen Team gehört. Ähnlich verhält es sich mit Philip Heintz, Franziska Hentke oder Marco Koch. Eine Medaillenprognose wird es dennoch nicht geben. Leistung können sie steuern, aber nicht den Medaillengewinn. Das ist eine der Paradoxien des Spitzensports. Überhaupt ist die Aussagefähigkeit eines Medaillenspiegels überaus kritisch zu hinterfragen.

Wieso? Was ist Ihr Ansatz?
Wir wollen unseren Athleten klarmachen, dass sie sich mit höchstem Risiko und Einsatz dem Wettbewerb stellen, ihr absolutes Leistungsvermögen realisieren und damit die Chance auf einen Finalplatz oder gar eine Medaille wahren. Und wenn nach einer neuen persönlichen Bestzeit keine Medaille geholt werden konnte, weil andere schneller waren, dann hat der Aktive zunächst das Beste aus sich herausgeholt. Dies bedarf unserer Wertschätzung, und dies sind die Maßstäbe, die für mich zählen.

Interview: Timur Tinç

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion