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Ist jetzt auch als Psychologe bei den deutschen Handballern gefragt: Bundestrainer Christian Prokop.

Handball-EM

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Nach dem erschreckend schwachen Auftritt gegen Spanien stehen die deutschen Handballer vor dem entscheidenden EM-Vorrundenspiel gegen Lettland.

Als die deutschen Handballer am Sonntagmittag nach dem Training aus der ein paar Kilometer entfernten Kolstad Arena ins Teamhotel Scandic Lerkendal in Trondheim zurückgekehrten, war wieder ein bisschen mehr Zuversicht zu spüren. „Wir haben alles noch in der eigenen Hand“, sagte Rechtsaußen Tobias Reichmann trotzig. „Aber das Spanien-Spiel muss jetzt rasch aus den Köpfen.“

Nicht einmal 24 Stunden zuvor hatte die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) eine deftige 26:33-Niederlage gegen den EM-Titelverteidiger von der iberischen Halbinsel einstecken müssen. Was insofern noch schmerzhafter ist, als der Einzug in die Hauptrunde in Wien noch längst nicht gesichert ist. Das Team von Bundestrainer Christian Prokop benötigt im letzten Gruppenspiel heute (18.15 Uhr, ZDF) gegen Europameisterschaftsneuling Lettland einen Sieg.

Dafür muss sich der Olympia-Dritte von Rio allerdings von einer anderen Seite präsentieren als gegen die Spanier. Allein die Fehlerzahl in den ersten zehn Minuten hätte für mehr als ein Spiel gereicht. „Wir hatten eine sehr schwache Startphase“, räumte Prokop ein.

Dabei waren die Probleme durchaus vielschichtig. Der Angriff – vergeblich auf der Suche nach Passsicherheit. Die Abwehr – oft nicht im Bilde. Die Torhüter Andreas Wolff und Johannes Bitter – weit entfernt von Normalform. Und Uwe Gensheimer, der Kapitän – komplett abgetaucht.

„Natürlich möchte ich vorangehen, möchte meine Leistung zeigen. Natürlich bin ich bisher nicht zufrieden“, sagte Gensheimer. Gegen die Spanier hatte Prokop seinen Anführer im zweiten Durchgang sogar gar nicht mehr spielen lassen. Es ist auch nicht das erste Mal, dass der nicht nur wegen seines außergewöhnlichen Handgelenks zu überragenden Leistungen fähige Gensheimer bei einem großen Event Rätsel aufgibt. Auch bei der enttäuschenden EM 2018 in Kroatien schien er mit seiner Führungsrolle spätestens ab der Hauptrunde überfordert. Prokop zweifelt nicht an seinem Linksaußen. „Die Gegner haben großen Respekt vor ihm, wir wissen, was wir an ihm haben und das ist wichtig, reinzubringen“, sagte er.

Auch wenn die deutsche Mannschaft aus bekannten Gründen nicht ihr bestes Personal für den paneuropäischen Titelkampf zur Verfügung hat – dass der Abstand zu den Iberern so groß sein würde, das war so nicht zu erwarten. „Wir haben nicht zu unserem Spiel gefunden, uns wurden die Grenzen aufgezeigt“, stellte Tobias Reichmann ernüchtert fest. „Die Spanier haben aber auch sehr clever gedeckt.“

Tatsächlich gelang es der Mannschaft von Jordi Ribera mit einer sehr offensiven 5:1-Verteidigung, dem Kontrahenten gehöriges Kopfzerbrechen zu bereiten. Zwar hatte die deutsche Mannschaft mit dieser Gegenwehr gerechnet, die Rückraumakteure nutzten aber zu selten die daraus entstehenden Räumen. Viel zu selten wurden die Eis-gegen-Eins-Situationen gesucht. „Wir hätten mit voller Überzeugung in die Tiefe gehen müssen, statt ein paar Alibi-Kreuzungen einzubauen“, sagte Reichmann.

Insbesondere die für ihre Dynamik gefürchteten Paul Drux, Philipp Weber und Fabian Böhm gaben die Verantwortung zu oft weiter. Und Kai Häfner, zwei Tage zuvor noch einer der Besten beim Auftakterfolg gegen die Niederlande, agierte bei einigen Vorstößen hektisch und zu glücklos. Beziehungsweise: Er scheiterte wiederholt am glänzend reagierenden Torwart Gonzalo Perez de Vargas, der hinter den erfahrenen Innenverteidigern Viran Morros und Gedeon Guardiola groß auftrumpfte.

Insgesamt zwölf Paraden wurden für die spanische Nummer eins registriert. Einen derartigen Rückhalt hatte das DHB-Team nicht zu bieten. Es reichte schon eine Hand, um die gehaltenen Bälle zu zählen.

„Gegen die Letten müssen sich bei uns aber alle steigern“, betonte Reichmann. Dass er und seine Kollegen es besser können, bewiesen sie Mitte des ersten Abschnitts. Aus einem 4:10-Rückstand machte der Europameister von 2016 ein 9:10. Es gab sogar kurz darauf die Chance zum Ausgleich. Dann aber verlor Drux den Ball beim Tempogegenstoß leichtfertig. Der Schwung der vorangegangenen Minuten war dahin – und sollte nicht wiederkommen.

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