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Spiel mit Erinnerungswert: Debütant Yannick Gerhardt (vorn), hier gegen Davide Zappacosta.

Nationalmannschaft

Löw zieht positive Gesamtbilanz

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Nach dem letzten Länderspiel des Jahres gegen Italien zieht DFB-Trainer Joachim Löw eine positive Gesamtbilanz.

Die deutsche Fußballnationalmannschaft unter Joachim Löw ist eine eigene kleine Welt, die mit der großen allerdings in enger Verbindung steht. Richtig angekommen in dieser großen, weiten Welt ist nämlich erst, wer seine Feuertaufe in der kleinen erlebt hat. „Es war wichtig zu sehen, wie sich die jungen Spieler mit wenig Erfahrung in so einem Stadion vor so einer Kulisse gegen solch einen Gegner verhalten“, sagte er über die Nachwuchself, die er in Mailand gegen Italien aufs Feld geschickt hatte, und erklärte vorhersehbar: „Sie haben ihre Sache gut gemacht.“

Nun stellt ein mit rund 48 000 nicht allzu lebhaften Zuschauern gefülltes Stadion von San Siro wie beim 0:0 gegen eine ebenfalls verjüngte italienische Mannschaft am Dienstagabend nicht unbedingt ein sensationelles Ambiente dar. Zumindest nicht für Spieler, die schon in der Champions League gegen Messi und Neymar, im Londoner Wembley-Stadion, im Maracanã gegen Brasiliens Olympiaauswahl oder auch in den Arenen von Dortmund oder München angetreten sind. Aber natürlich mochte keiner dem Bundestrainer widersprechen. „Die Stimmung im Stadion war etwas Besonderes“, sagte der Wolfsburger DFB-Novize Yannick Gerhardt, „die Partie wird mir für immer in Erinnerung bleiben.“

Löw hat großen Spaß daran, zwischen den Turnieren immer wieder junge Fußballprofis mit einer Berufung in sein Team zu adeln, 86 Debütanten hat es in seiner Amtszeit seit 2006 bereits gegeben. Und alle bekamen sie ähnlich warme Worte zu hören wie nun der Neulings-Jahrgang 2016 mit Julian Weigl, Joshua Kimmich, Bernd Leno, Julian Brandt, Jonathan Tah, Yannick Gerhardt, Benjamin Henrichs, Serge Gnabry und Niklas Süle. Zum absoluten Stammspieler haben es mit Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Mats Hummels, Sami Khedira, Toni Kroos, Mesut Özil, Thomas Müller und Mario Götze acht Spieler gebracht. Zum inneren Kreis zählen derzeit noch Joshua Kimmich, Jonas Hector, Mario Gomez, Ilkay Gündogan und, wenn er mal wieder fit ist, Marco Reus. Bei vielen der einstigen Hoffnungsträger fragt man sich indes, wo sie geblieben sind und was sie heute so tun, bei manchen weiß man es sogar, bei anderen nicht so genau: Marko Marin, Aaron Hunt, Lewis Holtby, Marvin Compper, Tim Wiese, Sascha Riether, Patrick Helmes, Christian Gentner, Christian Pander, Roberto Hilbert, Piotr Trochowski, Dennis Aogo, die Bender-Zwillinge, um nur einige zu nennen.

Die Nationalmannschaft ist ein großer Durchlauferhitzer und ihr Trainer ein experimentierfreudiger Mensch, wenn es darum geht, seine Optionen zu sichten und zu sortieren. Ein eher konservativer ist er bei der Formierung seiner endgültigen Idealbesetzung. Insofern sollte man seine freundlichen Worte für die Neulinge nicht zu hoch bewerten. Auf der anderen Seite hat auch das Match in Mailand wieder gezeigt, dass die Bundesliga eine Vielzahl von Spielern hervorbringt, die in der Lage sind, in einer solchen Partie zu funktionieren und zu bestehen. Es war kein brillanter Auftritt des deutschen Teams, und angesichts der italienischen Chancen in der zweiten Halbzeit inklusive Pfostenschuss von Andrea Belotti wäre ein Sieg der Gastgeber durchaus verdient gewesen. Aber das DFB-Team spielte solide, gut organisiert, taktisch diszipliniert mit einigen gelungenen Aktionen, wenn auch ohne großen Druck. Jeder einzelne erfüllte seine Aufgaben, keiner fiel deutlich ab.

Löw war sichtlich erfreut, den Jahresabschluss ohne Niederlage – und vor allem auch ohne Gegentor überstanden zu haben. Seit Antoine Griezmann mit seinem Treffer zum 2:0 für Frankreich die deutschen EM-Hoffnungen im Halbfinale begrub, hat kein Gegner mehr gegen die Deutschen getroffen. Sechs Partien zu null, das gab es zuletzt 1966 unter Helmut Schön. Die WM-Qualifikation lief mit Siegen über Norwegen (3:0), Tschechien (3:0), Nordirland (2:0) und San Marino (8:0) bislang perfekt, was den Bundestrainer besonders glücklich stimmt. „Wir wollten diese Quali ganz anders angehen als 2014 die für die EM“, sagte er in Mailand, „das ist uns gelungen.“

So fiel seine Bilanz des Jahres 2016, das mit der 2:3-Niederlage im März gegen England in Berlin begonnen hatte und mit dem verpassten EM-Titel eine herbe Enttäuschung barg, am Ende doch versöhnlich aus. „Es war ein positives Jahr, obwohl wir bei der EM ausgeschieden sind und sehr enttäuscht waren.“ In Frankreich hatte er sich noch als eher schlechter Verlierer präsentiert, gegen defensive Gegner gegrantelt und über Teams gelästert, die mit lauter Unentschieden ins Finale kämen. Inzwischen scheint er sich mit dem Misserfolg arrangiert und eingesehen zu haben, dass ein Haufen verpasster Tormöglichkeiten auch etwas mit dem eigenen Team zu tun haben könnte. „Unsere Spielanlage bei der EM war gut, aber wir haben unsere Chancen nicht genutzt, daran müssen wir arbeiten.“

Seinen Optimismus zieht er vor allem aus der zweiten Jahreshälfte: „Kein Gegentor nach der EM, alles gewonnen außer heute, junge Spieler an die Mannschaft herangeführt, ich gehe positiv ins nächste Jahr.“ Auch sein persönliches Programm bis dahin gab er gerne preis. Zunächst ist er am Samstagabend beim Bundesligaspiel Dortmund–Bayern zugegen, nächste Woche dann bei der Auslosung des Confederations-Cups in Kasan, wobei man sich ein wenig in Russland umsehen möchte („Wir lassen uns überraschen“). Dann noch ein paar Häppchen Fußball im schönen Spanien: der Clásico zwischen Real Madrid und FC Barcelona, sowie die Champions-League-Auftritte von Borussia Dortmund in Madrid und Bayer Leverkusen in Barcelona. Ein bisschen Wellness muss eben auch manchmal sein in der kleinen, großen Welt.

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