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Biedermann hatte Vorlauf und Halbfinale an seinem 30. Geburtstag sicher und kontrolliert hinter sich gebracht. Am Ende bleibt ihm nur die Nebenrolle.

Schwimmen

Zerknirschtes Lächeln

Paul Biedermann kommentiert tapfer die Tatsache, dass die Zeit und die Konkurrenz über ihn hinweggegangen sind.

Von Karin Bühler

Paul Biedermann ist in der späten Montagnacht mit geröteten Wangen in die Interviewzone des Olympic Aquatics Stadiums gekommen. Er sah aus, wie einer, der gerade eine Höchstleistung vollbracht, und sich dabei auch wirklich angestrengt hat. Und er sah wie einer aus, der bemüht war, jetzt, nach dem letzten Einzelrennen seiner Karriere auf den letzten Schritten bis hinter der nächsten Ecke nicht die Selbstkontrolle zu verlieren. Nicht in aller Öffentlichkeit vor den Augen der Journalisten und den Linsen der Kameras.

Gut möglich, dass der 30-Jährige hinter der übernächsten Stellwand in den Katakomben zum lauten Gewummer des Animationstheaters in der Halle still geweint haben mag über seinen sechsten Platz in seinem letzten olympischen Einzelfinale über 200 Meter Freistil. Dass er die Kapuze seines Trainingsparkas über den Kopf gezogen und vor sich hin gestarrt hat. Aber wer zeigt schon gerne vor allen Menschen, was einen wirklich trifft? „Ich habe alles gegeben. Das war das, was ich mir vorgenommen hab‘“, sagte Biedermann leise. Seine Augen wirkten dunkel, leer. „Das war alles, was ich jetzt gerade zu leisten imstande war. Ja, schade.“

Schade, weil es nicht unbedingt ein sehr schnelles, sondern ein taktisches Finale in der Königsdisziplin der Beckenschwimmer gewesen ist. Die Siegerzeit des Chinesen Sun Yang von 1:44,64 Minuten wäre für Biedermann wohl unerreichbar gewesen, aber dahinter landeten der Südafrikaner Chad le Clos in 1:45,20 und Conor Dwyer in 1:45,23 auf den Medaillenrängen. „Zwei Zehntel schneller als bei der deutschen Meisterschaft, und wir hätten eine Medaille“, hatte Biedermann nach dem Rennen zu Frank Embacher gesagt, der ihn seit knapp 15 Jahren in Halle an der Saale trainiert. Stattdessen war Biedermann vier Zehntel langsamer als bei der deutschen Meisterschaft im Mai in Berlin.

Auch Embacher bemühte sich im Gewusel der Interviewzone, seine Enttäuschung zu verstecken, souverän zu bleiben. Aber dass es auch für ihn schwierig war, so kurz nach dem emotionalen Finale die Gedanken zu ordnen, äußerte sich in seinen Schachtelsätzen: „Ich glaube, die Chance war gegeben, dass wir hätten ’ne Medaille machen können“, sagt er. Und: „Uns fehlte die berühmte Schippe, die da hätte draufgemusst.“

Biedermann hatte Vorlauf und Halbfinale an seinem 30. Geburtstag sicher und kontrolliert hinter sich gebracht. Mit der viertschnellsten Zeit hatte er sich im Finale für Bahn sechs empfohlen. Mittendrin in den Wellen, also. Wie immer spritze er sich kurz vor dem Start ein paar Hände voll Beckenwasser auf den Brustkorb. Wie immer schlug er sich mit seiner Faust auf das Herz. Seine Reaktionszeit war die schlechteste im Feld, die ersten beiden Bahnen ging er zu langsam an, zur Hälfte des Rennens lag er auf Platz sieben. Am Ende schlug er in 1:45,84 Minuten an. „Seinen großen Traum, die Medaille, kann er jetzt nicht in Empfang nehmen“, sagt Embacher.

Während Sun seinen Sieg zelebrierte, blieb Biedermann nur die Nebenrolle. Nach Platz fünf bei den Spielen in Peking und Platz fünf bei Olympia in London verließ Biedermann das olympische Becken in Rio als Unvollendeter. „Es war keine gute Zeit“, konstatierte er. „Ich hab‘ einfach alles gegeben, wie gesagt...“

Alles das sind auch 18 Jahre Leistungssport. Schwimmen ist das Leben von Paul Biedermann gewesen. Er hat das Abitur, aber sonst keine Ausbildung, keinen Beruf, nicht mal ein abgeschlossenes Praktikum bei den Wasserwerken Halle, und auch keinen Führerschein. Vor Rio hatte er immer gesagt, es sei eine schöne Zeit gewesen im Leistungssport, aber er freue sich jetzt auch auf die Zeit danach.

Wobei sich Biedermann vielleicht gar nicht allzu sehr grämen muss. Denn bei solchen olympischen Gipfeltreffen, das haben die Turbulenzen der vergangenen Woche ja noch mal deutlich gezeigt, sind Platzierungen und Medaillenränge immer auch unter Vorbehalt zu bewerten. Traditionell ist das Schwimmen eine Disziplin, in der die pharmazeutischen Auswüchse des Leistungssports aus jungen Männern und Frauen Schwimmroboter zu machen scheinen. Bei dem Programm, das Schwimmer wie Michael Phelps, Sun Yang, Katinka Hosszu oder Katie Ledecky abspulen, wirkt es beinahe schon ein wenig altmodisch, wenn sich einer wie Biedermann nur auf eine Strecke konzentriert. „Er ist schon im Vor- und Zwischenlauf voll gegangen. So langsam waren die Körner alle“, versuchte Embacher zu erklären.

Natürlich, auch Biedermann hatte im Becken seine Momente. 2009 bei der WM in Rom, als er über 200 und 400 Meter Freistil zwei Weltrekorde aufstellte, zu denen ihm damals auch der Ganzkörperanzug verhalf. Biedermanns Popularität stieg in den Tagen von Rom, obwohl der sechsmalige Europameister immer einer war, der nicht auf den lustigsten Tweet, den schillerndsten Auftritt, den markigsten Spruch aus gewesen ist. Er führte das Schwimmteam damals beim Papstbesuch an. Nach dem Rücktritt von Britta Steffen, mit der er kurz nach der WM in Rom zusammenkam, ist Biedermann das Gesicht des deutschen Schwimmsports gewesen: immer verbindlich, immer fair, bei Olympia kontinuierlich im Finale.

Vor seinem letzten großen Wettkampf in Rio hatte er gesagt, dass es traurig für den Schwimmsport sei, wenn Athleten, die schon mal beim Doping erwischt worden sind, wieder ins olympische Becken springen dürften. Er hatte nicht explizit Sun Yang gemeint. Aber der Chinese war 2014 positiv auf die Stimulanz Trimetazidin getestet und später dafür auch gesperrt worden. Was er dann zu dem Sieger zu sagen habe, den andere Schwimmer an diesem Abend wegen seiner Dopingvergangenheit scharf angegriffen haben, wurde Biedermann in den Katakomben des Aquatics Stadiums gefragt, kurz bevor er um die Ecke biegen und allein sein durfte. Biedermann zuckte mit den Schultern. Dann sagte er: „Es ist ja nicht der Athlet schuld, sondern das System.“ Aus dem tritt Biedermann nach seinem letzten internationalen Start mit der 4x200 Meter-Staffel in Rio als respektabler Schwimmer und respektable Persönlichkeit aus.

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