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Erst einmal tief durchatmen: Claudia Pechstein mit Betreuer Rudolf Lisowski.
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Erst einmal tief durchatmen: Claudia Pechstein mit Betreuer Rudolf Lisowski.

Eisschnelllaufen

Aus der Zeit gefallen

  • VonBenedikt Paetzholdt
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Claudia Pechstein und kein Ende: Nach Platz acht über 5000 Meter kündigt die bald 46 Jahre alte Eisschnellläuferin an, bei Olympia 2022 zu starten.

Die Mixed Zone in der Gangneung Ice Arena wurde ihrem Namen gestern Abend so richtig gerecht. Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, 45, tauchte nach ihrem achten Platz über 5000 Meter nicht alleine auf, sondern wie zu erwarten im gemischten Doppel mit ihrem Lebensgefährten Matthias Große, zugleich als Mentalcoach und persönlicher Pressesprecher im Südkorea-Einsatz. Und entsprechend übernahm er auch die Regie in fünf skurrilen Frage-Antwort-Minuten. „Jetzt alle der Reihe nach, und ganz entspannt, ganz locker.“

Etwas unentspannt wirkte aber vor allem das Duo. Der Plan, hier in Gangneung bei Pechstein siebter Olympia-Teilnahme die zehnte Medaille zu gewinnen, endete bereits nach sieben von zwölfeinhalb Runden abrupt. Nach 3000 Metern lief die Berlinerin Rundenzeiten mit einer 32 oder 33 vor dem Komma. Doch dann ging es nur noch schwer über das Oval, jetzt folgten 34er- und 35er-Runden. Bei 7:05,43 Minuten blieb die Zeit stehen. „Wir sind auf Medaille gegangen, haben alles gegeben, haben angegriffen“, sagte Große für Pechstein, als hätte er ebenfalls die Schlittschuhe angehabt. Dabei stand er auf der Tribüne, reckte immer wieder die Faust nach oben und brüllte: „Jawoll, jawoll!“ Zumindest in den ersten Runden.

Siegerin Esmee Visser, 23 Jahre jünger als Pechstein, war letztlich aber deutliche 15 Sekunden schneller, obwohl die Niederländerin mal nicht zu den ganz großen Favoriten gezählt hatte. Die Tschechin Martina Sablikova gewann Silber, Natalia Voronina landete auf dem Bronzerang. Was bei einer russischen Reporterin zu einem Heulkrampf erster Güte führte. Es passte zu einem äußerst bizarren Abend in dieser Mixed Zone.

An dem man Pechstein sagen hörte: „Wenn es nicht läuft, denkt man über alles nach. Man fragt sich warum und findet keine Lösung. Siegen oder sterben – ich war heute eher in Richtung sterben unterwegs.“ Früher legte Pechstein gegen Ende stets noch mal zu, wenn anderen langsam die Kräfte schwanden. Diesmal musste sie frühzeitig die optimale Körperhaltung verlassen. Dass ein Körper mit 45 Jahren gewisse Schranken setzt, sollte einen nicht wirklich wundern. Auch wenn es schwerfällt, sich das einzugestehen.

Aber Pechstein denkt trotz dieses Warnschusses nicht daran, sich und ihrem Körper in absehbarer Zeit den verdienten Ruhestand zu gönnen. „Jetzt heißt das Ziel, in vier Jahren noch mal eine Medaille zu gewinnen“, war die Botschaft, die sie unbedingt noch loswerden wollte, „wenn ich bis dahin noch lebe, gesund bin und mich qualifiziere.“ Sie würde dann ihren 50. Geburtstag in Peking feiern. Freundin und Konkurrentin Martina Sablikova jedenfalls ist überzeugt, dass sie dann noch einmal gemeinsam laufen werden. „Wir werden Claudi 2022 wiedersehen.“

Wenn man dieses olympische Rennen als Maßstab nimmt, und das sollte man, denn jeder Sportler arbeitet darauf hin, zum Höhepunkt in Bestform zu sein, ist das sportlicher Unsinn. National wird sie vielleicht auch weiterhin unangefochten bleiben, doch international lässt es sich die Konkurrenz nicht mehr gefallen, von einer Frau geschlagen zu werden, die vom Alter die eigene Mutter sein könnte.

Eine sinnbildliche Szene

Dass diese fünf Kilometer die reine Qual für Pechstein waren, konnte jeder Zuschauer in der Arena beobachten. Völlig entkräftet lief sie aus, kauerte für einige Minuten neben dem Eis. Es reichte nur für ein kurzes Winken ins Publikum. 27 Prozent Luftfeuchtigkeit sind für die Bronchien eine enorme Belastung. In diesen Momenten der sportlichen Enttäuschung ereignete sich eine Szene, die sinnbildlich ist für Pechstein und ihren Kampf gegen die empfundene Ungerechtigkeit. Die Doping-Kontrolleure tauchten auf, hielten ihr vor die Nase das entsprechende Dokument, das sie dann auch umgehend zerriss. „Das kann doch nicht wahr sein. In diesem Moment mit dem Formular zu winken“, echauffierte sich Pechstein anschließend. Der Test wurde dann nach dem Stakkato-Auftritt in der Mixed Zone nachgeholt.

Es ist ja hinlänglich bekannt, dass dieses Thema pikant ist. Dass sie überhaupt noch olympisch unterwegs ist, erklärt sie unter anderem ja damit, dass sie bei den Spielen in Vancouver 2010 nicht starten durfte. Weil sie zu dieser Zeit, von 2009 bis 2011, wegen auffälligen Blutwerten von der Internationalen Eislaufunion (ISU) gesperrt war, obwohl es nie einen positiven Dopingtest gegeben hatte.

Alle Rennen, die sie seitdem bestreitet, stehen im Zeichen der gewünschten Rehabilitation. Um den Funktionären in der so verhassten ISU zu beweisen, dass sie a) nicht kleinzukriegen ist und b) zu für ihr Alter zu ungewöhnlichen Leistungen in der Lage ist. Doch das große Ziel, einen großen Coup zu landen und als älteste Frau in der Olympiageschichte eine Medaille in einer Einzeldisziplin zu holen, ging bislang nicht auf. Über die 3000 Meter, die sie am ersten Tag in Südkorea als Testlauf wertete, landete sie auf Platz zehn. Jetzt bleiben noch zwei Chancen hier in Gangneung: der Massenstart und die Mannschaftsverfolgung. Hier bestehen allerdings auch nur Außenseiterchancen.

Letzte Hoffnung Ihle

Nachdem auch Patrick Beckert über die langen Distanzen hinter den Erwartungen geblieben ist, bleibt Sprinter Nico Ihle die letzte Medaillenhoffnung der Deutsche Eisschnellllaufgemeinschaft (DESG). Über 500 und 1000 Meter startet der Sachse, der häufig im Berliner Sportforum trainiert. Sollte auch er an der Medaille vorbeilaufen, steht der Verband genauso ohne Beute da wie vor vier Jahren. Und dürfte wie Pechstein nach Antworten suchen, woran es gelegen hat.

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