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Allgegenwärtig am Berliner Stadion: die Olympischen Ringe.

Deutsche Olympiabewerbungen

Im Zeichen der Ringe

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Schon länger scheitert Deutschland mit Bewerbungen für Olympische Spiele – eine Spurensuche.

Die Mauer war gefallen, Berlin brummte, und schon stand die Idee im Raum: Das neue Deutschland müsste Olympische Spiele bekommen. Zur Feier seiner friedlich erfolgten Wiedervereinigung. Olympische Spiele haben einen Vergabevorlauf von mehreren Jahren. Die Vergabe erfolgt sieben Jahre vor dem Event, und die Bewerbung bedarf einer Vorbereitung, zum Abschluss politischer Absichtserklärungen. Es war klar: Frühestens für die Ausgabe 2000 würde Berlin an Olympische Spiele rankommen. Aber noch nahe genug am Akt des Wiederzusammenkommens der beiden deutschen Staaten.

Es bildete sich eine Berliner Olympiabewerbungs GmbH, und sie warf die Marketingmaschine an. Sportstars aus Ost und West proklamierten „Berlin 2000 – ich bin dafür“, es wurden Shirts mit einem lachenden Gesicht unters Volk gebracht. Der ukrainische Stabhochsprung-Weltrekordler Sergej Bubka zog nach Berlin und wurde Botschafter. Sogar Günther Jauch, der aufstrebende Showmaster, war von der Olympiaidee angetan. Er zählte zur Delegation um den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen, die zum Kongress des IOC nach Monaco reiste – und sich dort die Schlappe abholte: Sydney gewann in der Stichwahl gegen Peking, Berlin war hinter Manchester mit nur neun von 89 möglichen Stimmen Vierter geworden.

Marc Hodler, hoher Skifunktionär und IOC-Mitglied, erläuterte später in München den Grund für das Berliner Scheitern: „Wir vom IOC wollen, bevor wir uns setzen, nicht erst unterm Stuhl nachsehen, ob da ein Sprengsatz liegt.“ In Berlin hatte sich flugs eine NOlympia-Bewegung gegründet, einige der Berliner, die den Kommerzrummel im Zeichen der Ringe nicht in ihrer sich gerade ordnenden Stadt haben wollten, gingen auch militant gegen das Projekt 2000 vor. Da wurde schon mal eine offizielle Fahne verbrannt. Oder – wenigstens gewaltfrei – wurde das Motto abgewandelt: „Olympia 3000“. Die deutsche Einheit fiel in eine Zeit, in der sich die Einstellung zu den großen Sportfesten änderte. Die Menschen fragten nach Hintergründen, nach Kosten, es war der Beginn der Nachhaltigkeitsdiskussion. Die deutsche Realität seitdem sind gescheiterte Olympiaprojekte.

Berlin war fürs erste verbrannt. Das Nationale Olympische Komitee (NOK), das es damals noch neben dem Deutschen Sport-Bund gab (später fusionierten sie zum DOSB), rief im April 2003 zu einem nationalen Casting ein. Es traten an: Hamburg, Düsseldorf, das Rhein-Main-Gebiet, Stuttgart und Leipzig. Es gewann: Leipzig. Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee spielte auf dem Cello die Nationalhymne. Das saß.

Leipzig also – und alle, die gescheitert waren, sollten hinter diesem Bewerber stehen, der für die Sommerspiele 2012 ins Rennen ging gegen Paris, Madrid, London, New York, Rio de Janeiro, Istanbul und Havanna. Da lag die Ahnung nahe: Im Reigen der Weltstädte würde das beschauliche Leipzig untergehen. Die Probleme waren hausgemacht. Den Geschäftsführer holten Stasivorwürfe ein. Schließlich sollten zwei Westler die Bewerbung retten: Thomas Middelhoff, damals noch strahlender Bertelsmann-Manager (später landete er im Knast), und Bernd Rauch, der Vizepräsident des FC Bayern. Doch Leipzig war verloren.

Sollte sich Deutschland doch eher für Winterspiele bewerben? Berchtesgaden war mit einem Anlauf für 1992 gescheitert, München ging mit Garmisch-Partenkirchen und Königssee 2018 ins Rennen – und war chancenlos. Eine Kandidatur für 2022 (mit Ruhpolding und Inzell als weiteren Trabanten) verhinderten die Bürger und Bürgerinnen bei einer Befragung.

Dabei erwies sich Deutschland als guter Ausrichter von Sportveranstaltungen. Die Leichtathletik-WM 1993 in Stuttgart – ein Riesenerfolg. Die Fußball-WM 2006 – man sagt, sie schuf ein neues Deutschland-Bild. Die Handball-WM 2007 – das nächste Märchen. Nur: Olympia kommt nicht in die Gänge. Der nächste Anlauf – Rhein-Ruhr 2032 – müsste sitzen. Denn Konsens ist: Für 2036, zum Hundertjährigen der von den Nationalsozialisten zur Propaganda missbrauchten Spiele von Garmisch-Partenkirchen und Berlin, soll es keine deutsche Bewerbung geben.

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