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Die legendäre Sportstätte ist bereit: der Letzigrund in Zürich.

Leichtathletik-Europameisterschaft

Der Zauber von Zürich

Im für seine magischen Momente berühmten Stadion Letzigrund kämpfen von Dienstag bis Sonntag die Stars der Leichtathletik bei der Europameisterschaft um Edelmetall statt um Diamanten.

Von Reinhard Sogl

Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass sich die Bürger von Zürich im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 und der Leichtathletik-Europameisterschaft im selben Jahr in der Schweiz gegen den Bau eines Großstadions ausgesprochen hatten. So ging zwar das „Wunder von Bern“ mit dem Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in die Annalen ein, weil die eidgenössische Hauptstadt ersatzweise den Zuschlag für das WM-Finale und auch für die EM der Läufer, Springer und Werfer bekommen hatte. Volkes Stimme gegen eine riesige Betonschüssel trug aber dazu bei, dass sich im Letzigrund der Zauber von Zürich entwickeln konnte.

Die Nähe der Zuschauer ermöglichte magische Momente der Leichtathletik. Beginnend mit Martin Lauers Hürdenbestzeit (13,2 Sekunden) im Jahr 1959 und gefolgt von Armin Harys legendärem 10,0-Sekunden-Sprint 1960 wurden beim Weltklasse-Meeting „Weltklasse Zürich“ 25 Weltrekorde aufgestellt. Der vorerst letzte von Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa vor fünf Jahren. Es war der erste nach dem kompletten Neubau 2007, der anstelle des altehrwürdigen Letzigrunds aus dem Jahr 1928 errichtet wurde. Ihren Charakter behielt die Arena, nur 26 000 Besucher passen ins Oval.

„Die Atmosphäre ist einzigartig“, sagt Christina Obergföll. Wie für alle Leichtathleten ist der Letzigrund auch für die Speerwerferin aus Offenburg ein mythischer Ort, 2011 stellte sie mit 69,57 Metern einen Stadionrekord auf. Nur weil die amtierende Weltmeisterin vor wenigen Wochen einen Jungen geboren hat, wird sie in diesem Jahr nur als Zuschauerin in ihr „Wohnzimmer“ zurückkehren, in dem sie sonst gleich zweimal hätte auftreten können. Beim Diamond-League-Meeting am 28. August und zudem schon in der kommenden Woche. Von Dienstag bis Sonntag wird im Mekka der Leichtathletik die Europameisterschaft ausgetragen. Im Gegensatz zum erlesenen Sportfest sind für die Wettkämpfe um Edelmetall sogar noch Karten erhältlich. Die Eintrittspreise sind selbst den Schweizern zu happig.

Neun Olympiasieger am Start

Weltklasse ist aber auch bei den kontinentalen Titelkämpfen am Start. Neun Olympiasieger von London 2012 und zwölf Weltmeister von Moskau 2013 sind gemeldet. Stabhochsprung-Weltrekordler Renaud Lavillenie aus Frankreich, der zweifache Langstrecken-Olympiasieger Mo Farah aus Großbritannien und die 2,40-Meter-Hochspringer Bogdan Bondarenko, sein ukrainischer Landsmann Andrej Prozenko und der Russe Iwan Uchow führen die Liste der Superstars an, auf der auch deutsche Namen stehen: Diskus-Hüne Robert Harting und Kugelstoß-Koloss David Storl. Beide wollen ihre jeweiligen Titel verteidigen, beide sind erneut auf Gold programmiert, auch wenn der Pole Piotr Malachowski, Europameister und Harting-Bezwinger 2010, in diesem Jahr die Scheibe schon 81 Zentimeter weiter geworfen hat als der Seriensieger aus Berlin.

Vor zwei Jahren in Helsinki gewann das Team des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) sechs Titel, insgesamt sammelten Athleten aus der Bundesrepublik 16 Medaillen. Mit großem Vorsprung gewann Deutschland die Nationenwertung vor Russland. Insgeheim hofft die DLV-Führungsriege nicht zuletzt wegen des Triumphs bei der Team-EM im Juni in Braunschweig auf eine Neuauflage dieser Erfolgsstory, auch wenn Sportdirektor Thomas Kurschilgen offiziell als Zielstellung für das 92-köpfige Team mit einem Durchschnittsalter von nur 25,2 Jahren formuliert: „Es muss und sollte unser Anspruch sein, dass wir weiter überzeugend zu den Top Drei in der Nationenwertung gehören.“ Der DLV entsende eine Mannschaft, die „in hohem Umfang final- und medaillenfähig ist“. Nicht mitreisen wird Stabhochspringer Malte Mohr. Der WM-Zweite in der Halle sagte seine Teilnahme am Samstag wegen Formschwäche und Technikproblemen ab.

Zu den größten Gold-Hoffnungen zählen außer Harting (Berlin) und Storl (Chemnitz) die üblichen Verdächtigen und zudem einige Spitzenkräfte auf europäischer Ebene. Die WM-Silbermedaillengewinnerin Christina Schwanitz (Thum) hat im Kugelstoßen auf dem Kontinent keine Konkurrentin zu fürchten. Stabhochspringerin Lisa Ryzih (Ludwigshafen) steht in der Jahresbestenliste ganz oben, ebenso wie die ehemalige Speerwurf-Europameisterin Linda Stahl (Leverkusen) und Zehnkämpfer Kai Kazmirek (Rhein-Wied), Rico Freimuth (Halle) liegt knapp dahinter. Beide haben gute Chancen, die Nachfolge von Pascal Behrenbruch (Frankfurt) anzutreten, der sich nicht qualifizieren konnte.

Beste Aussichten auf Platz eins haben auch Weitspringer Christian Reif (Rehlingen), der bereits 2010 in Barcelona gewann, Hammerwurf-Weltrekordlerin Betty Heidler (Frankfurt), Speerwerfer Thomas Röhler (Jena) und 1500-Meter-Läufer Homiyu Tesfaye (Frankfurt) – sie alle liegen in der Saisonbestenliste auf Rang zwei. Als Titelverteidiger gehen auch Weitspringer Sebastian Bayer (Hamburg) und die Sprintstaffel der Frauen an den Start. Kugelstoß-Europameisterin Nadine Kleinert hat inzwischen ihre Karriere beendet.

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