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Die Kraft hat er immer noch, an Ausdauer mangelt es: Bjarte Myrhol von den Rhein-Neckar Löwen.
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Die Kraft hat er immer noch, an Ausdauer mangelt es: Bjarte Myrhol von den Rhein-Neckar Löwen.

Rhein-Neckar Löwen

Der Wunsch, normal zu sein

Die Diagnose war niederschmetternd: Bösartiger Tumor am Hoden. Doch Handballprofi Bjarte Myrhol hat immer gekämpft, nie aufgegeben. Seit dreieinhalb Monaten ist er wieder eine feste Größe bei den Rhein-Neckar-Löwen.

Von Tino Scholz

Bjarte Myrhol trägt neuerdings einen Schnauzbart. Er ist nicht besonders buschig, eher spärlich wie bei einem Jugendlichen in der Pubertät. „Aber nach zwei Wochen wachsen bin ich zufrieden damit“, sagt der Handballprofi der Rhein-Neckar Löwen. Myrhol ist das Aussehen sowieso egal, es gibt wichtigere Dinge im Leben, das weiß er spätestens seit dem vergangenen August. Damals wurde bei dem Norweger ein bösartiger Tumor am Hoden diagnostiziert. Jenen Schicksalsschlag nimmt er nun zum Anlass, bei seinen Mitmenschen das Bewusstsein für männertypische Krebsarten zu schärfen: „Das machen weltweit viele Sportler mit ihren Oberlippenbärten, jedes Jahr im November.“

Bartwuchs als Symbol der Hoffnung

Für Myrhol, 29, hat dieser zarte Bartwuchs ohnehin eine ganz besondere Bedeutung. Er symbolisiert für ihn die Hoffnung, wieder ein normales Leben führen zu können. Die Hoffnung wächst zwar langsam, aber jeden Tag ein kleines bisschen mehr. Dass der Kreisläufer seit einem Monat wieder Handball spielen kann, ist für ihn ein wichtiger und emotionaler Abschnitt in diesem langen Prozess. Dass er seitdem sogar permanent zu den besten Torschützen zählt, zeigt, „dass Bjarte ein besonderer Mensch und großer Kämpfer ist“, wie Löwen-Manager Thorsten Storm vor dem heutigen Bundesliga-Gastspiel seiner Mannschaft bei den Füchsen Berlin (19 Uhr, Schmelinghalle, live in Sport1) sagt.

Wenn Myrhol am Abend in die Halle einlaufen wird, werden diejenigen Zuschauer, die ihn schon vor seiner Erkrankung kannten, schlucken müssen. Seine einst so weichen Gesichtszüge sind nun viel kantiger, seine Augen stechen heraus. Myrhols Glatzkopf verrät, dass er zwei Zyklen Chemotherapie über sich ergehen lassen musste. Auch große Teile seiner früheren Muskelmasse hat er eingebüßt.

Bei jedem Heimspiel dabei

Dass er sein Leben während der Krankheit radikal umstellen musste, akzeptierte Myrhol. Doch eines ließ er nicht nehmen: Handball. Egal, wie schlecht es ihm auch ging, kein einziges Heimspiel seiner Löwen verpasste er. In der Regel verfolgte Myrhol sie aus einer Loge. Verstecken wollte er sich dabei aber keinesfalls, darauf legt er Wert. „Ich hätte gern hinter der Bank gesessen“, sagt er. Doch weil sein Immunsystem stark geschwächt war, durfte er nicht in die Nähe von Menschenmassen.

Dass ihm damit sein Lebensinhalt genommen wurde, schmerze Myrhol sehr. Viele Jahre lang hatte er hauptberuflich eine Mannschaftssportart ausgeübt, wegen der Krankheit nur kraftlos herumliegen zu können, war unerträglich für ihn. Der Gedanke daran, nicht mehr wie ein Sonderling behandelt zu werden, sondern als einer von vielen im Kreise seiner Teamkollegen zu trainieren, vorher Fußball zu spielen, Späße zu machen, einfach der 14. Mann im Kader zu sein, trieb ihn an. „Mein Wunsch war es, ein normaler Handballer zu sein, niemand Besonderes“, sagt er: „Er hat sich erfüllt, dafür bin ich dankbar.“

Dieser eiserne Wille hatte zur Folge, dass Myrhol nicht wie geplant im Januar, sondern schon am 22. Oktober, zehn Wochen nach der Krebs-Diagnose, sein Comeback feierte. Vier Minuten stand er gegen Frisch Auf Göppingen auf dem Feld, „ich hatte Gänsehaut, es war unbeschreiblich“, sagt Myrhol.

Die Kraft hat er immer noch, nur an Ausdauer mangelt es

Er wurde sogar ganz schnell wieder zu einer festen Größe im Angriff der Löwen. In seinem zweiten Spiel erzielte er vier Tore, dann sieben, zuletzt waren es neun. Was nach einem Wunder aussieht oder danach, dass die Gegner ihn rücksichtsvoller behandeln, erklärt Myrhol wie folgt: „Der Kraftbereich ist bei mir noch immer okay. Ich kann mich durchsetzen, bekomme auch gute Zuspiele von meinen Kollegen.“

Vor allem die Ausdauer macht ihm weiter zu schaffen. Da ist er laut eigener Aussage erst bei 50 Prozent, weshalb der Kreisläufer meist nur im Angriff oder in der Abwehr eingesetzt werden kann. Myrhol trainiert so oft es geht zweimal pro Tag, um bald wieder komplett einsetzbar sein zu können. Zusätzlich muss er seine lädierte Bandscheibe stärken, an der er nur kurz vor der Krebs-Diagnose operiert worden war.

Myrhol nimmt all die Strapazen auch deshalb auf sich, um in der kommenden Saison wieder topfit in der Champions League spielen zu können. Nach den zuletzt dürftigen Leistungen in der Liga ist für die Rhein-Neckar Löwen ein Sieg heute Abend in Berlin Pflicht. „Gerade wenn es mal nicht so gut läuft, müssen wir uns eben wieder zurückkämpfen“, sagt Myrhol. Es hätte auch ein Satz zu seiner eigenen Situation sein können.

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