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Wünscht sich endlich Klarheit: Markus Rehm.

Markus Rehm Para-EM

Der Wunsch nach mehr Mut

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Paralympischer Weitspringer Markus Rehm könnte bei Olympia mitmischen - doch er darf nicht.

Er ist einer der Besten seines Faches, doch die größten Bühnen darf er nicht betreten. Markus Rehm ist der erste paralympische Weitspringer, der bei Olympia eine Medaillenchance hätte. Seit sechs Jahren diskutieren Trainer, Funktionäre und Wissenschaftler, ob er mit seiner Unterschenkelprothese einen Vorteil oder einen Nachteil hat. Eine für alle zufriedenstellende Antwort gibt es nicht: Rehm kann mit der Prothese langsamer anlaufen, aber schwungvoller abspringen.

Rehm ist gerade 30 geworden, er hat nicht mehr allzu viel Zeit. Seine Bestleistung liegt bei 8,47 Metern. Damit gewinnt er paralympische Wettbewerbe nach Belieben, manchmal mit zwei Metern Vorsprung, und so könnte es auch an diesem Samstag bei der Para-Europameisterschaft im Berliner Jahn-Sportpark sein. Er aber wünscht sich einen spannenden, motivierenden Wettkampf. Bei Welt- und Europameisterschaften der Nichtbehinderten durfte er bislang nicht starten. Ebenso wenig bei Olympia – Tokio 2020 ist seine wohl letzte Chance.

„Es sieht so aus, als wolle man mich aussitzen“, sagt Rehm. „Alle schieben das Thema weiter. Ich wünsche mir jemanden, der etwas Mut hat.“ Er meint damit den Deutschen Leichtathletik-Verband DLV und den Weltverband IAAF. „Wir brauchen klare Regeln.“

Was die breite Öffentlichkeit zwischen den Großevents nicht mitbekommt: Markus Rehm bestreitet im Jahr zwischen zehn und 15 Wettkämpfen. Bei kommerziellen Meetings springt er in der offiziellen Wertung der Nichtbehinderten mit, denn meist ist er der Werbeträger. Bei regionalen und deutschen Meisterschaften tritt er ebenfalls gegen olympische Kollegen an, wird allerdings gesondert gewertet. Meist hat er die beste Weite, aber eine Medaille erhält er trotzdem nicht. Noch gibt es Streitpunkte: Um die Größen des Starterfeldes oder um Prämien. „Ich möchte niemandem etwas wegnehmen“, sagt Rehm.

Er wirkt gelassen. „Ich höre mir alle Argumente an, aber viele Leute trauen sich nicht, mir ihre Meinung ins Gesicht zu sagen.“ Früher wurde er gefeiert für seinen Mut. Spätestens seit seinem einzigen offiziellen Deutschen Meistertitel bei den Nichtbehinderten 2014 wurde er auch kritisiert. Von olympischen Athleten, die nicht gegen einen Paralympier verlieren wollen. Und von Paralympiern, die Rehm als abtrünnig betrachten.

Er selbst würde sich diesen Druck in der Öffentlichkeit nicht anmerken lassen. Doch er möchte gegen die Allerbesten antreten, und längst gibt er sich mit einer getrennten Wertung zufrieden. „Jeder möchte etwas Großes erreichen und Grenzen ausloten. Ich auch.“ Er möchte sich nicht dafür entschuldigen müssen, an die Spitze zu wollen.

Doch im Spitzensport hat das Interesse eines berühmten Einzelnen oft Auswirkungen auf die Basis. „Vieles ist durch die Diskussion kaputt gegangen, was Jahrzehnte lang funktioniert hat“, sagt Jörg Frischmann, Geschäftsführer für Behindertensport bei Bayer Leverkusen, dem Verein von Rehm. Frischmann war selbst paralympischer Leichtathlet, ohne Probleme hatte er stets bei kleineren Wettbewerben von Nichtbehinderten teilgenommen. „Doch heute gibt es bei Kampfrichtern und Veranstaltern eine große Unsicherheit.“

„Schreckliches Signal“

An jedem Wochenende gibt es Sportfeste mit hunderten Teilnehmern. Für die ehrenamtlichen Organisatoren ist es ein großer Aufwand, die wenigen Teilnehmer mit Behinderung in einer Sonderwertung zu führen, in Messung und Dokumentation. In mehreren Fällen, berichtet Frischmann, wollten Veranstalter Jugendliche mit einer Prothese nicht mehr starten lassen: „In Zeiten der Inklusion ist das ein schreckliches Signal.“ Und Frischmann erlebt, wie die komplexe Debatte immer wieder vereinfacht wird. Er hat Eltern gesehen, die ihre Kinder warnen wollten. „Pass auf“, sagten sie. „Der Junge hat eine Prothese, der hat einen Vorteil.“

Markus Rehm möchte sich dafür nicht verantwortlich fühlen. Vor ihm brachte der südafrikanische Prothesenläufer Oscar Pistorius das Thema auf, und auch nach ihm werden Ausnahmekönner folgen. „Ich möchte zeigen, was Menschen mit einem Handicap leisten können“, sagt Rehm. Immer wieder wird er für Vorträge angefragt, auch vor Führungskräften in Unternehmen. Dann spricht er über Motivation und auch gegen Widerstände aus den eigenen Reihen.

Bislang sind nur drei Deutsche auch ohne Prothese weiter gesprungen als Rehm. Er wünscht sich, dass man diese Unterscheidung irgendwann nicht mehr erwähnen muss. Neulich bei der deutschen Meisterschaft in Nürnberg kam ein olympischer Kollege auf ihn zu und fragte nach einer Zange, seine Spikes saßen fest. Er wusste, dass kurz vor dem Wettkampf nur einer Werkzeug dabei haben könnte, der Prothesenspringer. „Das fand ich schön“, sagt Rehm. „Es wirkte so selbstverständlich.“

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