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Sportbegeisterte treten im Takt einer wummernden Musik heftig in die Pedale, ohne auch nur einen Zentimeter voran zu kommen. Die Trendsportart heisst "Spinning" oder "Indoor-Cycling".
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Sportbegeisterte treten im Takt einer wummernden Musik heftig in die Pedale, ohne auch nur einen Zentimeter voran zu kommen. Die Trendsportart heisst "Spinning" oder "Indoor-Cycling".

Die womöglich "teuerste Weltreligion aller Zeiten"

Kritisches zu "Gesundheitswahn", "Fitness-Kult" und "Diät-Sadisten"

Von Rudolf Grimm, dpa

Hamburg (dpa). Hat die Gesundheit für die Menschen unserer Zeit unangemessen große Bedeutung? Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Manfred Lütz (Köln) hat jedenfalls den Eindruck, "dass die Leute heutzutage nicht mehr an den lieben Gott glauben, sondern an die Gesundheit. Und alles, was man früher für den lieben Gott tat - Fasten, Wallfahrten und vieles andere mehr -, tut man heute für die Gesundheit."

Es gebe Menschen, die lebten gar nicht mehr wirklich, sondern nur noch vorbeugend - um dann gesund zu sterben, sagte der Autor des Buches "Lebenslust - Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult" (Pattloch-Verlag 2002) in einem Interview der April-Ausgabe der Zeitschrift "Psychologie heute" (Weinheim).

"Doch auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot." Die Medien begleiteten mit Gesundheitsseiten und TV-Magazinen den Rummel. Natürlich sei es sinnvoll, sich um die Gesundheit zu kümmern, sagte er. Lütz macht jedoch einen "monströsen Kult der Gesundheitsreligion" aus, spricht gar von "der mächtigsten und teuersten Weltreligion aller Zeiten". Auch das Blasphemietabu sei in die Gesundheitsreligion abgewandert: Über Jesus Christus könne man in unserer Gesellschaft alberne Scherze machen, aber bei der Gesundheit höre der Spaß auf.

Dabei ist Lütz der Auffassung, dass sich unwiederholbarer Lebenszeit beraubt, wer den Gesundheitskult praktiziert. Der Psychiatrie-Professor Klaus Dörner (Hamburg), Autor des Buchs "Die Gesundheitsfalle" (Econ-Verlag 2003, inzwischen Ullstein- Taschenbuch mit dem Titel "Das Gesundheitsdilemma"), rät in einer Stellungnahme zum Thema zweierlei: "Einmal sollten wir darauf achten, dass uns immer mindestens ein Gut noch wichtiger ist als Gesundheit. Denn dann kann Gesundheit aus einem Zweck für dieses Gut wieder zum Mittel, zu einem Lebens-Mittel werden - mehr will sie nämlich nicht sein. Wer also gesundheitsbewusst lebt, lebt schon nicht mehr gesund."

Zum anderen seien wir anstelle des Irrglaubens an die Herstellbarkeit von Gesundheit gut beraten, lieber der Formel des Philosophen Hans-Georg Gadamer zu folgen, wonach Gesundheit das selbstvergessene Weggegebensein an die Vollzüge des eigenen Lebens ist. Es komme also darauf an, dass wir nicht über-, aber auch nicht unterlastet, sondern optimal ausgelastet sind, sagt Dörner.

Er konstatiert eine permanente Entlastung von Lasten infolge des Modernisierungsfortschritts, wodurch die meisten Menschen in eine nun wieder krankmachende Unterlastung rutschten. "Auf der körperlichen Ebene fördert die muskuläre Unterlastung inzwischen die meisten Zivilisationskrankheiten, wogegen wir - ziemlich vergeblich - eine künstliche Wiederbelastungsindustrie erfunden haben." Dasselbe gelte auch auf der psychosozialen Ebene. Auch hier brauche jeder Mensch sein optimales Tagesquantum von "Bedeutung für Andere", Lasten zu tragen.

"Weil wir aber die meisten Gelegenheiten, anderen in Krankheit und Not zu helfen, an die Gesundheits- und Sozialprofis abgetreten, uns davon entlastet haben, rutschen immer mehr von uns in eine psychosoziale Unterlastung, was zu der endlosen Steigerung psychischer Störungen führt." Zwar wären sicher nicht alle, aber doch, wie der Hamburger Professor schätzt, etwa zwei Drittel dieser neuen psychischen Störungen hinfällig, würden sich alle um eine nicht zu große, aber auch nicht zu kleine Belastung an "Bedeutung für Andere" kümmern.

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