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Hat während der Wettkämpfe am Schießstand alles im Blick: Bundestrainer Mark Kirchner.

Biathlon

"Wollen das Geschehen vorne mitbestimmen"

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Biathlon-Bundestrainer Mark Kirchner über seine Doppelrolle als Chef der Frauen und Männer, die Konkurrenz und die hohen Saisonziele.

Mark Kirchner übernahm den Posten als Bundestrainer der Biathleten zur Saison 2010/11, seit den vergangenen Olympischen Winterspielen in Pyeongchang kümmert sich der 48-Jährige zusätzlich auch noch als Chefcoach um die Frauen.

Der Thüringer war einst selbst ein erfolgreicher Biathlet. Bei den Winterspielen 1992 in Albertville gewann er Medaillen in allen drei Wettbewerben, zwei Jahre später war er in Lillehammer Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier und siegte mit der Staffel.

Herr Kirchner, im Trainerstab des deutschen Biathlon-Teams gab es vor der Saison eine Variation. Sie bleiben zwar als Bundestrainer für die Männer zuständig, haben aber auch die Leitung des Frauenteams übernommen. Warum?
Ich sehe mich nicht als der Oberchef von beiden Gruppen. Wir haben mit Kristian Mehringer und Florian Steirer zwei Frauen- und mit Isidor Scheurl und mir zwei Männertrainer. Meine Verantwortung bleibt klar im Männerbereich. Da aber außer mir alle Verantwortlichen neu sind, war es die Überlegung des Verbandes, mich als Mentor für den Damenbereich dazu zu nehmen.

Sie lassen also die für die Frauen verantwortlichen Trainer selbstständig arbeiten?
Ja, ich habe von Anfang an gesagt, dass sie die Verantwortung für ihre Mannschaft haben, das beinhaltet auch die Trainingsführung und -gestaltung. Ich helfe aber im Bedarfsfall gerne mit Rat und Tat. Bei Problemen gibt es mit mir jemanden, der erfahren ist und an den sich das neue Frauenteam wenden kann. Ich werde überall vor Ort sein, stehe aber bei den Rennen wie zuletzt immer bei den Männern am Schießstand und mache dort meine Arbeit als verantwortlicher Trainer. 

Warum gibt es überhaupt einen neuen Frauentrainer als Nachfolger von Gerald Hönig?
Gerald Hönig wollte nur noch maximal zwei Jahre als Frauentrainer arbeiten, also nur die Hälfte des neuen Olympiazyklus‘. Außerdem hat es in Pyeongchang wegen der Staffelaufstellung einige Reibungsflächen geben. Da haben sich die Athletinnen auch unzufrieden geäußert, da lief nicht alles glatt und es gab auch mal Streit. Danach fiel in Gesprächen mit dem Verband die Entscheidung, lieber einen Frauentrainer zu installieren, der das mindestens vier Jahre bleibt, um eine starke Einheit für die Spiele 2022 aufzubauen. 

In den Staffelrennen am vergangenen Wochenende lief es noch nicht so gut, dafür aber gleich beim ersten Einzelrennen am Donnerstag im slowenischen Pokljuka: Johannes Kühn belegte Rang zwei. Wie bewerten Sie diesen Auftakt?
Wir haben hart gearbeitet. Und wenn man im Sommer seine Hausaufgaben macht und mit dem Selbstvertrauen startet, das wir uns im Männer- und Frauenbereich in den vergangenen Jahren erarbeitet haben, dann kann man in den ersten Rennen auch gleich um die Podestplätze mitlaufen. Für Johannes Kühn freut es mich sehr, denn er hat schon oft gezeigt, dass er läuferisch mit der Weltspitze mithalten kann. Diesmal hat es auch am Schießstand zu 100 Prozent gepasst, das war richtig gut. Johannes Kühn hat sich mit starken Leistungen bei den deutschen Meisterschaften auf Rollerskiern im Sommer ins Team gelaufen – und es scheint, als hätte er seine starke Form behalten. 

Die Motivation in Ihrem Team …
… ist definitiv da, und groß ist sie auch. Es ist keiner dabei, der nach den Olympischen Spielen kein Feuer hätte. Im vergangenen Winter haben wir lange auf Siegleistungen gewartet, waren dann aber im richtigen Moment bei den Spielen voll da – mit dem Olympiasieg von Arnd Peiffer im Sprint, Rang zwei von Simon Schempp im Massenstart und Bronze für Benedikt Doll in der Verfolgung. Die Arbeit hört allerdings nicht auf – und ich bin zuversichtlich, dass wir im Winter stark sein werden.

Sie sprachen es an, Ihr Team ist erfolgsverwöhnt. Welche Erwartungen haben Sie an die neue Saison?
Es ist und wird schwer, die Leistungen, die wir zuletzt gebracht haben, zu bestätigen. Man wird immer daran gemessen, was man erreicht hat. Unser Anspruch ist aber, da wieder hinzukommen. Jeder, der mal auf dem Podium war, will das wieder schaffen. Wir werden alles daran setzen, um in dieser Saison das Geschehen vorne mitzubestimmen. Ich kann nicht garantieren, dass wir bei den Weltmeisterschaften in Östersund vier oder fünf Medaillen gewinnen. Aber: Wir wollen auf jeden Fall um die Podiumsplätze kämpfen.

Arnd Peiffer hat bei den Olympischen Spielen mit Gold überrascht. Wie erleben Sie ihn seitdem?
Das war ein Riesenhöhepunkt, was der Arnd da geschafft hat. Er ist nun Vater geworden, er ist ein sehr besonnener, ruhiger und entspannter Mensch, insofern als Athlet sehr belastbar. Ich schätze ihn sehr, weil er auch mitdenkt und sich meldet, wenn ihm was nicht passt. Aber wir haben mit Arnd, Benedikt Doll, Erik Lesser und Simon Schempp ein Quartett an Läufern, die alle schon mal Weltmeister waren und olympische Einzelmedaillen gewonnen haben. Wenn man solche Leute in einem Team hat, die so etwas bereits erlebt haben, dann ist das außergewöhnlich. 

Johannes Kühn wurde am Donnerstag nur von Martin Fourcade bezwungen, der Nummer eins der Biathlon-Männer. Was zeichnet Fourcade aus?
Was ihn so dominant macht, ist die Tatsache, dass er das Laufen und das Schießen auf außergewöhnliche Art und Weise kombinieren kann. Er ist da eine echte Maschine. Hinzu kommt: sein Herz-Kreislauf-System ist sehr belastbar. Wenn er das Optimum abruft, gibt es kaum einen Biathleten, der ihn bezwingen kann.

Interview: Stephan Klemm

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