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Angelique Kerber hat ihr Match bei den Australian Open verloren.

Tennis-Kommentar

Wut und Wirkung

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"Ich treffe keinen Ball", sagt Angelique Kerber im Achtelfinale der Australian Open - und scheidet aus. Auch Alexander Zverev verliert sein Match. Vom Scheitern der deutschen Profis. Der Kommentar.

Was am Ende geschieht oder gesagt wird, gräbt sich ins Gedächtnis, Psychologen nennen das den Primacy-Effekt: Der letzte Eindruck bleibt. Als Angelique Kerber, 31, bei den Australian Open im Achtelfinale ausschied – 0:6, 2:6 gegen die eher unbekannte Danielle Collins – hörte man sie während des Spiels sagen: „Ich treffe keinen Ball, keinen Ball.“ Was eine korrekte Analyse ihres Auftritts war. Als für Alexander Zverev, 21, in Melbourne im Achtelfinale Schluss war – 1:6, 1:6, 6:7 gegen den eher bekannten Milos Raonic – hörte man ihn hinterher auf der Pressekonferenz sagen: „Ich hatte zwei Sätze lang keine Ahnung, wie man einen Tennisball ins Feld spielt.“ Mehr musste man nicht wissen über seine Leistung.

Das ist also der bleibende Eindruck von den aktuell besten deutschen Tennisprofis beim ersten großen Turnier des Jahres: Dass sie scheinbar nur mit Mühe in der Lage sind, einen Tennisschläger von einer Bratpfanne zu unterscheiden. Kerber und Zverev befinden sich in unterschiedlichen Phasen ihrer Karriere, und doch eint sie, dass es zurzeit mal wieder ums große Ganze zu gehen scheint.

Zverev will es einfach noch nicht gelingen, bei den Grand-Slam-Turnieren nachhaltig auf sich aufmerksam zu machen, dort also, wo die Champions geboren werden. Weil ihn das fuchst, lieferte er gegen Raonic denkwürdige Bilder, als er seinen Schläger regelrecht zermanschte vor Wut.

Zu flattrig für große Turniere

Der Eindruck, dass Zverev zu flattrig ist, um jene Konstanz zu entwickeln, die es bei den großen Veranstaltungen zwingend braucht, täuscht nicht. Die zurückliegenden Monate haben die gesamte Bandbreite seines Könnens offengelegt. Bei den kürzeren Formaten – einwöchige Turniere mit Spielen über zwei Gewinnsätze – hat er seine Weltklasse bereits mehrfach nachgewiesen, zuletzt bei der WM in London. Die zehrenden Grand-Slam-Turniere sind noch zu viel für die äußere und innere Widerstandsfähigkeit des jungen Mannes, dessen ruhelose Energie sich in schlechten Zeiten gegen sich selbst richtet. Ein Viertelfinale bei den French Open, 2018, ist nicht ohne Grund das beste Ergebnis für den hochveranlagten Jüngling.

Auch für Kerber wird es darauf ankommen, wie gelassen sie mit dem Rückschlag von Melbourne umgeht. Als Titelverteidigern sang- und klanglos auszuscheiden in Down Under, kennt sie aus dem Alptraumjahr 2017, das auf das Traumjahr 2016 folgte. Damals geriet sie in eine schwere Sinnkrise. Um 2019 ähnliches zu vermeiden, hat sie den richtigen Trainer an ihrer Seite, Rainer Schüttler. Ein Mann, der aus eigener Erfahrung weiß, wie nahe Höhen und Tiefen mitunter beieinanderliegen im Tennis.

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