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„Es wird in Nove Mesto wohl so wie damals im Schülercup.“ Vanessa Hinz.

Biathlon

„Wir lassen uns nicht verrückt machen“

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Vizeweltmeisterin Vanessa Hinz über Biathlon-Rennen im Zeichen der Corona-Krise.

Frau Hinz, erstmals in der Biathlon-Geschichte werden in den kommenden vier Tagen Weltcup-Rennen vor leeren Rängen ausgetragen. Mit was für Gefühlen fährt man zu solch einer Veranstaltung?

Mit den gleichen Gefühlen wie zu jedem anderen Wettkampf. Klar, es ist schon komisch, ohne Publikum zu starten. Im Endeffekt müssen wir aber genauso laufen und schießen wie immer. Und es gibt ja auch andere Weltcups mit nur wenigen Zuschauern. Oder Olympia in Pyeongchang: Da waren auch kaum Leute an der Strecke. Es wird in Nove Mesto wohl so wie damals im Schülercup oder bei anderen regionalen Rennen sein, bei denen einfach nur die Eltern dagestanden sind und angefeuert haben.

Im Schießen könnte die Ruhe ja ein Vorteil sein.

In Nove Mesto haben die Fans ja nie so laut für uns geschrien sondern für die eigenen tschechischen Athleten. Die hatten vor allem den Druck am Schießstand.

Die einzigen, die noch an der Loipe sind und anfeuern können, sind die Betreuer...

...die hören wir jetzt wenigstens besser. Dann ist es nicht so wie zum Beispiel in Antholz, wo es so laut war, dass Schilder hochgehalten werden mussten. In Nove Mesto werden wir die Zurufe der Trainer sicher verstehen (lacht).

Ist für Sie die Entscheidung nachvollziehbar, wegen der Corona-Epidemie die Rennen vor einer Geisterkulisse auszutragen?

Ich bin keine Ärztin. Aber wenn die Tschechen so entschieden haben, dann wird es schon richtig sein. Man kann die Lage derzeit nicht hundertprozentig einschätzen. Und so gesehen ist das die sichere Variante.

Erst vor eineinhalb Wochen waren Sie noch bei der WM in Antholz, also im von dem neuartigen Virus stark betroffenen Italien. Inwiefern ist die Corona-Krise ein Thema unter den Biathleten?

Wir haben schon gesagt: Mei, wenn jetzt die WM in Italien wäre, dann würde es schwierig werden. Aber wir machen uns – ehrlich gesagt – nicht so viele Gedanken darüber. Wir halten uns so oder so von kranken Menschen fern. Wir desinfizieren uns regelmäßig die Hände. Das haben wir aber schon vor der Corona-Krise gemacht. Wir lassen uns jedenfalls nicht verrückt machen. Das bringt nichts.

Im Biathlon-Weltcup sind auch China und Südkorea mit Teams vertreten. Also die zwei Länder, in denen das Coronavirus ganz besonders wütet. Gibt es da Vorbehalte im Umgang mit diesen Sportlern?

Mit Chinesen und Südkoreanern haben wir nicht viel Kontakt. Und dann ist es auch die Frage, wann die das letzte Mal daheim in Asien waren. Die sind seit November mit uns am Start. Und ich glaube nicht, dass sie zwischendurch nach Hause fliegen. Sie haben also auch kein höheres Ansteckungsrisiko als wir.

Ganz andere Vorzeichen hatte noch die WM in Antholz, die sich als großartiges, unbeschwertes Sportfest präsentierte und wo Sie Ihre erste Medaille in einem Einzelrennen gewannen. Wie schwer wiegt für Sie dieses Silber?

Zur Person

Vanessa Hinz, 27, ist seit Jahren eine feste Größe im deutschen Biathlon-Team. Drei Goldmedaillen hat sie schon bei Weltmeisterschaften errungen, alle als Staffelläuferin. Vor gut zwei Wochen bei den Titelkämpfen in Antholz klappte es für die Sportlerin vom SC Schliersee auch als Solistin: Im Einzel errang sie WM-Silber – ihr bislang größter Erfolg. Nach der stimmungsvollen WM, wo es für sie auch noch Staffel-Silber gab, erwartet Hinz nun ab heute ein ganz anderes Ambiente: Wegen der Corona-Krise dürfen beim Weltcup in Nove Mesto keine Zuschauer ins Stadion. Auf der Fahrt nach Tschechien erklärte die Vizeweltmeisterin im Telefoninterview, warum sie den bevorstehenden Wettkämpfen gelassen entgegensieht. 

Ich genieße das immer noch. Ich freue mich immer noch jedes Mal, wenn ich die Silbermedaille sehe.

Haben Sie das Silber im Reisegepäck?

Nein, es liegt bei mir daheim in Schliersee. Auch weil die Oma die Medaille noch ein bisserl haben wollte.

Nach einer zunächst nicht ganz einfachen Saison haben Sie es geschafft, bei der WM in absoluter Topform anzutreten. Wie haben Sie das so punktgenau hinbekommen?

Das ist nicht so leicht zu erklären. Seit Weihnachten habe ich gemerkt, dass es immer besser geworden ist. Im Laufen. Und auch im Schießen. Ich bin sicherer geworden. Auch wenn mir beim Weltcup in Ruhpolding ein Missgeschick in der Staffel passiert ist. Aber ich habe aus Fehlern gelernt und erkannt, was ich falsch gemacht habe. Ich hatte auf jeden Fall immer mehr das Gefühl, dass ich vorne mitlaufen kann. Und dann macht es auch mehr Spaß. Bei der WM ist eines zum anderen gekommen. Wir hatten schon eine total schöne Vorbereitung in Ridnaun. Ich mag Antholz sehr gern. Die Motivation war irrsinnig hoch.

Sie galten ja nicht als Medaillenkandidatin.

Ich hatte vor der WM in diesem Winter noch keine Podiumsplatzierung. Deswegen bin ich auch nicht zur WM gefahren mit dem Vorsatz: Ich will da Medaillen absahnen. Ich wollte einfach nur meine besten Leistungen bringen. Ich habe mir deshalb vorher auch keinen großen Druck gemacht.

Die lange Saison biegt allmählich auf die Zielgerade ein. Wie steht’s mit Ihren Kräften?

Ich war nach der WM schon müde und kaputt. Aber die Woche Pause, die wir hatten, war wichtig. Der Körper erholt sich relativ schnell. Ich hoffe natürlich, dass mir das Silber zusätzlichen Schwung gibt. Ich fahre jedenfalls mit einem anderen Selbstbewusstsein in Richtung Nove Mesto.

Sie zählen ja neben Denise Herrmann und Franzi Preuß zu den wenigen etablierten Stützen im deutschen Frauen-Team, dem es derzeit an Talenten mangelt. Sehen Sie sich da besonders in der Pflicht?

Als Lena Neuner aufgehört hat, hat man auch gesagt: Da kommt nichts nach. Und jetzt im Winter nach dem Rücktritt von Laura Dahlmeier ist es genauso. Doch mein Eindruck ist, dass es einige junge Biathletinnen gibt, die es drauf haben. Janina Hettich zum Beispiel bringt schon gute Leistungen. Grundsätzlich bin ich der Meinung: Es kommt immer jemand nach.

Sie werden in zwei Wochen 28, sind im besten Sportleralter, haben Sie da schon die Olympischen Spiele 2022 in Peking im Hinterkopf?

So weit denke ich nicht. Ich bin keine, die Monate oder gar Jahre vorausplant. Ich habe natürlich schon mal gesagt, ich würde gern nach Peking fahren. Aber es muss halt auch von den Umständen passen, es muss noch Spaß machen. Ich möchte jedenfalls nicht die Aussage treffen: Ich mache sicher weiter bis Peking. Es kann bis dahin noch viel dazwischenkommen.

Interview: Armin Gibis

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