+
Kevin Kranz und Michael Pohl (l).

Leichtathletik

„Wir kaufen Wrestlinggürtel“

  • schließen

Die Frankfurter Topsprinter Michael Pohl und Kevin Kranz vom Sprintteam Wetzlar über Konkurrenzkampf im Training, Vergleiche mit Geparden und ihre Ziele im Olympiajahr.

Herr Kranz, Herr Pohl, gibt es olympische Momente, die Sie besonders geprägt haben?

Kranz:Bei mir nicht. Ich habe früher auch gar keine Leichtathletik geguckt und tue es immer noch sehr selten. Michael kennt bestimmt alle Olympia-Ereignisse (grinst).

Pohl:Ja, da gibt es einige Momente und die haben meistens etwas mit Usain Bolt zu tun. 2008 in Peking ist er 9,68 Sekunden gelaufen und ausgetrudelt. Da hat man gesehen, wie krass überlegen er war. Die anderen haben Vollgas gegeben und waren trotzdem zweieinhalb Zehntel langsamer. Und wir sind hinter denen.

Wie können Sie sich direkt für Tokio qualifizieren?

Pohl:Es gibt zwei Möglichkeiten: Einmal über die Weltrangliste der IAAF. Da müssten wir unter die ersten 56 kommen. Oder die direkte Norm laufen, das sind 10,05 Sekunden, also fast deutscher Rekord (10,01, gehalten von Julian Reus, Anm. d. Red.).

Michael, Ihre Bestzeit liegt bei 10,22 Sekunden, Ihre, Kevin, bei 10,24 Sekunden. Welche Zeiten peilen Sie dieses Jahr an?

Pohl:Mein Ziel ist es dieses Jahr, 10,19 Sekunden im Schnitt zu laufen. Wenn ich das auf verschiedenen Wettkämpfen immer wieder abrufe, bin ich dabei. Ich bin mir ziemlich sicher, dass einer von uns irgendwo mal eine 10,12 laufen wird. Es wird allerdings nichts bringen, wenn das ein einmaliger Ausreißer bleibt und wir sonst nur 10,30 laufen. Ich würde in der Weltrangliste gerne auf einen der vorderen 30er Plätze stehen, um sicher in Tokio dabei zu sein. Ich bin in der besten Form, die ich jemals hatte.

Zu den Personen

Kevin Kranz und Michael Pohl gehören zu den schnellsten Männern in Deutschland. 2018 wurde Kranz Deutscher Meister über die 100 Meter, im vergangenen Jahr Pohl. Bei der Deutschen Hallenmeisterschaft in Leipzig (22. und 23. Februar) wird der gebürtige Frankfurter Kranz (21) seinen Titel über die 60 Meter nicht verteidigen können, den er sich 2019 in Dortmund vor Pohl (30) gesichert hatte. Sein Trainingsrückstand ist zu groß.

Michael Pohl, der in Schlüchtern geboren wurde, wohnt in Frankfurt und studiert an der Hochschule Darmstadt BWL. Außerdem arbeitet er bei einer Unternehmensberatung in Eschborn. Kranz hatte ein duales Studium bei der Polizei begonnen, dieses aber mittlerweile abgebrochen.

Kranz:Ich will die 10,20 Sekunden fallen sehen. Vergangenes Jahr bin ich mit 10,27 Sekunden eingestiegen. Das war gut. Bei den Deutschen Meisterschaften bin ich eine solide Zeit mit 10,29 Sekunden gelaufen und hätte danach auch noch schneller laufen können, aber dann habe ich das Pfeiffersche Drüsenfieber bekommen. Dann ging nichts mehr...

Haben Sie deswegen nach zwei Wettkämpfen die Hallensaison beendet?

Kranz:Ja. Leider hat sich das Drüsenfieber bis in die Vorbereitung der Halle hingezogen. Da ich noch ein paar Mal erkrankt bin, konnte ich oft gar nicht trainieren. Wir hatten schon überlegt, die Hallensaison ausfallen zu lassen, es dann aber doch gemacht. Der Trainingrückstand ist leider wie erwartet zu groß, um gute Zeiten laufen zu können. Daher liegt der Fokus jetzt klar auf der Freiluftsaison.

Herr Pohl, wie zufrieden sind Sie mit Ihrer bisherigen Hallensaison? Am Sonntag sind Sie in Dortmund in 6,73 Sekunden Vierter geworden. Ihr Bestzeit liegt bei 6,63 Sekunden.

Es ist okay, aber nicht zufriedenstellend. Ich müsste ungefähr sechs Hundertstel schneller laufen. Ich weiß ganz genau, welche Dinge mich daran hindern, schnell rennen zu können, doch irgendwie kann ich es nicht umsetzen.

Dabei haben Sie sogar Ihr Trainingspensum von vier auf fünf Einheiten erhöht. Wie kam es dazu?

Pohl:Es ging darum, dass ich zu meinem Trainer David Corell gesagt habe: Wer weiß, wie viele Tage ich noch in dieser Leichtathletikszene bin. Und ich bin mit meinen 6,63 Sekunden über 60 Meter nicht weit weg von der 6,60 Sekunden-Grenze. Die zu durchbrechen ist aber nur möglich, wenn ich mehr an der Beschleunigung arbeite – und das geht nicht mit vier Mal die Woche. Ich merke schon, dass ich deutlich konstanter bin und nehme alles ein bisschen ernster.

Kranz:Ich trainiere aktuell vier Mal die Woche, manchmal fünf Mal, wenn es geht. Üblich sind sechs Mal die Woche. Dienstags und freitags sind allerdings Einheiten für die Regeneration und Beweglichkeit vorgesehen.

Sie trainieren seit ein bisschen mehr als zwei Jahren zusammen. Was macht Ihre Trainingsgruppe aus?

Kranz:Wir haben sehr viel Konkurrenz und pushen uns gegenseitig in den Einheiten. Und wir verstehen uns alle sehr gut.

Pohl:Wir haben vor allem sehr viele Möglichkeiten im Training. Kevin beschleunigt über die ersten 30 Meter wie kein Zweiter in Deutschland. Wenn ich mit ihm mithalten kann, weiß ich, dass ich gut drauf bin. Im fliegenden Bereich bin ich etwas besser, aber auch Elias Göhr kann mithalten. So hat jeder seine Stärken, und ich habe einen guten Anhaltspunkt, wo ich stehe.

Machen Sie sich gegenseitig Druck?

Kranz:Schon (lacht).

Pohl:Klar (grinst). Wir wollen jetzt drei Wrestlinggürtel kaufen. Einen für Beschleunigung, einen für Topspeed und einen für Ausdauerhärte. Und der Sieger der Einheiten muss das Ding dann bei jedem Training mitbringen und jedes Mal aufs Neue verteidigen. Ich habe gesehen, dass Justin Gatlin das macht. Das sieht schon richtig lässig aus mit drei goldenen Gürteln. (lacht)

Wie würden Sie gegenseitig Ihre Stärken und Schwächen beschreiben?

Kranz:Michael ist im Topspeed ziemlich gut, da bin ich in Ordnung. Sein ganzes Körpergefühl ist gut, er weiß immer, wo er gerade steht.

Pohl:Was ich krass finde, ist, dass Kevin nicht viel braucht, um gepusht zu sein. Wenn ich einen Wettkampf habe, der mir am Arsch vorbei geht, dann wird es ganz schnell 10,40 Sekunden oder 10,50 Sekunden. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man wie er immer entspannt rennen kann. Ohne Spannung geht bei mir gar nichts. Das ist auch manchmal im Training so, da bin ich Letzter und es ist mir egal. Was ich wirklich cool fand, war, dass er bei der Deutschen Meisterschaft trotz seines Fehlstarts noch Zweiter geworden ist. Ich habe gedacht, der ist jetzt Matsche im Kopf und dann ist er plötzlich hinter mir. Wenn mir das passiert wäre, wäre ich draußen.

Ihr Trainer sagt immer, dass Sie Geparden sind, die nicht viel Trainingsumfang brauchen, um in den Topbereich zu kommen, aber schnell ermüden. Nach wie vielen Tempoläufen haben Sie Bauchschmerzen?

Kranz:Zwei. Elias Göhr kann 20 Tempoläufe machen und dem wird nicht schlecht. Ich weiß nicht wieso, aber ich muss mich nach drei Läufen übergeben.

Pohl:Wenn es ganz schlecht läuft nach einem. Manche verstehen das überhaupt nicht. Wenn ich 100 Prozent gebe, übersäuere ich total. Ich kann nicht nur 90 Prozent laufen.

Woran arbeiten Sie momentan im Training?

Kranz:Am Topspeed. Wir machen viel Technik. Wenn ich im Wettkampf schnell laufe, falle ich oft in alte Muster zurück. Ich ferse dann an und habe wenig Kniehub. Daran arbeiten wir.

Pohl:Bei mir ist es vor allem die Beschleunigung. Man beschleunigt am besten mit wenig Bremsstößen, und ich habe davon relativ viele. Die versuchen wir, rauszubekommen.

Welche Werte messen Sie im Training und wie intensiv schauen Sie darauf?

Kranz:Die ersten zehn Meter werten wir ziemlich oft aus und wollen alle sofort wissen, wie die Zeiten waren. Ab und zu die 30 Meter und die 60 Meter auf den ersten Schritt. Und die Tempoläufe. Das sind Werte, die uns ungefähr sagen, wo wir gerade stehen.

Pohl:Wenn der Richtwert ein Zehntel über der Normalzeit ist, dann weiß ich, da ist irgendwas im Busch. Ich liebe es, mir alle Zahlen in allen Bereichen anzusehen.

Kranz:Mich interessieren am meisten die Zeiten über zehn Meter. Ich bin jetzt seit einiger Zeit im Bereich 1,70 Sekunden und wenn ich darunter bin, weiß ich, dass ich gut drauf bin.

Werden Sie sich beide diese Saison auf die 100 Meter konzentrieren oder sind die 200 Meter auch eine Option?

Kranz:Der David (Corell, Anm. d. Red.) will, dass ich diese Saison auch die 200 mache. Ich wehre mich dagegen, weil ich nach einem 200er komplett tot bin und in der Ecke liege. Da habe ich keine Lust drauf. Je nachdem, wie die Saisonvorbereitung läuft, werde ich schauen, ob ich es mache oder nicht.

Pohl:Da ich Nervenprobleme im Fuß habe, werden es wohl nur die 100 Meter. Auf 100 geht’s noch, auf 200 ist es schmerzhaft, weil der Druck in der Kurve höher ist. Ich wäre gerne nochmal unter 21 Sekunden gelaufen, und ich bin mir sicher, dass ich dazu imstande wäre, aber es bringt nichts, wenn ich mit zu wenig Tempo aus der Kurve komme.

Ist es Ihnen egal, ob Sie sich für einen Einzelstart oder die Staffel bei Olympia qualifizieren?

Kranz:Für mich ist das Ziel der Einzelstart. Die Staffel laufe ich gerne, aber das ist nicht mein Ziel.

Pohl:Das gleiche. Und die EM. Da wage ich zu sagen: Ich will ins EM-Finale. Es ist wahrscheinlicher, als das Halbfinale der Olympischen Spiele zu erreichen. Die Staffel bei Olympia ist trotz allem auch ein Ziel. Aber es ist etwas anderes ,wenn ich sagen kann: Ich war für Deutschland alleine im Ring.

Welchen olympischen Moment wünschen Sie sich?

Kranz:Ich wünsche mir, ins Halbfinale zu kommen. Das wäre ein Traum.

Pohl:Ich wünsche mir, dass ich auf die Anzeigetafel schaue und ein kleines q für qualifiziert zu sehen ist und das Ganze mit einer Zeit von 10,18 Sekunden. Das wäre der absolute Hammer.

Interview: Timur Tinç

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare