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„Ich habe einen Zwölf-Monats-Job.“ Felix Koslowski. 

Volleyball

„Wir haben eine Bühne, die wir nutzen müssen„

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Frauen-Volleyball-Bundestrainer Felix Koslowski über die Ziele bei der EM und seiner Doppelrolle bei Verein und Verband und TV-Zeiten.

Am heutigen Freitag beginnt für die deutschen Volleyballfrauen die Europameisterschaft. In der Slowakei, die neben Polen, Ungarn und der Türkei Ausrichter ist, trifft die DVV-Auswahl ab 14.30 Uhr auf die Schweiz (live bei Sport1). Weitere Vorrundengegner in Bratislava sind neben dem Gastgeber noch Spanien, Russland und Weißrussland. Vor dem Turnier haben wir mit dem deutschen Bundestrainer und Vereins-Coach Felix Koslowski gesprochen.

Mit 26 Jahren wurden Sie erstmals Cheftrainer in Suhl und haben damit sogar Julian Nagelsmann unterboten, der bei seinem Debüt in Hoffenheim 28 war. Werden Sie oft auf ihren jungen Start als Coach angesprochen?
Nein, das ist eigentlich kein Thema mehr, weil ich in der Liga und international ja schon einige Jahre unterwegs bin. Das Alter ist nur am Anfang interessant, weil es einige Skeptiker gibt, die erstmal sehen wollen, ob man schon die Qualifikation und die Autorität hat, in diesem Job zu arbeiten. Bei Julian Nagelsmann ist das heute ja auch kein Thema mehr.

Fast zehn Jahre sind seitdem vergangen. Was hat sich für Sie verändert?
Die erste Station in Suhl war sicher die wichtigste im Bezug auf meine Entwicklung als Trainer. In Schwerin habe ich jetzt natürlich ein deutsches Top-Team, mit dem ich jedes Jahr um Meisterschaft, nationalen Pokal und Europapokal mitkämpfen kann. Zudem finde ich dort ein professionelles Umfeld vor, dass im Zuge der TV-Übertragungen noch mal einen sehr viel größeren Stellenwert bekommen hat.

Seit 2015 trainieren Sie sowohl den Frauen-Bundesligisten Schwerin als auch die deutsche Nationalmannschaft. Wie schwer ist es, beides unter einen Hut zu bekommen?
In der Anfangszeit war es noch leichter. Nach den ersten Titelgewinnen mit Schwerin ist es in der Zusammenarbeit mit allen Parteien schwieriger geworden. Auch ich musste lernen damit umzugehen, weil meine Schritte und die Kommunikation kritischer beäugt wurden. Dies ist eine Situation, mit der alle Parteien derzeit nicht glücklich sind. Jetzt gilt meine volle Konzentration aber erst einmal der EM und der Olympia-Qualifikation.

Um nochmal den Fußball zu bemühen: Wenn der Vereinstrainer Pause hat, ist der Nationaltrainer gefragt und umgekehrt. Das bedeutet, dass auch Ihre Freizeit überschaubar ist?
Genau. Ich habe einen Zwölf-Monats-Job, bei dem ich kontinuierlich durcharbeite. Jeden freien Tag widme ich meiner Familie, Hobbys gibt es keine, weil dafür die Zeit nicht reicht. Als junger Trainer kann ich allerdings auch noch ein bisschen mehr wegstecken und erlebe das Ganze mit einer großen Euphorie. Mit der Belastung habe ich weniger Probleme.

Zur Person

Felix Koslowski (35) wurde am 18. März 1984 in Schwerin geboren und lebt auch dort mit seiner Frau und drei Kindern. Nach der eigenen aktiven Karriere wurde er 2010 Cheftrainer beim VfB 91 Suhl, begann dann 2013 beim SSC Palmberg Schwerin und ist seit 2015 auch Bundestrainer. Seitdem stehen drei Deutsche Meisterschaften, zwei Pokalsiege, ein Champions-League-Erfolg sowie als Co-Trainer zwei EM-Silbermedaillen zu Buche.

Täuscht es, oder ist das Modell des Trainers in Doppelfunktion bereits aus der Mode gekommen?
In unserem Sport ist es noch Gang und Gäbe. Die meisten Trainer in Doppelfunktion sind allerdings nicht so wie ich in einem Land aktiv, sondern betreuen eine Nationalmannschaft und einen Klub in zwei verschiedenen Ländern. Da gibt es dann auch weniger Konflikte.

Die EM wird erstmals von vier Ländern ausgetragen, 24 Teams sind am Start. Was wird sich ändern?
Wir sind den Rhythmus grundsätzlich gewohnt, weil wir bei der WM ja auch mit 24 Mannschaften gespielt haben und bei der Nations League 15 Partien in fünf Wochen bestreiten müssen. Das Reisen gehört also dazu. Bei der EM ist die Schwierigkeit, dass wir den Ort zwei- bis dreimal wechseln müssen und das im Vorfeld nicht so richtig kalkulieren können.

Sie waren 2011 und 2013 als Co-Trainer dabei, als es jeweils Silber und damit den bislang größten EM-Erfolg gab. Ist das auch in diesem Jahr drin?
Das ist nicht vergleichbar. Wir hatten damals eine Goldene Generation, die 2013 auf ihrem Zenit war und bis 2016 noch gespielt hat. Mittlerweile arbeiten wir mit einer komplett neuen Generation. Bei der EM kämpfen wir zunächst in einer interessanten Vorrunde um Platz zwei. Platz eins wird voraussichtlich an die Russinnen gehen, die uns physisch und von der Erfahrung her noch überlegen sind. Ab dem Achtelfinale brauchen wir dann zwei bis drei besondere, vielleicht überragende Spiele, damit etwas Großes möglich ist. Vor zwei Jahren in Baku haben wir im Achtelfinale gezeigt, dass wir auch als junges Team dazu schon in der Lage sind.

Als Sie vor zehn Jahren in Suhl begannen, war Volleyball im Fernsehen eine Randnotiz, jetzt überträgt Sport1 alle deutschen EM-Spiele live. Wie sehen Sie die Entwicklung?
Die ist fantastisch. Neben Ligaspielen bei Sport1 hat auch Eurosport die Champions-League-Spiele übertragen, so dass wir in der letzten Saison mit Schwerin 20-Mal live zu sehen waren. Das war vor zwei Jahren undenkbar, davon haben wir nicht mal geträumt. Hätten wir diesen Schritt nicht geschafft, wären in Zukunft riesengroße Probleme auf uns zugekommen. So haben wir eine Bühne, die wir nutzen müssen.

Interview: Torsten Kohlhaase

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