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Novak Djokovic steht mal wieder im Finale von Wimbledon.

Tennis

Alles beim Alten in Wimbledon

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Beim Grand-Slam-Turnier in Wimbledon dominieren mal wieder die Ü30-Spieler: Novak Djokovic, Roger Federer, Rafael Nadal. Wo aber bleibt die junge Garde? Ein Kommentar.

Wäre auch seltsam, wenn es ausgerechnet im traditionssüchtigen Wimbledon anders liefe, dort, wo alle Tennisprofis seit jeher ganz in Weiß anzutreten haben und Werbung grundsätzlich verboten ist. Beim Londoner Rasenturnier ist fast alles, wie es immer schon war, und die Entwicklung in der Männerkonkurrenz fügt sich nahtlos ein in dieses Stillleben: Nur Ü30-Spieler im Halbfinale. Natürlich Novak Djokovic, 32, der Weltranglistenerste, natürlich Rafael Nadal, 33, der Weltranglistenzweite, natürlich auch der ewige Roger Federer, 37 Jahre alt inzwischen und immer noch Weltranglistendritter. Überraschungsgast in der Londoner Vorschlussrunde ist in diesem Jahr der Spanier Roberto Batista Agut, ein frisches Gesicht. Mit 31.

Djokovic, Nadal und Federer (nicht zu vergessen Andy Murray, den ein Hüftschaden aus seiner Karriere befördert hat) sind Ausnahmeerscheinungen in der Tennisgeschichte, eine historische Verdichtung faszinierender Extraklasse. Dennoch sei die Frage erlaubt, was die jüngere Konkurrenz so treibt, während sich die drei Legenden eine Grand-Slam-Trophäe nach der anderen in den Pokalschrank stellen; der letzte Major-Sieger, der nicht Djokovic, Nadal oder Federer hieß, war Stan Wawrinka, US Open 2016. Auch der Schweizer war damals schon 31 Jahre alt.

Tennis ohne neue Gesichter 

Boris Becker hat neulich eine Theorie zur Thematik aufgestellt, die auch bei näherem Hinsehen nicht von der Hand zu weisen ist. „Es gibt eine gewisse Mentalität, welche die jüngeren Spieler nicht und welche die anderen drei haben“, kritisiert der 51-jährige: „Es geht nicht um die Vorhände, es geht nicht um die Fitness. Es ist die Denkweise und Einstellung, die den Unterschied zwischen Gewinnen und Verlieren macht.“ Der Australier Nick Kyrgios zum Beispiel liefert verlässlich Belege für das, was Becker meint. Der 24-Jährige ist einerseits unerhört talentiert, das hat er eben erst wieder in Wimbledon bei seiner denkbar knappen Vier-Satz-Niederlage gegen Nadal in der zweiten Runde gezeigt. Andererseits ist Kyrgios auch einfach nur unerhört. Am Abend vor dem Nadal-Match hielt er sich bis zu später Stunde im Pub auf, und bei einem schwachen Auftritt beim Turnier in Queens geißelt er sich selbst dafür, bis Nachts um drei Playstation gespielt zu haben, denn so könne das ja nichts werden. Womit er fraglos recht hat.

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Kyrgios ist weit entfernt von der Weltspitze (43.), aber selbst die Jungprofis, die ganz nah dran sind, sind es nur scheinbar. Dominic Thiem, 25, Weltranglisten-Vierter, arbeitet hochprofessionell, in den entscheidenden Momenten aber fehlt ihm Qualität; zuletzt unterlag er Nadal zweimal im French-Open-Finale. Alexander Zverev, 22, ist ob seiner Veranlagung ebenfalls ein natürlicher Anwärter auf die großen Titel, selbst in Anwesenheit der alten Granden. Aber er ist zu oft mit sich selbst beschäftigt, zurzeit hemmt ihn der Rechtsstreit mit seinem alten Manager. Der Grieche Stefanos Tstsipas, 20, ist vielleicht das größte Versprechen in den Top Ten, aber große Versprechen hat es schon einige gegeben in den vergangenen Jahren, und am Ende triumphierte doch wieder ein Oldie. Das kann auf Dauer niemandem gefallen – nicht einmal den Traditionalisten in Wimbledon.

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