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Technisch auf dem neuesten Stand: Pilot Johannes Lochner und Anschieber Christoph Weber in Pyeongchang.

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Wenn das Material entscheidet

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Nach den medaillenlosen Spielen von Sotschi setzt Bundestrainer Spieß auch auf Technologie aus dem Ausland.

Bei den Olympischen Spielen vor vier Jahren schnitten die deutschen Bobs ohne eine Medaille derart schlecht ab, dass am meisten Aufmerksamkeit ein Pilot auf sich zog, der nicht einmal zum Einsatz kam: Manuel Machata hatte dem Russen Alexander Subkow einen seiner privaten Kufensätze zur Verfügung gestellt – und der holte damit in Sotschi prompt Doppelgold. Der zurückhaltende Bayer Machata galt als Nestbeschmutzer, Vaterlandsverräter. Was dabei aber oft unerwähnt blieb: Machata gab kein deutsches Material weiter, sondern Schweizer Stahl, für den er selbst bezahlt hatte – ein weiterer Beweis dafür, dass Deutschland seine jahrzehntelange Vorherrschaft beim Bob-Maschinenbau eingebüßt hatte. Mit dem Monopol des Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) war man in eine Sackgasse geraten.

Als der ehemalige Pilot René Spies vor zwei Jahren das Amt des Bob-Bundestrainers von Christoph Langen übernahm, sollte nicht nur ein neuer Umgang einkehren. Langen gilt als Choleriker, Spies als Diplomat. Kaum aufgestiegen, startete er eine Art Materialrevolution. Statt sich alleine von der Technologieschmiede in Berlin-Schöneweide beliefern zu lassen, schloss der Verband auch Verträge mit Hannes Wallner, der in seinem Tiroler Ein-Mann-Betrieb Bobs für verschiedene Nationen baut. „Es war wichtig, dass wir ein paar Strukturen aufgebrochen haben“, sagt Spies.

Wenn ab Sonntag die ersten beiden Durchgänge im Zweierbob anstehen, starten Francesco Friedrich und Nico Walther im deutschen FES-Modell, Johannes Lochner dagegen setzt auf Wallners Können. Für Außenstehende lassen sich die Unterschiede kaum erkennen. Die Berliner Schlitten sind etwas spitzer und lassen die Luft weniger strömen als die eher runde Haube des Wallner-Fabrikats. Während die Wallner-Geräte im Windkanal des Autobauers BMW getestet wurden, nutzten Walther und die Frauen die Infrastruktur von Volkswagen. Das Pikante daran: BMW ist zugleich Sponsor des Verbandes.

Weitere Kleinigkeiten finden sich im Detail: Das FES-Modell hat kürzere Lenkseile, der Schlitten reagiert schneller auf Bewegungen der Piloten als das Konkurrenzmodell. Friedrich, der im Viererbob-Wettbewerb anders als im Zweier auf Wallner setzt, also während Olympia den Bobtypen wechselt, muss sich entsprechend umstellen. Er ist aber überzeugt, dass sich das für ihn auszahlt. Bei der Olympiageneralprobe siegte er im kleinen Schlitten, gilt als vierfacher Zweier-Weltmeister als Favorit. „So etwas wie in Sotschi will ich nie mehr erleben“, sagt er.

Doch abgesehen von den praktischen Auswirkungen war die Bestellung in Österreich auch ein Signal an die FES. „Die haben mal einen Arschtritt gebraucht“, sagt Friedrich. Weil man sich die Peinlichkeit ersparen wollte, dass die in Sachen Material anspruchsvollste Wintersportdisziplin komplett auf Technologie aus dem Ausland setzt, tüftelten auch die Ingenieure in der Hauptstadt intensiv. „FES hat in den letzten beiden Jahren richtig gute Arbeit geleistet“, schwärmt Bundestrainer Spies. „Es sind jetzt immer Ingenieure bei uns dabei. Wir konnten die Lücke richtig gut schließen.“

Besser aufgestellt als 2014

Die vorolympischen Ergebnisse stimmen optimistisch. Die Piloten Friedrich, Walther und Lochner lenkten die Schlitten zu zahlreichen Weltcupsiegen, und auch die Frauen um die Berlinerin Mariama Jamanka präsentierten sich verbessert. „Wir schauen ja ab und zu mal in die Listen von vor vier Jahren rein“, sagt Spies. „Man sieht durchweg, dass wir besser aufgestellt sind in allen Bereichen.“ Nicht nur das Material stimmt, auch die Fahrleistungen und vor allem die Athletik haben sich verbessert. Und die entscheidet maßgeblich, wie schnell das Gefährt auf Touren kommt. „Früher machten gute Piloten den Unterschied“, weiß der Berliner Eric Franke, der den Viererbob Walthers anschiebt. „Die Athletik ist aber immer wichtiger geworden.“ Bei der Weltmeisterschaft am Königsee lag die schnellste Startzeit 2017 ein Zehntel unter dem Wert von der WM an gleicher Stelle 2011. Das sind Welten.

Trotz der guten Ausgangslage sieht Spies seine Teams allerdings nicht entscheidend im Vorteil. „Alle Nationen arbeiten inzwischen hochprofessionell“, sagt er. Nach seiner Einschätzung gibt es im kleinen Schlitten sechs bis sieben Sieganwärter, im Vierer sogar über zehn. Viele Länder haben sich kurz vor der Anreise nach Südkorea nochmal ein Update einbauen lassen, das gewinnbringend sein soll. In der Wallner-Schmiede herrschte entsprechend Hochbetrieb. Und das könnte ein Problem werden. Obwohl die Erfahrungen mit den Österreichern ausgesprochen gut waren, birgt die Zusammenarbeit Risiken. Denn während FES nur Deutschland beliefert, tüftelt Wallner für alle Teams gleichermaßen.

Die vergangenen Winter waren anstrengender als üblich. Weil beide Bobschmieden streng vertraulich tüfteln, mussten die deutschen Teams während des ganzen Winters in getrennten Werkstätten arbeiten. Aber so sehen es die Verträge vor, die technischen Daten sind hochsensibel. Am Königssee oder in Winterberg lässt sich das relativ leicht umsetzen. „Aber wenn wir im Ausland sind, gelingt das nicht immer. Dann kann es auch mal sein, dass wir eine Tiefgarage haben und die Bereiche trennen“, sagt Spies. Auch in Südkorea ist der Platz begrenzt.

„Jetzt muss alles passen“, sagt Spies zum Auftakt der für die Bobs entscheidenden zweiten Olympiawoche. Die Mehrausgaben sollen sich auszahlen, die Entwicklung eines einzelnen Schlitten liegt bei über 100 000 Euro. „Die Tatsache, dass wir die Doppelgleisigkeit gefahren sind, setzt mich nicht besonders unter Druck. Dass die letzten olympischen Spiele ohne Medaille waren, das ist eigentlich der Druck.“

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