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Kopf der deutschen Mannschaft: Spielführerin Anna Loerper.

Handball-WM

Wenn Männer von Frauen lernen

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Binnen nur 13 Monaten veranstaltet der Deutsche Handballbund zwei Weltmeisterschaften.

Die Frauenhandball-Weltmeisterschaft, die ab Freitag in Deutschland ausgetragen wird, soll für frischen Wind im eigenen Land sorgen. Das Halbfinale ist das intern gesetzte und nach außen erklärte Ziel der Mannschaft von Michael Biegler. Für den Verband ist die Veranstaltung mehr als das, sie gilt als finanziell subventionierter Testlauf für die Männer WM 13 Monate später.

Das schlimmste Szenario wurde gerade noch abgewendet und Mark Schober war maximal erleichtert, dass es so gekommen ist. Der Geschäftsführer der Deutschen Handballbundes (DHB) musste monatelang bangen, ehe sichergestellt war, dass die Spiele der deutschen Frauen-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land im frei empfangbaren Fernsehen übertragen werden. 

Im Spartenkanal Sport1 flimmern die „Biegler-Ladies“ ab Freitag über den Bildschirm und mit Unterstützung von starken Bildern sollen die Spielerinnen ihrer Sportart viel Aufmerksamkeit und damit Auftrieb geben.

„Wir hätten unser Ziel, den Mädchen- und Frauenhandball in Deutschland neu zu positionieren, nicht erreichen können, wenn die Spiele in Deutschland gar nicht oder nur in einem Internetstream zu sehen gewesen wären“, sagt Schober. Lange sah es so aus, als sei dieses Szenario wahrscheinlich, denn wie schon bei den Weltmeisterschaften der Männer 2015 und 2017 lehnte Rechteinhaber BeIn-Sports Verhandlungen mit deutschen TV-Sendern ab. Erst durch eine Intervention des Weltverbandes IHF stimmte BeIn-Sports einer Vergabe an Sport1 zu.

Damit beschäftigen sich Michael Biegler und die Spielerinnen nicht, die am Freitag gegen Kamerun in die Vorrunde starten. Trainer und Mannschaft wollen sich von der Atmosphäre tragen lassen, die sie in der Arena in Leipzig erwartet. In Sachsen tragen die Deutschen alle Vorrundenpartien aus, in denen nach Kamerun außerdem Südkorea, Serbien, China und die Niederlande als Gegner warten. Vier der sechs Nationen erreichen das Achtelfinale, in dem die DHB-Auswahl ihre Begegnung in Magdeburg austragen würde, ehe ein Viertelfinale erneut in Leipzig gespielt würde.

Doch die Sehnsüchte der Deutschen enden nicht dort, sondern in der Arena in Hamburg. „Wir träumen alle davon, dann noch mit dabei zu sein und vor solch einer Kulisse antreten zu können“, sagt Anna Loerper. Die Spielführerin gehört im Alter von 33 Jahren zu den Erfahrenen, doch auch sie verspürt Gänsehaut, wenn sie an ein mögliches Halbfinale denkt. „Diese Vorgabe hat der Verband gemacht, aber wir haben die gleichen Ziele“, sagt die Spielgestalterin.

Um die mit einer realistischen Ausgangslage zu unterfüttern, verpflichtete der DHB vor knapp 20 Monaten Michael Biegler als Nationaltrainer, mit dem die von ihm so titulierten „Ladies“ einen beachtlichen Leistungssprung machten. Bei der Europameisterschaft im vergangenen Dezember schrammte das Team nur knapp am Halbfinaleinzug vorbei und wurde am Ende Sechster. Bei den vorherigen Turnieren hatte es nicht einmal zu einem einstelligen Abschneiden gereicht.

Die Hoffnung auf ein sportlich erfolgreiches Abschneiden ist groß, für den Verband ist die Weltmeisterschaft im eigenen Land aber noch aus einem anderen Grund elementar wichtig: Sie dient als Testlauf für die Männer-WM, die im Januar 2019 in Deutschland einen Handball-Boom auslösen soll. „Natürlich lernen wir bei der Durchführung der Frauen-WM Dinge, die uns im Januar 2019 nützlich sein sollen“, gibt Schober zu. Der Generalsekretär des DHB versucht gar nicht, den „Mehrwert“ zu verschleiern, schließlich ist er offenkundig – und gewollt. Viele Parameter bei der Organisation einer solchen Veranstaltung sind deckungsgleich und können schablonenhaft von der Frauen- auf die Männer-WM übertragen werden.

Weil das Turnier der „Ladies“ in fast allen Bereichen eine Nummer kleiner ist, können unerwartet auftretende Fehler oder Versäumnisse schneller und einfacher behoben werden. Es dient aus diesem Grund als ideale Generalprobe. Weil der Erkenntnisgewinn im Dezember gewollt und monetär kaum zu beziffern ist, wirkt der eingeplante Verlust von etwa einer halben Million Euro wie eine gut angelegte Investition. Kasse gemacht werden soll erst im Januar 2019.

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