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Im Dopingsumpf: Es wird gemixt und gepanscht, was das Zeug hält.

Breitensport

Wenn Freizeitsportler zu Doping greifen

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Hunderttausende Freizeitsportler in Deutschland greifen zu Pillen und Spritzen. Besonders gefährlich sind selbst gefertigte Mixturen.

Kai Gräber hat einen ernsten Job. Er ist Oberstaatsanwalt, er leitet die Abteilung XV der Staatsanwaltschaft München I, seine Themen sind „Organisierte Kriminalität, Dopingsachen und Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz“, so steht es auf seiner Visitenkarte. Aber manchmal gibt’s Sachen, die bringen auch ihn zum Lachen. Wie vor drei Jahren, als sie in Dachau eines dieser Untergrundlabore ausgehoben haben, in dem Dopingsubstanzen gebraut wurde. Der Name: „Mucki Juice“. Als hätten die drei Produzenten aus der örtlichen Kraftsportszene danach geschrien, enttarnt zu werden. Ihrem Muskelsaft pappten sie sogar ein Gütesiegel auf: „Made in Germany“. 

Kai Gräbers Schwerpunktstaatsanwaltschaft hat Verstecke hinter Badezimmerspiegeln und in Küchen (sehr beliebt: der Kühlschrank, denn der Stoff muss kalt gestellt werden) aufgespürt, sie hat geheime Räume gefunden, deren nicht sichtbare Zugangstür sich öffnete, wenn man einen Garderobenhaken anhob. Gräbers Leuten sind auch schon Doping-Dealer in die Arme gelaufen, wenn sie gerade die Kellertreppe hochkamen – die Ware präsentiert wie auf dem Serviertablett. 

Deutschland ist ein Dopingland

Wer’s nicht glauben mag, dass es in Deutschland ein florierender Wirtschaftszweig ist, Dopingmittel herzustellen, die beim Aufbau der Muskulatur helfen oder die Ausdauer steigern oder die Aggressivität für den Wettkampf erhöhen, für den macht der Herr Oberstaatsanwalt eine Rechnung aus seiner Praxis auf. Ein halbes Kilo Rohstoff besorgt man sich aus China (ganz einfach: übers Internet), mixt dann was zusammen mit Alkohol oder sonstigen Lösungen, die man völlig legal erhält, – ergibt 200 Ampullen, die man, zum Beispiel in Bodybuilderkreisen, für 30 Euro das Stück verkauft. Erlös: 6000 Euro. Gewinn: 5320 Euro. „Für den Konsumenten kann das eine erhebliche Gefahr sein“, warnt Kai Gräber. Er hat sie ja gesehen, die Drogenküchen, in Zimmern, deren Rollos heruntergelassen waren, in Kellerräumen, in denen auch noch Gerümpel stand. 

Sterilität? „Beim Homebrewing herrschen keine medizinischen Standards.“ Deutschland – das kann man nicht leugnen – ist ein Dopingland. Schon lange. Es gab das staatlich gelenkte Dopingsystem in der DDR, das Tausende von Opfern hinterlassen hat, es gab in der wilden Zeit (70er, 80er Jahre) das Dagegenhalten des Westens unter dem zynischen Motto „Viel hilft viel“, es folgten die großen Skandale des Radsports (1990er und 2000er Jahre) – und es existiert ein riesiger dunkler Bereich unter dem Leistungssport. 

Der Bundesverband Niedergelassener Kardiologen (BNK) warnte bereits im August, dass immer mehr Freizeitsportler herzschädigende Arzneimittel einnehmen, um ihre Fitness und insbesondere ihr Aussehen zu verbessern. Aktuelle Zahlen ergäben allein für Deutschland Hunderttausende bis möglicherweise mehr als eine Million Menschen, die über Erfahrungen mit dem Konsum von Dopingsubstanzen verfügten, so der BNK. Ärzte schätzen, dass rund 20 Prozent der Männer und vier Prozent der Frauen auf anabole Steroide zurückgreifen. 

Es gibt Studien dazu, was man anrichtet, wenn man sich permanent dopt. Nur 0,8 Prozent spüren keine Nebenwirkungen. Ein Antidopinggesetz wie in einigen Nachbarländern wurde in Deutschland erst 2015 verabschiedet – sechs Jahre, nachdem die Politik sich der Thematik erstmals angenommen hatte. „Der organisierte Sport hat massiven Widerstand geleistet“, erinnert sich Thomas Götze, auch er Staatsanwalt (in Stralsund), an der Deutschen Richterakademie organisiert er Weiterbildungen zum Thema Doping.

Götze ist als Dopingopfer anerkannt, er hat 10.500 Euro Entschädigung erhalten für Schäden am Skelett, die aus seiner Zeit an der Kinder- und Jugendsportschule (1976 bis 1980) herrühren. Er war ausgewählt worden, ein guter Hammerwerfer zu werden, dafür wurden ihm täglich zweimal zwei Stunden Training verordnet, der Trainer gab ihm angebliche Vitamine. Götze sollte zudem bis zu 6000 Kilokalorien zu sich nehmen, um 7 Uhr den Tag mit zwei Steaks mit Ei beginnen.

Sein Vater, Arzt, nahm ihn aus dem System, als bei Thomas Götze eine Sehne in der Schulter gerissen war und er als Simulant beschimpft wurde.  Die gesundheitlichen Probleme, die Götze bis heute verfolgen, machten sich nach seiner aktiven Zeit bemerkbar. „Ohne Doping wären diese Schäden nicht erklärbar.“ Und seine Trainingsumfänge an der Sportschule, auch das ist ihm im Rückblick klar geworden, wären ohne unterstützende Maßnahmen nicht möglich gewesen.

Wie Götze richtig sagt: Die Sportverbände wollten kein Antidopinggesetz, sie hielten das Arzneimittelgesetz für ausreichend, das Medikamentenmissbrauch unter Strafe stellte. Michael Vesper, lange einer der führenden Köpfe im Deutschen Olympischen Sport-Bund, warnte vor der Ungerechtigkeit einer „Doppelbestrafung“ für die Athleten. Das Antidopinggesetz nahm aber eine entscheidende Veränderung vor, so der Jurist Götze: Es nahm den Sportlern das Recht auf Eigenschädigung. Bis dahin hatte man mit seinem Körper machen können, was man wollte. Man könnte nun, nach gut drei Jahren, eine erste Bilanz ziehen, was das neue Gesetz gebracht hat.

Es gibt viele Verfahren, von den meisten bekommt die Öffentlichkeit kaum etwas mit, weil sie sich unterhalb des absoluten Spitzensports abspielen, da gilt schon ein Fall aus der Baseball-Bundesliga als prominent. Die längste Strafe, die verhängt wurden, sind bislang sechs Jahre für einen, der eine der Doping-Hexenküchen betrieben hatte. Im Jahr 2017, um eine Zahl zu nennen, wurden im Bereich der Schwerpunktstaatsanwaltschaft München im Rahmen von 100 Verurteilungen 329 Monate Freiheitsstrafe ausgesprochen und Geldstrafen in Höhe von 180.000 Euro verhängt. Häufig werden Ermittlungen aber auch eingestellt. 

Kai Gräber wünscht sich, dass es mehr solcher Schwerpunktstaatsanwaltschaften geben möge, vielleicht auch Schwerpunktgerichte. Was er auch noch gerne hätte: einen Spürhund wie manche Zoll- oder Polizeistelle. Im Fall einer Doping-Staatsanwaltschaft passend wäre: „ein Anabolika-Mops“. Schwer tut sich die Staatsanwaltschaft mit einigen Sportverbänden. Gräber nennt Biathlon, Boxen, Radsport, Tennis. Teilweise werden keine Ansprechpartner benannt, haben die Kontrolleure der Nationalen Antidopingagentur Nada Hausverbot. Kai Gräber: „Die wollen uns nicht.“ Keinen großen Part in den Ermittlungen der Doping-Staatsanwaltschaft nimmt der Spitzensport ein. Der Anteil wird vage auf eins bis fünf Prozent der Fälle veranschlagt. „Wir brauchen immer einen Anfangsverdacht“, sagt Gräber. Wenn die Nada nicht einen Fall konkret anzeigt (aufgrund einer positiven Dopingprobe), „kommen wir nicht rein“. 

Armin Baumert, früherer Vorstandschef der Nada, glaubt, dass man an die großen Fälle „nur über Whistleblower“ rankomme. So wie im russischen Sport geschehen, wo die Leichtathletin Julia Stepanowa und der Leiter des Dopingkontrolllabors Grigori Rodtschenkow ausgepackt haben – zum Preis, dass sie ihr Heimatland verlassen mussten. „Ohne Whistleblower“, glaubt Baumert, „stoßen wir an unsere Grenzen.“

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