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Der Boden freut sich mit: Schweriner Volleyballerinnen feiern ihren Sieg beim Supercup. 

Revolution im Hallensport

Wenn der Boden brennt

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Christof Babinsky hat eine Spielfläche aus Glas entwickelt, auf der Hallensportarten dank digitaler Einblendungen neue Attraktivität entwickeln können.

Christof Babinsky legt sein gerade frisch belegtes Brot zur Seite und schiebt flink seinen Laptop auf den Tisch. Der pfiffige Kerl mit den runden Brillengläsern sieht aus, als könnte er in einer Neuauflage der Harry-Potter-Filme die Hauptrolle spielen. Aber sein Thema ist ein anderes, eines, das freilich schon ein bisschen nach Zauberei aussieht.

Es wäre wahrscheinlich respektlos, Babinsky als „helles Bürschchen“ zu beschreiben. Er ist ja schon 33 Jahre alt. Und hat nichts Bescheideneres vor, als den Hallensport zu revolutionieren. Nur wird der schmale Schlaks nicht überall gleich ernstgenommen. Er ist es gewohnt, dass man ihn unterschätzt. Neulich, bei einem Sportbusiness-Dinner in Düsseldorf, wollte erst niemand mit ihm reden. Er sah ja aus wie ein Praktikant. „Die sind geradezu von mir weggelaufen.“ Er hat es dann geschafft, mit einer der wenigen Frauen des Abends ins Gespräch zu kommen, noch dazu einer besonders gutaussehenden. Plötzlich fanden ihn auch die anderen Männer interessant.

Helles Bürschchen, wie gesagt. Und hartnäckig. Und innovativ.

Bald, nachdem er 24 war und sein Business-Studium im englischen Bath beendet hatte, bat ihn sein Vater Horst ins Büro. Der Mittelständler aus dem bayerischen Stein an der Traun hatte sich weltweit einen Namen mit dem Bau von Squashcourts gemacht. Mehr als 7000 Anlagen sind es inzwischen aus dem Haus Babinsky. Zwei Monate Einarbeitungszeit bekam der Sohn eingeräumt, dann gingen die Eltern auf Weltreise und der Junge war plötzlich der Chef von 25 Mitarbeitern. „Ich wusste, ich muss nett zu ihnen sein, denn die haben ja das Knowhow.“

Es hat nicht lange gedauert, bis der Junior das Squashcourt-Baugeschäft nach Tschechien auslagerte, um sich weniger profitablen, aber umso innovativeren Projekten zu widmen. Der Vater hatte die ersten Ideen dazu schon entwickelt, der Sohn machte sich nun an die Umsetzung. Mit Glas kannten sie sich dank ihrer Erfahrung mit den Squashcourts gut aus. Warum also nicht Glas statt nur für die Wände auch für den Boden nutzen?

Junger Bursche mit Power: Christof Babinsky. 

Christof Babinsky gibt auch beim Sprechen ein ordentliches Tempo vor, derart begeistert ist er von seiner Vision, digitale Glasböden flächendeckend auszulegen. Unter der Marke ASB Glassfloor hat er einen Belag entwickelt, der wie ein Bildschirm funktioniert. Verbunden mit einer Software, lassen sich auf dem Voll-LED-Videoboden, der wie ein auf dem Rücken liegender Monitor funktioniert. interaktiv dynamische Animationen, Grafiken und Werbung einblenden. „Wir wollen so Sportarten wie Volleyball mit coolen Effekten attraktiver machen und mehr Fans anlocken. Und wir wollen die Athleten zu Stars machen, wenn der Boden unter ihnen brennt.“

Weil Babinsky junior zwar selbstbewusst, aber keinesfalls größenwahnsinnig ist und somit wusste, dass er besser mal klein anfängt, hat erst einmal in seiner ehemaligen Schule angefragt, die gerade den Bau einer neuen Sporthalle plante. Zwölf Jahre ist das jetzt her. Seitdem liegt in der Schule in Stein an der Traun ein Glasboden. Mit dem Vorteil, dass dort kein Linienchaos herrscht, sondern die Spielfelder - ob für Volleyball, Basketball oder Handball - per Knopfdruck auf einer Touchscreen in den Glasboden eingespeist werden. 300 000 Euro statt der 150 000 für einen herkömmlichen Parketthallenboden kostet das laut Hersteller. Man einigte sich für das Pilotprojekt auf eine gemeinsame Finanzierung.

Inzwischen gibt es solche Spielfelder unter anderem in der Unihalle in Oxford und in der Ballsportarena in Dresden. „Es hat sieben Jahre gedauert vom ersten Kontakt bis wir auf der Baustelle waren“, berichtet Babinsky. In Frankreich habe seine Firma für Autisten den Belag einer Sporthalle gebaut: „Für die ist das eine riesige Erleichterung, nur eine Linie zu sehen.“ Beharrlichkeit gehört zum Geschäft. Einem Geschäft, mit dem er 2020 fast zehn Millionen Euro umsetzen will, aber noch keine Gewinne macht. Die Perspektive sieht der Firmenchef unbescheiden bei hundert Millionen Umsatz pro Geschäftsjahr. Man wird sehen.

Der Sohn weiß vom Vater, dass Innovationen nicht unbedingt gleich durchdringen. Mit seiner Idee, einen verschiebbaren Showglasscourt zu entwickeln, stieß der Senior beim Welt-Squashverband seinerzeit zunächst auf taube Ohren. „Die haben den deutschen Trottel wieder weggeschickt“, erzählt der Junior und grinst breit. Später ließen die Funktionäre sich eines Besseren belehren. Christof Babinsky hat einen Bildband dabei: Mittendrin ein Foto eines gläsernen Squashcourts, vom väterlichen Betrieb entwickelt, bei einer Showveranstaltung vor den Pyramiden in Kairo.

Volleyball-Bundesliga sehr zufrieden mit Experiment

In Deutschland hat der Glasboden seine professionelle Feuertaufe nicht nur fest installiert in Dresden in der zweiten Handball- und zweiten Basketball-Bundesliga (ohne Videofunktion) schon bestanden, sondern auch als mobiler Boden mit allem Schnick-Schnack beim Volleyball-Supercup im vergangenen Herbst in Hannover.

Babinsky war schon zwei Jahre zuvor auf die Volleyball-Bundesliga zugekommen. Er versprach, dass sein Boden „einen sehr guten Grip bietet und sehr elastisch ist“. Es dauerte dann ein bisschen, bis sie gemeinsam soweit waren für das gewagte Experiment. Die Männer von Meister Berlin Volleys und Cupgewinner VfB Friedrichshafen sowie die Frauen von Meister MTV Stuttgart und Pokalsieger SSC Schwerin trugen dann ihre Finalspiele auf dem sogenannten Lumiflex-Boden aus. Megarallyes und Monsterblocks wurden ebenso besonders auf dem Glasbelag animiert wie das Einlaufen der Teams.

Die Resonanz aus der Volleyball-Bundesliga ist durchweg positiv: „Die Spieler und Spielerinnen waren anfangs noch etwas skeptisch, aber schon nach dem ersten Training auf dem Untergrund haben sie das abgelegt“, berichtet Fabian Kunze, Managing Direktor TV&Streaming. Im Spiel sei es für die Akteure etwas gewöhnungsbedürftig gewesen, weil der Boden leicht leuchtet, „aber das haben die Spieler dann gar nicht mehr wahrgenommen.“ Zumal die animierten Effekte und die Werbung nur in den Spielpausen eingeblendet wurden und deshalb im Spiel nicht gestört hätten.

Die Volleyball-Bundesliga und Babinsky wollen mit Blick auf den Supercup 2020 im Gespräch bleiben. „Für Leuchtturm-Events in unserer Sportart ist der Boden auf alle Fälle interessant“, sagt Kunze. Und wäre noch interessanter, wenn die gewöhnliche Miete nicht bei 80 000 Euro pro Veranstaltung läge und die Aufbauzeit weniger als 24 Stunden dauern würde. Aber schneller und billiger geht es nicht.

„Ein Regelbetrieb in der Liga ist aktuell nicht realisierbar, dafür sind Auf- und Abbau zu aufwendig und eine feste Installation mit einer kompletten, interaktiven LED-Fläche zu kostspielig“, erklärt Frido Gutknecht, Manager Vermarktung und Marketing der Volleyball-Bundesliga. Zudem seien viele Spielstätten in der Liga in Besitz der öffentlichen Hand. „Somit gibt es dort lange Entscheidungswege.“

Gutknecht sagt aber auch: „Wir wollen Vorreiter bei Innovationen im Sport sein.“ Deshalb sei man dem Glasboden so positiv begegnet: „Wir erreichen mit solchen Entscheidungen ein breiteres und für die Sportart auch neues Publikum. Zudem macht die Umsetzung solcher Projekte die Volleyball-Bundesliga interessanter für Unternehmen, als Partner in diesen Sport einzusteigen.“ Tatsächlich, so Gutknecht, sei „das Erstaunen aus dem Sportbusiness groß“ gewesen, „dass eine solche Innovation im professionellen Leistungssport möglich ist und ein interaktives Spielfeld ein solch großen Mehrwert bieten kann“.

Wird der Boden, wie Christof Babinsky hofft, die Welt der Hallensportarten tatsächlich verändern? Seine Begeisterung und sein Tatendrang wirken jedenfalls ansteckend. Auch Agenturen, die das Projekt der geplanten Frankfurter Multifunktionshalle begleiten, seien schon vorstellig bei ihm geworden, sagt der Erfinder. Von seinem Brot hat er kein einziges Mal abgebissen.

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