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In der Frankfurter Blindenanstalt läßt sich auch im Dunkeln essen.
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In der Frankfurter Blindenanstalt läßt sich auch im Dunkeln essen.

Wenn das Auge nicht mit isst

Dunkelrestaurant kehrt Rollen von Sehenden und Blinden um / Projekt eines Stuttgarter Vereins

Von AP-Mitarbeiterin Alexia Angelopoulou

Stuttgart (ap). Wie ist es, wenn die Welt dunkel ist? Wenn man nicht weiß, wohin man tritt, was man berührt, wenn man nicht sieht, wo man sich befindet? In einem Pilotprojekt konnten sehende Menschen in Stuttgart sechs Wochen lang herausfinden, was es bedeutet, ohne Augenlicht zu essen. Das "Dunkelrestaurant" des Vereins aus:sicht e.V. machte es möglich.

Es riecht sehr gut, aber was ist das, was da auf dem Teller liegt? Die ersten Gäste beginnen, das Essen mit Messer und Gabel zu ertasten. Andere nehmen gleich die Finger - so lassen sich zumindest mal die Nudeln erkennen, auch wenn noch nicht klar ist, um welche Soße es sich handelt. Die Geräuschkulisse im Dunkelrestaurant ist beträchtlich. Offenbar gleichen Sehende das mangelnde Augenlicht durch lauteres Sprechen aus. Die Orientierung fällt schwer. Dort, wo keine Gespräche herkommen, scheint sich irgendwie das Ende des 200 Quadratmeter großen, stockdunklen Speisesaals zu befinden.

Nur gut, dass es Sonja Kutsche und ihre Kollegen vom Verein aus:sicht gibt. Die blinde 51-Jährige ist eine von 40 Beschäftigten des Dunkelrestaurants. Sie nimmt die Gäste ihres Tisches in Empfang und geleitet sie im Gänsemarsch durch die Dunkelheit zu den Stühlen. "Achtung, der Wein kommt jetzt von rechts", instruiert sie. Vorsichtig ertastet der Gast das Glas, unbeholfen setzt er es an die Lippen. Manche probieren etwas übermütig, anzustoßen. Klappt nicht immer, müssen sie feststellen, und wenn, dann prallen die Gläser ungewohnt hart aufeinander.

Der Verein aus:sicht hat das sechswöchige Projekt bereits einmal durchgeführt, im vergangenen Jahr in Esslingen bei Stuttgart. Aus dem Projekt soll nach Möglichkeit eine feste Institution werden, um die blinden und sehbehinderten Beschäftigten in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.

"Für mich ist es eine Ehre, etwas sehr Besonderes, dass ich hier arbeiten darf", sagt Sonja Kutsche. Ich weiß doch, dass es viele Arbeitslose gibt, auch unter den Sehenden." Doch auch die Mutter von zwei Kindern im Teenager-Alter braucht natürlich Geld, und so hat Sonja Kutsche schon in verschiedenen Blinden-Projekten mitgearbeitet.

"Dass sich die Leute auf uns verlassen müssen, dass sie sich uns anvertrauen müssen, ist ein tolles Gefühl. Sonst istes immer umgekehrt, sonst sind wir es, die auf Hilfe angewiesen sind", sagt sie. Ihre Kollegin Rita Schwörer formuliert es so: "Es ist entlastend, endlich mal nicht ständig zu versuchen, mehr zu sehen als man nun mal sieht", erklärt die Sehbehinderte.

Reger Austausch zwischen Blinden und Sehenden

Die Sehenden ihrerseits haben im Dunkelrestaurant die Gelegenheit, Sonja Kutsche und ihren Kollegen Löcher in den Bauch zu fragen.Seit wann sie blind ist und wie sie damit klar kommt. Wie sie das mit der Mode handhabt, wie sie als blinde Mutter ihre Kinder großzieht und ob sie sich freut, wenn Mitbürger Hilfe anbieten.

Der rege Austausch zwischen Blinden und Sehenden während eines solchen Abends ist unter anderem das, was sich die Mitglieder des Vereins aus:sicht von dem Projekt erhoffen. Und natürlich die Integration in den Arbeitsmarkt, wie Barbara Antonin vom Vorstand des Vereins erklärt.

Einfach ist das Vorhaben nicht, obwohl es beispielsweise in der Schweiz schon ein funktionierendes Dunkelrestaurant gibt, das das ganze Jahr über geöffnet hat und stets gut besucht ist. Es mangelt nicht in erster Linie an Besuchern, sondern an einer geeigneten Lokalität. Sie muss bezahlbar und vor allem aber auch gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein, damit die Blinden und Sehbehinderten selbstständig zur Arbeit kommen können.

So bleibt das Dunkelrestaurant vorerst ein Projekt, wenn auch ein ausgefeiltes. Blinde und Sehbehinderte verwalten mit einer eigens entwickelten Software die Buchungen und organisieren den Ablauf.Stuttgarter Künstler bieten mehrmals die Woche akustische Begleitprogramme. Und die Gäste zwinkern erstaunt und um eine wichtige Erfahrung reicher mit den Augen, wenn sie nach Stunden wieder ans Licht treten.

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