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Marcel Hirscher 2017.

Marcel Hirschers Rücktritt

Wenn der Akku nicht mehr richtig lädt

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Marcel Hirscher ist der erfolgreichste Skirennläufer der Geschichte - sein sorgsam inszeniertes Karriereende mit 30 löst in Österreich Hysterie aus.

Österreich am Bildschirm. Wegen des Skisports. Mitten im Sommer. Die Nation gebannt wie vor dem olympischen Abfahrtslauf von Franz Klammer am Patscherkofel. Schauplatz diesmal, 2019, Anfang September: Das „Gusswerk“ in Salzburg. Start: 20.15 Uhr, die Prime Time im Fernsehen. Die Sender hatten oben links im Bild den ganzen Tag über die Countdown-Uhr laufen lassen: „Marcel Hirscher. Meine Zukunft.“

Die Moderatoren der Übertragung flüsterten fast vor Andacht: Ob der beste Skifahrer der Neuzeit zurücktreten wird oder doch noch das Wunder eintritt, dass er weitercarvt? „Die Skifans hoffen.“ Wenn sie es taten, dann vergebens. Marcel Hirscher trat auf die Bühne, er trug Jeans, weißes Shirt, weiße Turnschuhe, nirgendwo ein Sponsorenverweis, ein Blick voraus in die Zeit seines Lebens, die die private sein wird. Das sei jetzt keine Überraschung mehr, was er zu sagen habe. „Ich mache es kurz und schmerzlos. Es ist der Tag, an dem ich meine aktive Karriere beenden werde. So, jetzt ist es draußen.“

Acht Gesamtweltcup-Kristallkugeln, die hinter Hirscher aufgereiht waren, zeugten von einer phantastischen Karriere. Vor zwei Wochen beschloss der Perfektionist Hirscher, dass er keine weitere Saison in Angriff nehmen werde. „Die Zeit bis zum ersten Termin ist mir zu knapp geworden.“ Er führt es aus: „Es ist wie beim Handy. Der Akku lädt mit 30 nicht mehr so schnell und so voll wie mit 18.“ Er kam mit dem Regenerieren nicht mehr nach. Er hätte wohl nicht mehr so oft gewonnen, „ich wollte nicht Zweiter oder Dritter sein. Dann hätte ich verloren.“ Jetzt, wo es am Morgen kälter werde, habe sich anders als in den Jahren davor der Automatismus des Körpers nicht gemeldet: Allmählich rein in die Skistiefel.

„Rückblick, Einblick, Ausblick“ hatte der Ex-Rennläufer Marco Büchel, der durch das Gespräch mit Hirscher führte, angekündigt. Hirscher spielte mit: Emotionalster Moment seiner Karriere war, als er bei der Heim-WM 2013 in Schladming gewann. „Die Überschriften lauteten: ,Hirscher muss die Kohlen aus dem Feuer holen.‘ Das zu liefern, war unbeschreiblich.“ Wie er die Ausgangslage empfand: „Ich mit dem Rücken zur Mauer – vor mir eine hetzende Meute Hunde. Es ging um Alles oder Nichts.“ Sein großes Glück, so sieht Hirscher es: „Dass ich die Coolheit für den Wettkampf habe. Dafür kann ich nichts, das ist ein Geschenk.“

Als Hirscher vor zwei Wochen zur Pressekonferenz einlud, löste er eine nationale Hysterie aus. Kurz hat er mit dem Gedanken gespielt, auf dem Podium in Salzburg allen ein schelmisches „Älläbätsch“ entgegen zu schmettern, doch die Vernunft war stärker. Schluss, jetzt. Er resümierte, dass er in Materialfragen wohl einen neuen Maßstab gesetzt habe („Eine Zehntelsekunde, die ich nicht hätte trainieren können, wurde mir geschenkt, weil ich aus siebzig, achtzig Paar Ski aussuchen konnte“) – ja, Hirscher hat den alpinen Skisport in ein neues Zeitalter geführt.

Was er machen wird? Irgendwas mit Geschwindigkeit (Motorrad fahren) und natürlich auch weiter Skifahren: „Ich suche mir aber die schönen Tage aus.“

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