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Schleuderte den Diskus insgesamt viermal auf Weltrekordweite: Liesel Westermann-Krieg.

Liesel Westermann-Krieg

Weltrekord und Wolldecken

Die ehemalige Spitzen-Diskuswerferin Liesel Westermann-Krieg wird 75 Jahre alt.

Heute wäre Liesel Westermann-Krieg nicht mehr auf ihr Einser-Stipendium angewiesen – und so genannte Ernährungsbeihilfen. Diese bedeuteten für die Diskus-Weltrekordlerin einst die einzige finanzielle Unterstützung im Sport. „Wir waren ja wirklich noch reine Amateure. Damals gab es 50 oder 75 Mark im Monat, und man musste einen Kaufmann finden, der dafür die Buchführung machte“, sagte Westermann-Krieg. Die von vielen „Diskus-Liesel“ genannte Olympia-Zweite von 1968 feiert am Samstag (2.11.) bei ihrem niedersächsischen Heimatverein TuS Sulingen ihren 75. Geburtstag.

Das Essensgeld kam vom Förderverein Freunde der Leichtathletik. „Die Sporthilfe gab es ja erst später“, sagte die „Sportlerin des Jahres“ von 1967 und 1969 und zehnmalige deutsche Meisterin. Während heutzutage der Internationale Leichtathletik-Verband bei Weltmeisterschaften 100 000 US-Dollar (rund 90 000 Euro) für einen Weltrekord auslobt, bekam Westermann einst zwei Dollar Tagegeld in der Landeswährung, wenn sie mit der Nationalmannschaft unterwegs war. „Und trotzdem haben wir unseren Sport sehr, sehr gerne gemacht.“ Nebenbei studierte Westermann an der Pädagogischen Hochschule in Göttingen, wurde später Referentin für Schulsport und Gesundheitserziehung am Kultusministerium von Niedersachsen, engagierte sich in der FDP und kandidierte sogar – ohne Erfolg – für den Bundestag. Im November 1967 übertraf Westermann in São Paulo mit 61,26 Metern als erste Frau die 60-Meter-Marke. Noch dreimal verbesserte sie den Weltrekord, bis auf 63,96 Meter. 1969 wurde sie von der internationalen Sportpresse zur „Weltsportlerin des Jahres“ gewählt.

Dass bei einer WM oder vor allem bei Sommerspielen auch frühere Dopingsünder nach ihren Sperren wieder am Start sind, gefällt Westermann-Krieg gar nicht. „Das ist unmöglich, das verträgt sich nicht mit Olympia“, sagte die Mitautorin ihrer Biografie „Es kann nicht immer Lorbeer sein“. „Die können ja sonst wo ihren Sport weiter betreiben.“

Lähmendes Attentat 1972

Die Athletin von Hannover 96 und später TuS 04 Leverkusen galt „als letzte ungedopte Weltrekordlerin“ ihres Metiers, wie es in ihrer Würdigung in der deutschen Hall of Fame heißt. Nachfolgerinnen wie die Neubrandenburgerin Gabriele Reinsch, deren Bestmarke von 76,80 Meter von 1988 noch heute unerreicht ist, lesen das natürlich gar nicht gerne. Westermann-Krieg arbeitete nach ihrer Karriere auch in der Antidopingkommission des Deutschen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees mit.

Die nur 75 Kilo leichte Werferin, die zudem eine Sprinterin auf deutschem Topniveau war, galt immer als Gegenmodell zu den Kraftpaketen aus Osteuropa. Der ganz große Triumph blieb der zweimaligen EM-Zweiten verwehrt in einer Zeit, als es noch keine Weltmeisterschaft gab: 1968 in Mexiko-City warf die Rumänin Lia Manoliu die Siegesweite zu Beginn im trockenen Ring.

Dann setzte der Regen ein und dem Schützling von Erfolgstrainer Gerd Osenberg blieb nur Silber. 1972 in München reiste Westermann als Weltrekordlerin an – doch dann das schreckliche Attentat auf das israelische Olympiateam. „Gelähmt und geschockt“ trat Westermann danach zu ihrem Wettkampf an und wurde nur Fünfte.

Dennoch hadert die heutige Hobby-Golferin aus Hannover nicht. „Ich habe allen Grund, dankbar zu sein“, sagte sie. Auch wenn es damals keine Geldprämien und Werbeverträge gab. „Hier und da mal eine Goldmünze, mal einen schönen Krug oder eine Schale. Und: Wolldecken ohne Ende!“, sagte Westermann-Krieg und fügt lachend an: „Warum, weiß ich auch nicht.“ (dpa)

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