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Bruno Bini blickt skeptisch auf das Feld - auf dem sein Team gegen die Engländerinnen spielt.

Frankreich im Halbfinale

Wechselbad der Gefühle

Frankreich macht sich das Leben gegen England selbst am schwersten. Ihr Trainer Bruno Bini nimmt den Kampf poetisch.

Von Frank Nägele

Bruno Bini gehört zu den wenigen Trainern auf der Welt, die sich gleichzeitig dem Fußball und der Literatur verpflichtet fühlen. Deshalb darf der Chef des französischen Frauen-Teams eine Gelegenheit wie den 4:3-Triumph im WM-Viertelfinale über England im Elfmeterschießen nicht verstreichen lassen, ohne poetisch zu werden. „Ich sitze hier und denke, dass das Leben schön ist“, sagte er am Samstagabend in Leverkusen, „aber drei Minuten vor Schluss der regulären Spielzeit glaubte ich, das Leben sei nicht so schön.“ Da lag seine Mannschaft, obwohl hoch überlegen, ja auch noch 0:1 zurück, ehe Elise Bussaglia mit einem Kunstschuss den Ausgleich erzielte und das Überleben in der Verlängerung ermöglichte.

Monsieur Bini, der in seinem Leben offenbar auch viel von Marcel Proust gelesen hat, begab sich danach auf die Suche nach der verlorenen Zeit. „In den letzten zehn Minuten der regulären Spielzeit und bei den ersten neun Elfmetern des Elfmeterschießens bin ich 20 Jahre älter geworden“, behauptete er, „der letzte Elfmeter hat mich dann wieder zehn Jahre jünger werden lassen.“ Der Gegner im Halbfinale war ihm danach ganz egal. „Wenn man mir den Mond als Gegner gibt, spiele ich auch gegen den Mond.“

Wie gut, dass wenigstens die Kollegin einen Fachkommentar zum bis dahin wohl besten Spiel der WM abgab. „Ich bin sehr stolz auf meine Mannschaft, sie hat es bis zum Ende ganz spannend gemacht. Allerdings müssen wir den Französinnen Hochachtung zollen. Sie haben ein ganz tolles Spiel gemacht“, sagte Hope Powell. Die Frontfrau des englischen Fußballs wurde selbstverständlich auch mit der Erkenntnis konfrontiert, dass die englische Unfähigkeit, Spiele im Elfmeterschießen zu gewinnen, offenbar kein geschlechterspezifisches Phänomen ist. Sie reagierte nüchtern: „England hat da schon wieder verloren. Ist das nicht langweilig?“

Dass dieses Spiel nicht früh entschieden war, verdankte England der französischen Schlampigkeit beim Torschuss. Dirigiert von Spielmacherin Camile Abily tauchte das Team im Minutentakt vor der englischen Torhüterin Karin Bardsley auf. Vor allem die pfeilschnelle Marie-Laure Delie vergab Chancen en masse und gab England damit erst die Möglichkeit, nach knapp einer Stunde durch einen Weitschuss von Jill Scott in Führung zu gehen.

Bini wechselte Elodie Thomis ein, eine weitere schnelle Angreiferin, die Englands erlahmende Abwehr praktisch in Stücke riss. Die Statistik verzeichnete schließlich 33 französische Schüsse aufs gegnerische Tor, doch es dauerte bis zur 88. Minute, ehe das Schicksal bezwungen war.

Die Verlängerung war eigentlich nur ein 30-minütiger Anlauf zum Unvermeidlichen, das die Engländer im Wissen um ihre furchtbare Historie in dieser Art der Entscheidungsfindung sogar ernsthaft trainiert hatten. „Da klappt das wunderbar“, sagte Jill Scott, „aber die richtige Situation kann man ja gar nicht üben.“

Camille Abily kann das bestätigen. 120 Minuten lang war sie die beherrschende Figur in diesem Spiel. Aber der simple Schuss aus elf Metern, den sie als Erste versuchte, missriet kläglich. Dass die Engländerinnen in Gestalt von Kelly Smith, Karen Carney und Casey Stoney perfekt verwandelten, machte ihr Unglück nicht geringer. „Ich habe mich schrecklich gefühlt“, gestand Abily.

Doch ihre Kolleginnen Elise Bussaglia, Gaetane Thiney und Sonia Bompastor behielten die Nerven. Zwei Treffer trennten England noch vom WM-Halbfinale. Dann schoss Einwechselspielerin Claire Rafferty neben das Tor. Eugenie Le Sommer brachte Frankreich erstmals in Führung. Englands Spielführerin Faye White musste ihr Team im Spiel halten, lief an und knallte den Ball an die Oberkante der Latte.

Der Rest war das übliche Durcheinander aus Begeisterung und Depression – mit der üblichen Rollenverteilung: England auf der Seite der Depression.

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