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Spielen auch bei der Kurzbahn-WM in Hangzhou nur eine Nebenrolle: Die deutschen Schwimmer.

Schwimmen

"Was kriegt man überhaupt für 60 Cent?"

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Der ehemalige Schwimm-Olympiasieger Christian Tröger hält die Diskussion um die Beitragserhöhung beim DSV für fatal.

Christian Tröger geht es derzeit wie vielen, die sich dem Schwimmsport verbunden fühlen. Das Kopfschütteln will nicht aufhören bei dem früheren Spitzenathleten (zwei WM-Titel, drei Olympia-Medaillen von 1992 bis 2000) aus München. Was ist da am Wochenende in Bonn passiert? Und was für Dimensionen sind es, die zu einem Zustand geführt haben, den die Zeitungen mit „Chaos im Schwimmverband“ beschrieben haben?

Christian Tröger, heute von Beruf in der Kommunikation und Markenstrategie tätig sowie seit 2002 Inhaber einer Schwimmschule, sucht nach einer bildlichen Umsetzung für den Betrag, der die angesehene Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbands, die Elmshorner Software-Unternehmerin Gabi Dörries, und ihre für Finanzen zuständige Vertreterin Andrea Thielenhaus zum Rücktritt veranlasst hat. Der Betrag: 60 Cent. Um so viel sollte pro Jahr und Kopf die Abgabe aus den Mitgliedsbeiträgen an den DSV steigen – es wäre die erste Erhöhung seit dreißig Jahren gewesen. Die Landesverbände verhinderten, dass er zur Abstimmung darüber kam. Konsequenz: Der DSV ist für das nächste halbe Jahr führungslos.

„Was kriegt man überhaupt für 60 Cent?“, fragt sich Christian Tröger. Es ist weniger als eine halbe Kugel Eis oder gerade mal der Preis für eine Brezel. Und wenn man den Betrag auf den Monat herunterbrechen würde: fünf Cent. Nichts.

600 000 Menschen sind im Deutschen Schwimm-Verband organisiert. Von jedem sechzig Cent pro Jahr, das ergäbe 360 000 Euro. Gabi Dörries, die vor zwei Jahren in das Amt eher gedrängt worden war als dass sie sich darum gerissen hätte, wollte mit diesen Einnahmen einiges bewirken: Stärkung in allen Bereichen – vom Spitzensport durch mehr Trainingslager bis zur Verwaltung auf der Geschäftsstelle, auch Marketing-Maßnahmen sollten initiiert werden.

Gabi Dörries habe ihre Pläne auch detailliert mit den Landesverbänden vorbesprochen, „das war keine unvorhersehbare Bombenwurfstrategie von ihr“, sagt Tröger. Umso überraschender die Blockadehaltung, die vor allem aus dem Westdeutschen Schwimmverband mit 200 000 Mitgliedern kam. Offensichtlich fürchtete der Landesverband, dass er die 60 Cent, die er fortan mehr an den DSV abführen müsste, von der Basis nicht zurückbekommen würde, weil es dort zu Austritten kommen könnte.

Unter den Athleten führte der Verbandstag zu Frust. Dorothea Brandt (28 Deutsche Meisterschaften) formulierte ihren in einem Facebook-Beitrag und einem Interview mit dem Deutschlandfunk. „Veränderungen und Neustrukturierungen sind notwendig, werden aber auf die lange Bank geschoben. Haben wir wirklich die Zeit dafür?“ 2019 steht die WM in Südkorea an, 2020 Olympia in Tokio – und nach zwei medaillenlosen Spielen (2012, 2016) sind die deutschen Schwimmer gefordert.

Leistungssport als Gesicht

Brandt sieht eine Wechselwirkung: „Jeder, der im Spitzensport ist, war mal im Breitensport, und der Breiten- braucht den Leistungssport als Gesicht. Nur dadurch kommen die Kinder in die Vereine.“ Grundsätzlich pessimistisch ist sie trotz der Verwerfungen nicht: „Wir haben Talente und Funktionäre mit Idealismus. Wir werden nicht mehr die Erfolge wie in den 70er- und 80er-Jahren haben, können aber Teil der Weltspitze sein.“

Christian Tröger hat einen zwölfjährigen Neffen, der schwimmt. „Er muss für eine Badehose bis zu 300 Euro ausgeben.“ Leistungsschwimmen ist viel material- und kostenintensiver als früher. Soll man dann also überhaupt um Cent-Beträge streiten? Tröger macht die Rechnung auf, dass schon bei einer Anhebung der Beiträge um jährlich 1,50 Euro deutlich was gewonnen wäre – selbst wenn Austritte die Folge wären. Oder fünf Euro draufgelegt – was wäre da bei einem mitgliederstarken Verband möglich an Projekten?

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