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Frauenpower: Die „sports {f}“-Gründerinnen Nina Müller (rechts) und Kerstin Keil.

Frauen im Sportbusiness

„Da muss jetzt der Turbo gezündet werden“

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Warum Nina Müller und Kerstin Keil ein Netzwerk für Frauen im Sportbusiness gegründet haben.

Es ist einer dieser ungemütlichen Wintertage in Frankfurts Mainzer Landstraße, der Wind fegt scharf um die Ecke Richtung Bahngleise. Das passt. Nina Müller und Kerstin Keil haben nichts dagegen, ein bisschen im Wind zu stehen und Wind zu machen. Die beiden wollen durchlüften. Seit vergangenem November sind sie dabei, ein Netzwerk aufzubauen, um Frauen im Sportbusiness mehr Geltung zu verschaffen. Sie haben die Köpfe zusammengesteckt und nennen ihr Startup „sports {f}“. Das f in Klammern steht für feminin und für die Umarmung. Für das Frauliche und das Miteinander.

„Wir wollen aufrütteln und ein Bewusstsein schaffen, dass die Kultur in der Branche sich ändern muss. Unsere Vision ist eine Sportbranche, die sich für die Förderung von Frauen im Sportbusiness einsetzt“, sagt Nina Müller. Sie und Kerstin Keil lernten sich an der Sporthochschule in Köln kennen, wo sie beide ihr Diplom in Sportwissenschaften gemacht haben. Keil, 32 Jahre alt, arbeitet seit vergangenem Sommer in leitender Funktion bei einer Tochterfirma der Deutschen Fußball-Liga in Köln, Nina Müller war fünfeinhalb Jahre bei Werder Bremen im Marketing tätig und beginnt im April in der Beratungsfirma „Projekt B“, die unter anderem Jürgen Klopp und Julian Nagelsmann managt. Ihr eigenes Projekt treiben sie trotzdem weiter voran. Sie tun das beide ehrenamtlich, „weil wir der absoluten Überzeugung sind“, so Nina Müller, „dass unser Engagement notwendig ist.“ Die 34-jährige Südhessin hat „sports {f}“ seit vier Monaten mit viel Hingabe in Vollzeit vorangetrieben.

Man kann den Einstieg der beiden in die Profisportszene durchaus Frauen-typisch nennen. Nina Müller hatte in ihrem Kinderzimmer im heimischen Seeheim-Jugenheim Poster der einstigen Frankfurter Eintracht-Helden Jay-Jay Okocha und Tony Yeboah hängen. Um ihr Studium zu finanzieren, hat sie im Businessbereich des 1. FC Köln gekellnert. „Was mir damals schon aufgefallen ist: Wahnsinn, kaum eine Frau.“ Ganz ähnlich erging es ihrer Freundin Kerstin Keil als Hostess beim Handball-Bundesligisten VfL Gummersbach oder bei der Ski-Weltmeisterschaft in Val d’ Ísere.

Nachdem sich beide jahrelang und intensiv mit der Sportbranche auseinandergesetzt und in verschiedenen Positionen gearbeitet hatten, ergriff Nina Müller die Initiative und im Austausch mit Kerstin Keil reifte der gemeinsame Gedanke, sich einzumischen: „Ein Netzwerk für Frauen im Sportbusiness sucht man in Deutschland vergebens. Das haben wir mit größter Verwunderung festgestellt.“ Anders als beispielsweise in England, wo die „Women in Football“ sich organisiert haben, oder in den USA mit den „Women in Sports and Events“ (Wise). Nina Müller: „Kerstin und ich waren uns bald einig: Wir bauen etwas in der Art auf.“

Als sie im vergangenen Herbst erfuhren, dass die Premier League Susanna Dinnage als neue Top-Managerin verpflichtet hatte, waren sie umso begeisterter und fühlten sich zusätzlich inspiriert: „Wow, super, ein mutiger Schritt, eine Frau als Chefin der größten Fußballliga der Welt.“ Doch dann entschied sich Dinnage kurzerhand anders und blieb ihrem Arbeitgeber Discovery treu. Nina Müller und Kerstin Keil fanden das bedauerlich, „es wäre ein super Leuchtturm im Sportbusiness gewesen, wenn Susanna Dinnage die Stelle bei der Premier League angenommen hätte, aber dass sie abgesagt hat, hat uns nicht ausgebremst“.

Sie haben sich sodann darangemacht, eine Facebook-Seite aufzusetzen und sind auch im Karrierenetzwerk Linkedin präsent. Ende Januar besuchten sie den größten deutschen Sportbusinesskongress Spobis in Düsseldorf, knöpften dort viele Kontakte und erfuhren positive Resonanz auf ihr Projekt. Jetzt planen sie, sich mit Universitäten und Unternehmen zu vernetzen.

Auf Facebook und bei Linkedin erzählen sie Erfolgsgeschichten von Frauen im Sportmanagement. Jede Woche eine andere. „Wir wollen die Frauen sichtbar machen, die schon da sind“, erklärt Kerstin Keil. Stephanie Peterson zum Beispiel, Vizepräsidentin Digital bei Adidas, die Ernährungswissenschaftlerin Mona Nemmer, Head of Nutrition‘ beim FC Liverpool, Sophie Goldschmidt, die erste weibliche Chefin der World Surf League, oder Karren Brady, die mit 23 Jahren Managing Director bei Birmingham City wurde, und seit 2010 stellvertretende Vorsitzende von West Ham United ist. In Deutschland hat es bislang nur Katja Kraus soweit gebracht. „Katja Kraus“, sagt Nina Müller, „hat mich sehr beeindruckt.“ Die gebürtige Offenbacherin und ehemalige Nationaltorhüterin des FSV Frankfurt war von 2003 bis 2011 Marketingvorstand beim Hamburger SV, seitdem hat es keine Frau mehr in die operative Führung eines Fußball-Bundesligisten geschafft. Kerstin Keil erklärt sich das so: „Im Assistenzbereich gibt es kein Problem für weiblichen Nachwuchs. Bei fachspezifischen Stellenausschreibungen habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich nur wenige bis keine Frauen überhaupt erst bewerben. Eine Vermutung ist, dass Frauen die Sportbranche meiden, um sich oft hauptsächlich männlich besetzen Teams, in denen sie sich nicht wohlfühlen könnten, fernzuhalten.“ Nicht gut.

Aber auch hierzulande gibt es inzwischen ein paar ermutigende Beispiele: Evelyn Holderbach, Vertriebschefin beim Fußball-Bundesligisten RB Leipzig, und Jennifer Kettemann, Geschäftsführerin bei den Handballern Rhein-Neckar Löwen.

Oder Sandra Schwedler. Neulich hat Schwedler, die beim FC St. Pauli als erste Aufsichtsratschefin eines deutschen Profifußballklubs amtiert, in einem Interview klare Kante gezeigt: „Ich habe eine Quote früher immer für überflüssig gehalten. Mittlerweile glaube ich jedoch, dass sie helfen und den Prozess beschleunigen würde. Denn wenn wir in dem Tempo weitermachen, sind wir erst in 50 Jahren am Ziel.“ Kerstin Keil und Nina Müller haben die Aussage mit gesteigertem Interesse registriert, sie macht ihnen Mut, ihre Sache voranzutreiben. Kerstin Keil sagt: „Da muss jetzt mal der Turbo gezündet werden.“ Nina Müller ergänzt: „Wir möchten jede Organisation, jede Person, die im Sportbusiness arbeitet durch unsere Initiative anregen und motivieren, zu überlegen, was kann ICH tun, welchen Beitrag kann ich leisten? Schlussendlich kommt es auf die Haltung von jedem Einzelnen an, zu überlegen, was sie oder er an der aktuellen Situation ändern kann.“

Dabei legen sie jedoch Wert darauf, dass Frauen in Chefpositionen des Sports nicht deshalb dorthin gelangen sollen, weil sie sich männertypische Verhaltensweisen aneignen. Kerstin Keil möchte, dass ihre anderthalbjährige Tochter später mal „in einer anderen Sportwelt lebt“, in einer, in der Frauen ihren Platz ganz selbstverständlich auch in führenden Positionen vorfinden. Und zwar mit ihren typischen Stärken, nicht als Eiserne Ladys. „Das Weiche, Frauliche gehört dazu“, betonen Müller und Keil, „wir erleben immer wieder, dass Frauen als Bremser wahrgenommen werden, wenn sie Entscheidungen hinterfragen, oft mit dem Fokus darauf, was eine Entscheidung für die Mitarbeiter bedeutet. Wir möchten, dass nicht nur akzeptiert wird, dass Frauen leiser reden, mehr nachfragen, mehr Bedenken und Empathie äußern und mehr für andere mitdenken, sondern dass dabei auch ein Mehrwert erkannt wird.“

Sie wollen ihr Engagement sicher nicht auf den Fußball beschränkt wissen, aber für die Deutsche Fußball-Liga oder den Deutschen Fußball-Bund hätten die beiden schon mal einen ganz konkreten Vorschlag: „Die National Football League in den USA“, berichten sie, „organisiert einmal jährlich einen ,Women’s Career Day’ und präsentiert dabei, welche Jobs es in den Klubs auch für Frauen gibt – vom Zeugwart bis zur Geschäftsführerin“. So einen Tag wünschen sie sich auch in Deutschland. Aber sie wollen deshalb nicht lamentieren, sondern Aufbruchstimmung verbreiten und aufwecken. 2019 fühlt sich für beide an „wie das Jahr der Frauen.“ Sogar im Sport.

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