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Endlich wieder im Wasser: Schwimmer Marco Koch.

Schwimmen

Warum Brustschwimmer Marco Koch auf seinen Bauch hört

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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Schwimmer Marco Koch spricht über seine vorgezogene Sommerpause, seinen Trainerwechsel und warum die Verschiebung der Olympischen Spiele gar nicht so schlecht für ihn ist.

Herr Koch, wie sehr vermissen Sie es, unter Wettkampfbedingungen zu schwimmen?

Schon sehr. Es ist komisch, ohne richtig festes Ziel zu trainieren. Mittlerweile gibt es so ein bisschen Licht am Ende des Tunnels. Wenn alles gut läuft, werde ich Mitte August in Rom starten. Das wird draußen im Freibad sein. Es gibt keinen Vorlauf und kein Finale, sondern nur einen zeitgesetzten Lauf. Eine Bahn ist zweieinhalb Meter breit. Dadurch wird der Abstand sicher eingehalten. Zuschauer werden nicht zugelassen sein – aber immerhin ist das eine Möglichkeit, wieder international zu starten.

Gibt es weitere Wettbewerbe, die danach anstehen?

Wir wissen noch nicht, was mit den Weltcups ist. Der einzige, der sicher raus ist, ist der in China. Die anderen sind noch nicht abgesagt oder bestätigt, also besteht die Hoffnung, dass noch etwas stattfindet.

Im vergangenen Jahr sind Sie bei der Premiere der International Swimming League (ISL) für die New York Breakers an den Start gegangen. Wie hat Ihnen die neue Rennserie gefallen?

Es war mal etwas anderes und ganz cool. Ich habe noch nie so einen schnellen Wettkampf erlebt. Der ganze Tag war nach zwei Stunden durch. Es war sehr beeindruckend und es hat Spaß gemacht, mal Teil eines Teams und kein Einzelsportler zu sein. Ich habe mitgemacht in Budapest, Dallas und Washington.

Seit wann dürfen Sie wieder richtig trainieren?

Seit Anfang Mai trainieren wir wieder im Wasser. Es war schon eine relativ lange Pause seit wir aus dem Trainingslager zurückgekommen sind und dann im März die Welt untergegangen ist. Dann wurde zum Glück relativ zeitig Olympia abgesagt. Die Zeit dazwischen war sehr schwierig, denn uns waren die Trainingsmöglichkeiten weggebrochen und im Hinterkopf war die ganze Zeit der Gedanke, dass man im August topfit sein soll. Mit der Absage habe ich meine Sommerpause vorgezogen. Wir haben darauf spekuliert, dass wir ein Ereignis haben werden, worauf wir uns vorbereiten können. Damals stand noch die EM in Budapest im August zur Debatte, ehe auch die abgesagt wurde. Deshalb habe ich die Sommerpause bis Mai gemacht.

Wie haben Sie sich in der Zeit fit gehalten?

Am Anfang habe ich wirklich gar nichts gemacht. Das musste auch mal sein. Danach bin ich viel Fahrrad gefahren, habe zu Hause ein bisschen Bauch-Beine-Po-Workout gemacht und mir eine Klimmzugstange gekauft. Ich hab auch versucht zu laufen. Das hat noch nicht so wirklich geklappt, dafür habe ich viel Spaß am Fahrradfahren gefunden.

Wie haben Sie die Nachricht von der Olympia-Verschiebung aufgenommen?

Ein Jahr habe ich jetzt nicht so tragisch gesehen. Im Dezember habe ich ja den Trainer gewechselt und für uns war es dann eher positiv, weil wir so noch ein Jahr haben, um Sachen auszuprobieren und Feinjustierungen vorzunehmen. Sonst hätte uns in den acht Monaten kein Fehler unterlaufen dürfen.

Sie haben Ihren Trainerwechsel angesprochen. Statt Ex-Bundestrainer Henning Lambertz überwacht nun der frühere DSV-Trainer Dirk Lange ihr Training. Wie kam es dazu?

Es waren ein paar Differenzen, die Henning und ich hatten, was die Trainingsplanung angeht. Er hatte ein paar Dinge, auf die er den Fokus legen wollte. Ich hatte aber das Gefühl, dass es nicht zu 100 Prozent das ist, was ich in diesem Jahr brauche. Und wenn man Zweifel hat, geht man auch nicht mit 100 Prozent Energie ins Training. Ich habe auf meinen Bauch gehört und den Schritt gewagt.

Zur Person

Marco Koch , 30, hat sich auf die 200-Meter-Bruststrecke spezialisiert. Über diese Distanz ist der gebürtige Darmstädter 2014 Europameister und 2015 Weltmeister geworden. Seit Oktober 2018 startet der 1,85-Meter große Schwimmer für die SG Frankfurt und wird von Dirk Lange trainiert. Die Bestzeit des mehrfachen deutschen Meisters liegt auf seiner Paradestrecke bei 2:07,47 Minuten.

Was haben Sie mit Dirk Lange umgestellt?

Dirk hat einfach eine andere Herangehensweise ans Training. Wir trainieren sehr polarisiert.

Was heißt das?

Bei Henning war bei fast jeder Einheit auch etwas intensives mit dabei. Bei Dirk ist klar abgegrenzt, welche Einheiten mit Intensität verbunden sind und welche sehr locker im Ausdauerbereich geschwommen werden. Wir haben auch eine Einheit die Woche, die in Richtung Sprinttraining geht, damit meine Grundgeschwindigkeit besser wird und ich ein bisschen flexibler werde. So bin ich für jede Renntaktik gewappnet, egal, ob es schnell beginnt oder ich die Schnelligkeit hintenraus brauche.

Wie hoch ist aktuell das Pensum im Vergleich zu einer normalen Saison?

Als wir wieder ins Wasser konnten, haben wir einmal am Tag trainiert und dafür an Land ein bisschen mehr gemacht. Jetzt sind es acht Wassereinheiten und eine längere Fahrradfahrt sowie drei Krafteinheiten die Woche.

Wie oft sehen Sie und Dirk Lange sich?

Vor Ort wird das Training von der hessischen Landestrainerin Sheila Sheth überwacht. Ich war in diesem Jahr schon zwei Wochen in Graz mit Dirk und Sheila. Im Januar war ich mit Dirk in China bei der Champions Series, wo ich mich für die Olympischen Spiele qualifizieren konnte. Ansonsten telefonieren wir.

Welche Aufgabe übernimmt Sheila Sheth genau?

Sie ist für die Umsetzung der Wasserpläne in Frankfurt zuständig und dann für die Kommunikation mit Dirk. Sie gibt Rückmeldung darüber, wie sie mich im Wasser sieht, wo wir was umbauen müssen. Es ist selten der Fall, dass wir die von Dirk zugesendete Trainingswoche zu 100 Prozent umsetzen. Manchmal mache ich ein bisschen weniger, mal ein bisschen mehr, weil ich den einen Tag etwas müder bin. Da ist es wichtig, jemand am Beckenrand zu haben, der mich gut kennt.

Wie intensiv machen Sie Videoanalysen?

Ich schaue mir häufiger einzelne 50-Meter-Abschnitte an. Beim Brustschwimmen ist die Koordination zwischen Arm- und Beinzug sehr komplex. Zu Beginn, als wir weniger geschwommen sind, waren meine Züge sehr dynamisch. In dem Moment, wo wir auf acht Einheiten gegangen sind, hat sich mein Körper deutlich träger bewegt. Der Beinschlag wurde langsamer und ich wurde schlagartig langsamer, obwohl es sich für mich gleich angefühlt hat. Da muss man das Optimum an Be- und Entlastung finden.

Die Olympischen Spiele wären ja eigentlich am vergangenen Freitag losgegangen, jetzt soll es 2021 klappen. Wären für Sie auch Geisterspiele vorstellbar?

Bei Deutschen Meisterschaften oder bei einem Weltcup sind häufig auch nicht so viele Zuschauer da und ich konnte trotzdem gute Leistungen bringen. Wenn alle Teams auf den Tribünen wären, ist ja trotzdem relativ viel los. Es steht außer Frage, dass es mit Zuschauer am schönsten wäre, aber ich hätte lieber Geisterspiele als keine Spiele.

Interview: Timur Tinç

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