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Unter Adi Dasslers kritischem Blick: Im Adidas-Firmenzentrum in Herzogenaurach wird am ganz großen Rad des Weltsports gedreht.

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Nike und Adidas: Die wahren Herrscher des Sports

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Die Sportartikelriesen Nike und Adidas machen ihren Einfluss auf Athleten, Klubs und Verbände mit massiven Investitionen geltend – dass dabei mit den Grenzen des Erlaubten gespielt wird, zeigt nicht nur das „Nike Oregon Project“.

Sie waren ein kleines Team, sieben Leute nur. Aber sie waren gut. Besser als die meisten Länder, die mit viel größerem Kader zur Leichtathletik-WM nach Doha angereist waren. Sie nahmen drei Gold-, eine Silber- und eine Bronzemedaille mit – und hätte man diese multinationale Mannschaft mit unter anderem einem Amerikaner, Äthiopier, einer Niederländerin und einer Deutschen, der 5000-Meter-Dritten Konstanze Klosterhalfen, wie ein Land in den Medaillenspiegel aufgenommen, das „Nike Oregon Project“ (NOP) wäre Fünfter geworden. Vor Deutschland.

18 Jahre existierte das NOP, das Trainingszentrum für zuletzt zwölf Langstreckler war auf dem Campus der Firmenzentrale im US-Bundesstaat Oregon untergebracht. Von „jeden Tag Trainingslager“, erzählte Konstanze Klosterhalfen. Es gibt Räume mit sauerstoffreduzierter Luft, um Höhentraining zu simulieren, Unterwasserlaufbänder und eine Schwerelosigkeitslaufbahn. Am Freitag wurde das Aus verkündet. Die Negativschlagzeilen um Trainerguru Alberto Salazar und um mögliche Mitwisserschaft in der Konzernspitze waren fürs Image von Nike nicht förderlich gewesen. Die Marke soll für Leistung stehen – nicht für den Zweifel daran.

Auch Adidas, der große Wettbewerber von Nike, hat mittlerweile einen Campus. Wo im fränkischen Herzogenaurach auf früherem Kasernengrund vor fünfzehn Jahren noch Baracken standen, blüht nun eine Kunstlandschaft, die nur Mitarbeiter oder Gäste mit einem Pass und nach einer Anmeldeprozedur betreten dürfen. Man will gar nicht glauben, dass hier auch gearbeitet wird. Es herrscht reger Betrieb auf Tennisplätzen, Beachvolleyball- und Basketballfeldern – als hätten die Angestellten dauerhaft Pause. Eine Szenerie wie aus Dave Eggers‘ utopischem Roman „The Circle“ über einen Internetkonzern, der sich in unser Leben schmeichelt und beginnt, es zu beherrschen. Auch im „Circle“ sind alle cool und daueraktiv.

Adidas startet auf seinem Campus im Sommer 2020 auch eine Art Projekt. Begrenzt auf ein paar Wochen. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wird von Herzogenaurach aus zu ihren EM-Spielen in ganz Europa aufbrechen. Ihr Rückzugs- und Trainingsort wird die „HerzoBase“ sein, sogar ein Hotel wird für sie gebaut. Adidas will zeigen, dass es auch so etwas schaffen kann wie das legendäre „Campo Bahia“ von 2014 in Brasilien.

Der DFB hatte auch nach klassischen Unterkunftsmöglichkeiten näher an München Ausschau gehalten. Gemeinden wie Garmisch-Partenkirchen und Ohlstadt mit den ansässigen Hotels machten sich Hoffnungen, hatten aber keine Chance, als Adidas seine Ansprüche anmeldete. Die Bilder, die die deutschen Nationalspieler – auch die, die private Verträge mit anderen Ausrüstern haben – im Drei-Streifen-Reich zeigen werden, sind für die Marke Gold wert. Und sie tun den Mitbewerbern weh.

In dem frisch erschienenen zweiten Buch zu den „Football Leaks“ werden Dokumente des portugiesischen Whistleblowers Rui Pinto ausgewertet, die darlegen, wie viel Geld die „Big Player“ Adidas und Nike in den Markt pumpen.

Der FC Chelsea, einer der führenden Fußballklubs in der englischen Premier League, stieg 2017, nach zwölfjähriger Partnerschaft, aus seiner Verbindung mit Adidas aus. Da die Auflösung des Geschäftsverhältnisses aber eine vorzeitige und einseitige war, konnte Adidas sich für den Trennungsschmerz entschädigen lassen. 67 Millionen Pfund (75 Millionen Euro) musste Chelsea zahlen – und machte dennoch langfristig Gewinn. Denn Nike lobte für die Vertragsunterschrift Prämien in Höhe von 80 Millionen Pfund aus – damit war der Wechsel schon mal finanziert.

Der Vertrag zwischen Nike und dem FC Chelsea läuft bis 2032. Jährlich überweist Nike 40 Millionen Pfund plus 15 Millionen als Beteiligung für den Verkauf von Chelsea-Merchandiseartikeln, dazu kommen Extrazahlungen für sportliche Erfolge. Über 15 Jahre, so errechnete das Football-Leaks-Team, sind das garantierte Einnahmen von 755 Millionen Pfund (840 Millionen Euro).

Strategische Partnerschaften mit den besten Klubs – das ist es, was die Sportartikelriesen anstreben. Zur europäischen Güteklasse A gehören Real Madrid, FC Barcelona, der FC Bayern, Juventus Turin, der FC Liverpool und die Londoner Vereine Chelsea und Arsenal.

Die Firmen achten außerdem darauf, einzelne Spieler an sich zu binden. Adidas setzt auf Lionel Messi, Nike angelte sich mit Cristiano Ronaldo den Star mit Strahlkraft ins Lifestyle-Segment hinein. Schon von 2009 bis 2013 war Ronaldo mit 120 Millionen Euro Provision am Verkauf von CR7-Produkten durch Nike beteiligt, ein 2016 abgeschlossener Zehnjahresvertrag sieht für den Portugiesen ein Gesamtvolumen von 162 Millionen Euro vor. 16,2 Millionen im Jahr also allein an Nebengeräuschen – das übersteigt das Gehalt der Besten. Allerdings: Cristiano Ronaldo muss für einen der A-Klubs spielen. Mit dem Wechsel von Real Madrid zu Juventus Turin wahrte er sein Standing bei Nike. Ein plötzlich etwas reicherer Verein hätte also keine Chance, den berühmten CR7 zu bekommen.

Das von Adidas und Nike in ihrem Marketing-Wettrennen betriebene Eliteprogramm vergrößert die Kluft, indem es die ohnehin Begüterten weiter päppelt. Für die Großklubs eine Einnahmequelle, die mindestens so bedeutend ist wie die Gelder aus dem TV-Topf.

Werbeverträge abzuschließen, ist offizielle Politik der Sportartikelindustrie. Doch nicht der einzige Weg, um zu Einfluss zu gelangen.

Adidas hat das früh verstanden. Horst Dassler, Sohn des Gründers Adi Dassler, strebte schon in den 60er-Jahren an, Kontrolle über die Sportverbände zu erlangen. Ab 1980 war er der maßgebliche Mann in der Firma. In der olympiakritischen Fachliteratur ist über den Dassler-Junior nichts Nettes zu lesen. Der Journalist Jens Weinreich beschrieb ihn als „Urheber der systematischen Korruption im Weltsport“, „Zeit online“ fasste Dasslers Wirken so zusammen: „Er betrieb Sportspionage. Ein Team von Mitarbeitern und Lobbyisten legte für ihn Karteien von Funktionären und wichtigen Entscheidern an, darin notiert waren deren Vorlieben und Abneigungen. Es ging um Geld und Frauen.“ IOC- und Fifa-Besetzungen unterstanden Dasslers Einfluss. Einer seiner gelehrigen Schüler war Fedor Radmann, dessen Name auch in der WM-Affäre von 2006 auftaucht.

Aus dem Schoße von Adidas wurde die Agentur ISL (International Sports and Leisure) geboren, ein Umschlagplatz für Schmiergeldzahlungen. Die ISL handelte mit Übertragungsrechten von Sportevents, zur Kundschaft gehörten Fifa, IOC, die Tennisorganisation ATP sowie die Weltverbände in Leichtathletik und Schwimmen. 2001 ging ISL pleite. Jahre später kam in einem Prozess heraus, dass 138 Millionen Schweizer Franken in die Taschen von Funktionären gesteckt worden waren.

Auch in der Zeit nach Horst Dassler wahrte Adidas seinen Einfluss auf den großen Sport. Robert Louis-Dreyfus, der die damals angeschlagene Firma von 1993 bis 2001 leitete und wieder aufrichtete, stand vor allem den Granden des FC Bayern nahe. In Uli Hoeneß‘ Steuerhinterziehungsgeschichte wurde publik, dass Dreyfus ihm leihweise ein Grundkapital zum Zocken mit Aktien zur Verfügung geliehen hatte, und auch der 6,7-Millionen-Euro-Geldfluss rund um die WM 2006 und Franz Beckenbauer lief über Dreyfus. der 2009 verstarb und so manches Geheimnis mit ins Grab nahm.

2001 stieg Adidas beim FC Bayern ein, erwarb für damals 150 Millionen D-Mark zehn Prozent der AG-Anteile. Nächster Präsident des FC Bayern wird Herbert Hainer, der Adidas-Chef nach Dreyfus war. Das Adidas Bavaria Project läuft weiter.

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