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Düstere Zeiten: Die Stimmung vor dem Gebäude des russischen Olympiakomitees könnte besser sein.

Dopingsperre für Russland

Wada-Vorschlag erschüttert den russischen Sport

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Für vier Jahre soll Russland von allen internationalen Wettbewerben ausgeschlossen werden - das betrifft auch den Fußball.

Die englische Tageszeitung „The Telegraph“ war gestern in Moskau in aller Munde. Dutzende Medien, vom Fachblatt „Sport Ekspress“ bis zum Propagandasender Russia Today, zitierten die Vermutung der Briten, statt Russland fahre Schottland zur Fußball-EM 2020. Und falls die Uefa Russland als Gastgeber ausschließe, könne das schwedische Stockholm den Spielort Sankt Petersburg ersetzen.

In Sportrussland herrscht Angst. Am Montag hatte die Welt-Antidopingagentur Wada die Kurzfassung eines Berichts veröffentlicht, in dem ihr zuständiger Ausschuss massive Sanktionen gegen den russischen Sport empfiehlt, bis hin zu einem vierjährigen Verbot, internationale Wettkämpfe in Russland abzuhalten. „Die Zündschnur brennt schon“, titelt die Staatsagentur RIA Nowosti unheilschwanger. „Glauben Sie noch immer, die Dopingbombe wird nicht platzen?“

Grund für die Wada-Strafen sind die Manipulationen an einer Datenbank des Moskauer Dopingkontrolllabors. Die russischen Behörden hatten sie erst im Januar nach monatelangem Hickhack herausgegeben und laut dem Wada-Bericht vorher hunderte positive Testbefunde und viele PDF-Dateien gelöscht. Außerdem habe jemand fiktive Nachrichten auf die Datenbank geladen, um den Verdacht auf den Wada-Kronzeugen Grigori Rodtschenkow zu lenken. Experten vermuten, die Datenbank sei frisiert worden, um zahlreiche dopende Spitzensportler zu decken. Und um das jahrelange systematische Staatsdoping zu vertuschen, das mehrere Wada-Berichte Russland zur Last legen.

Der Ausschuss bezeichnet die Fälschungen als „extrem ernste Verstöße“. Wenn das Wada-Exekutivkomitee am 9. Dezember seinen Empfehlungen folgt, erwarten Russland auch ernste Strafen: Die russische Antidopingagentur Rusada soll erneut suspendiert werden. Russische Sportler dürfen in den nächsten vier Jahren nur an Olympischen Spielen oder anderen Großwettkämpfen teilnehmen, wenn sie nicht unter Dopingverdacht stehen, und das weder unter der Fahne noch im Nationaltrikot Russlands. Das droht auch den Fußballern.

Russische Funktionäre aber will man für solche Wettkämpfe ganz sperren, sie auch aus den Gremien der internationalen Sportverbände ausschließen. Und Russland verliert alle Austragungsrechte … Die russische Öffentlichkeit reagiert sehr unterschiedlich. Viele Fachleute halten die Entwicklung für selbst verschuldet. „Die Empfehlungen des Wada-Ausschusses sind gerecht“, sagt Alexander Tschebotarew, Rechtswissenschaftler und Dopingexperte der Moskauer Higher School of Economics. „Diese Verstöße sind Fakten. Und wenn man dem Bericht glauben darf, auch etwas völlig Neuartiges.“

Nikola Jaremenko, Chefredakteur der Zeitung „Sowetski Sport“ vergleicht Dopingrussland mit einem Patienten, der im Krankenhaus randaliert, statt den Ärzten zu gehorchen. „Jetzt hat man uns festgebunden, weil die traditionelle Behandlung nicht hilft.“ Der Duma-Abgeordnete Dmitri Swischtschew aber sieht transatlantische, antirussische Kräfte am Werk. „Dass der Bericht als Erstes in der ‚New York Times‘ erschien, stellt eindeutigen Druck auf die Mitglieder des Wada-Exekutivkomitees dar.“ Swischtschew hofft trotzdem, dass die internationalen Sportverbände mit „machtvolleren Führern“ die Wada-Empfehlungen ignorieren und trotzdem Wettkämpfe in Russland veranstalten. Dutzende Moskauer Medien zitierten gestern auch einen Tweet der norwegischen Wada-Vizepräsidentin Linda Helleland: Sie befürchtet, das IOK mache für Russland und gegen die Wada-Empfehlungen Front, es sei deshalb zu befürchten, dass diese am 9. Dezember keine Mehrheit bekämen. Viele in Russland glauben offenbar auch jetzt, das Schlimmste lasse sich hinter den Kulissen verhindern.

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