Von 0 auf 42

  • vonJürgen Streicher
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20 Frauen und Männer nähern sich mit der Volkshochschule Oberursel dem Traumziel Marathon

Wenn Du laufen willst, dann laufe eine Meile. Wenn Du ein neues Leben kennen lernen willst, laufe einen Marathon." Die 20 Frauen und Männer, die mit der Volkshochschule Oberursel das "Traumziel Marathon" anstreben, kennen den legendären Spruch der "Lokomotive", wie der tschechische Wunderläufer, Weltrekordler und Olympiasieger Emil Zatopek aufgrund seines wenig eleganten Laufstils genannt wurde. Sie alle wollten vor knapp einem Jahr ein neues Leben beginnen. Zatopeks Maßgabe ziert seitdem den Kopf ihrer Trainingsanleitungen.

Durchstarten, "Von 0 auf 42" in elf Monaten. Mit Fünf-Minuten-Intervallen haben sie angefangen, Menschen zwischen 35 und 65 Jahren, Manager, Physiker, Geschäftsführer, Reisekauffrau, Controllerin. Trainingshöhepunkt war ein Drei-Stunden-Lauf. Zwischen 1400 und 1800 Kilometer etwa sind sie in ihrem neuen Leben gelaufen, um einmal 42,195 Kilometer am Stück rennen zu können. Die magische Distanz, die sich an einer Zahl mit fünf Ziffern und einem Komma bemisst. Am Sonntag werden sie Helden sein, jeder für sich, jeder auf seine Art und in seinem persönlichen Tempo. Die Zeit spielt da keine Rolle, allein der Weg ist das Ziel. Und das Ankommen.

Vor einem Jahr hat Hans-Heinrich Müller noch Beta-Blocker gebraucht, den dritten Halbmarathon in der Vorbereitung hat er nach 20 Kilogramm Gewichtsabnahme in 1:55 Stunden absolviert. "Niemand kann sich vorstellen, wie oft ich schon gedanklich über den roten Teppich gelaufen bin und dabei eine Gänsehaut bekommen habe", sagt der 52-jährige Industriekaufmann aus Bad Homburg. Für ihn hat mit dem Laufen ein neues Leben begonnen, "eine Sucht, die ich gerne akzeptiere".

Das Finale, die letzten Meter vor der Festhalle, wird Müller wie im Rausch "auskosten bis zur letzten Zehntelsekunde". Das weiß er wie all die anderen, die Visualisierung des Zielmoments war immer wieder ein wichtiger Aspekt im Trainingsplan. Weil der Weg dorthin so weit schien.

"Wie vor einer Prüfung" fühlt sich Patricia Höfner-Dunkel. Fest eingebrannt ist das Ziel auf der inneren Festplatte der 56-Jährigen. "Behalte die Nerven" lautet für sie und die akribisch von Fitness-Trainer Peter Blöcher vorbereitete Laufgruppe die Devise. Es hat allen Mut gemacht, wie er dieses unbekannte Terrain vor dem Ziel, wo die Läufer bereits jenseits von Gut und Böse seien, beschrieben hat. "Nach der 35-Kilometer-Marke verliert der Mensch das letzte Stückchen Würde", sagt er und meint das keineswegs despektierlich. Vor dem Glücksgefühl steht auch ein bisschen Qual. Dann muss jeder selbst die Peitsche auspacken und sich antreiben, um die letzten Motivationsreserven zu mobilisieren.

Das Traumziel Marathon hat das Leben der Volkshochschüler mit dem besonderen Kurs weit vor dem Ziel verändert. "Nein, ich bin kein anderer Mensch geworden", sagt Birgit Maschlak. Aber ihr Leben habe eine "neue, zusätzliche, schöne Seite gewonnen", betont die 42-Jährige. Gemeint ist: Ein neues Körpergefühl, die bewusstere Lebensführung, die neuen Ernährungsgewohnheiten und der andere Umgang mit Körpergiften. Um von 0 auf 42 zu kommen.

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