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Frankfurt Marathon

Viele kleine Helden auf der Marathon-Strecke

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Emotionen, Dramen und viele Glückserlebnisse: Der Frankfurt Marathon wird zunächst beinahe vom Sturm verblasen, doch am Ende ist es für fast alle ein großer Tag.

Mit dem Frankfurt-Marathon verhält es sich wie mit dem Kino. Etwas zu laut, zu viel Werbung, zu viele Superhelden, und man kann sicher sein, dass eine Fortsetzung folgt. Die Hauptunterschiede: Ein Marathon-Besuch kostet nichts und das Kinoerlebnis ist umso schöner, je schlechter das Wetter ist.

Das Wetter am frühen Sonntagmorgen ist ganz großes Kino. Es gießt aus Kübeln, der Wind plustert sich zum Orkan auf, man denkt an die vielen schutzlos den Elementen ausgelieferten Marathon-Männer und -Frauen und stellt sich die bange Frage: Sind sie außer Gefahr? Sie sind es wohl. Ein Blick ins Internet verrät: Vorstellung beginnt wie geplant, 10 Uhr, Festhalle.

Der Marathon an sich hat in den vergangenen 2500 Jahren erstaunliche Karriere gemacht. Vom einstmals eher belächelten Abfallprodukt der griechischen Kriegsführung hat er sich zum Volkssport gemausert. Und wie! Jeder, der nicht selbst läuft, hat mittlerweile jemanden im engeren Familien- oder Freundeskreis, der das tut.

Es ist fast so wie in den guten alten Romero-Zombie-Filmen: Während der überwiegende Teil der Bevölkerung scheinbar sinnlos durch die Gegend läuft, ziehen sich die wenigen Nichtinfizierten in Kaufhäuser zurück. Ausgerechnet die Kaufhäuser aber haben am Sonntag zu.

Und so präsentiert sich die Zeil am Lauftag in sonntäglicher Leere, nur unterbrochen von der Rennstrecke an Konstablerwache, Hauptwache und Alter Oper. Überall stehen noch Fans, auch wenn die Superstars dort schon längst ihren Auftritt gehabt hatten. Die meisten sind aber gar nicht wegen der Superstars gekommen. „Lars, gib Gas!“, steht etwa auf den Leuchtwesten einer Gruppe Radfahrer, die entlang der Strecke mehr schlecht als recht versucht, Larsens Tempo zu halten. Ein Freund tröstet einen vorzeitig ausgeschiedenen Läufer, bevor beide rolltreppabwärts in den Katakomben der Konsti verschwinden. „Bei Kilometer fünf ist mir einer in die Hacken getreten, danach ging nicht mehr viel“, ächzt der Läufer, „kann aber auch Kilometer sechs gewesen sein.“ Das, tröstet ihn der Freund, spiele nun ja keine Rolle mehr. Zumindest keine tragende.

Es sind ja auch vor allem die Nebenrollen, welche die ganz großen Emotionen wecken. An der Hauptwache quält sich eine tapfere Läuferin mit einem Gesicht, wie man es aus guten Fremdenlegionärsfilmen kennt, im eigentlich dort auch vorgeschriebenen Schritttempo durch die Fußgängerzone, die Lumpensammlerwagen der Organisatoren dicht auf den Fersen – und dahinter wiederum das Feld der Superstars, das diese Passage bald zum zweiten Mal durchlaufen wird. „Das ist die letzte Läuferin, die zum ersten Mal an uns vorbeiläuft – das Privileg hat nicht jeder an diesem Tag“, ätzt die Moderatorin auf der Bühne vor Ort, aber das Publikum spendet den verdienten Applaus.

Es sind solche Momente, die ganz den Nebendarstellern gehören und dem Frankfurt-Marathon Charakter verleihen. Vor allem, wenn die dramatische Handlung in den passenden Soundtrack eingebettet ist. Aus den Lautsprecherboxen wummert „Easy Livin‘“ von Uriah Heep: „Day after day on that windy road I had walked behind you.“ Besser geht’s nicht!

Das Finale aber, der Höhe-, Start- und Zielpunkt des Rennens im Bauch der Bestie, der Festhalle, gehört erst mal wieder den Superstars. „Frankfurt erhebt sich!“, erkennt der Moderator goldrichtig, als Shura Tola nach knapp 126 Minuten Spielzeit die wie immer gut besuchte und infernalisch laute Festhalle berennt. Denn anders als im Kino gehört es hier zum guten Ton, während des Abspanns aufzustehen. Hauptsache, man bleibt da.

Das tun die Leute gerne, denn es folgen noch viele kleine Happy Endings. Auch Deutsche unter den Läufern, und was für welche: Arne Gabius, der seit 2015 wegen Verletzungen keinen Marathon mehr hatte beenden können, wird Sechster und damit Deutscher Meister und Vater. Gut, Vater ist er bereits am Donnerstag geworden. „Mr. Smith, Mr. Smith!“, brüllt der Moderator völlig aus dem Häuschen, als der US-Amerikaner Scott Smith als Achter die Ziellinie überquert, und man kann sich vorstellen, wie die stolze Mrs. Smith ihren Mann von der Tribüne ins Visier nimmt, denn auch die Superhelden haben ihre Unterstützer. Aus den Boxen dröhnt jetzt die Erkennungsmelodie von „Fluch der Karibik“. „The End“ von den Doors wäre passender, aber zu getragen und schon viel zu bekannt aus einem anderen Film.

Am Ende ist es dann auch beim Frankfurt-Marathon wie nach dem Besuch eines guten Films. Man hat sich bestens unterhalten, vor der Festhalle stand sogar eine mobile Popcornmaschine, in der das Popcorn alle war, und man konnte sogar noch etwas Neues entdecken: die Schönheit der Langsamkeit. „Je langsamer, desto höflicher“ ist etwa die Erkenntnis einer der unzähligen Helferinnen entlang der Strecke, ohne deren Hilfe auch die Superstars nicht ins Laufen kämen.

Die Helferin ist begeistert von der Begeisterung der Besucher: Als sie beim Wasserreichen vom ersten Block der Läufer fast überrannt worden wäre, hätten ihr zwei junge Frauen spontan unter die Arme gegriffen und vor lauter Helfen gar die Läuferin verpasst, für die sie eigentlich an die Strecke gekommen seien. Doch während die vorderen Läufer ihre Getränke in Windeseile und reaktionslos an sich gerissen hätten, hätten die Verfolger immerhin ein kurzes Danke gemurmelt – die echten Nachzügler aber hätten sogar meist mehrere freundliche Worte mit letzter Lungenkraft hinausgepresst. „Die Höflichkeit scheint mit zunehmendem Tempo abzunehmen“, vermutet die Helferin. Interessante These.

Wenn dem wirklich so ist, dann wäre Shura Tola vermutlich ein furchtbar unhöflicher Mensch. Aber dasselbe gilt schließlich auch für den Sheriff von Nottingham in dem Kevin-Costner-Robin-Hood-Film, den man trotz Höflichkeitsdefiziten dennoch furchtbar lieb hat. Ist doch nur Kino!

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