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Cesar Cielo Filho gewinnt bei den Schwimm-Weötmeisterschaften in Rom die 100 Meter Freistil in neuer Weltrekordzeit.

Schwimm-WM

Viel Wasser auch außerhalb des Beckens

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Der brasilianische Weltmeister Cesar Augusto Cielo Filho erobert die Herzen der Römer. Von Jürgen Ahäuser

Das Werk hat eine enorm tränentreibende Wirkung. Die Tonlage schmetternd, die Lyrik herzerweichend. "Das heroische Volk am Ufer des Ipiranga trotzt am Busen der Freiheit auch dem Tod. O geliebte Heimat", so heißt es in einer, zugegeben, sehr zugespitzten Zusammenfassung in der brasilianischen Nationalhymne.

Die 15.000 meist italienischen Fans feierten am Donnerstagabend mit Klatschen und Sprechchören Cesar Augusto Cielo Filho nicht allein dafür, dass er für einen kurzen Moment der ja bekanntlich ewig währenden Stadtgeschichte zum "Kaiser von Rom" aufgestiegen war. Die Römer hatten ihre Herzen an den breitschultrigen, 1,96 Meter großen Lockenkopf verloren, der ganz oben auf dem Podest an seinen eigenen Tränen zu ertrinken drohte.

"Ich konnte einfach nicht aufhören, die Tränen sind nur so aus mir herausgeschossen", sagte der Brasilianer, der wenige Minuten zuvor ja gezeigt hatte, wie man sich aus dem von zwei französischen Muske(l)tieren erzeugten Strudel befreien kann.

Cielo Filho war vor fast genau einem Jahr in Peking schon Olympiasieger über die 50-Meter-Freistilstrecke geworden, und doch empfand er den Sieg bei der WM über die klassischste aller die Distanzen, die 100 Meter Kraul, als emotionaler und auch bedeutender. Der Bronzemedaillengewinner hatte den Favoriten und Olympiasieger Alain Bernard und dessen Trainingskollegen Frederick Bousquet geschlagen und dabei auch noch die Schallmauer von 47 Sekunden unterboten.

Den Weltrekord von 46,91 Sekunden nahm Cielo Filho gerne mit, die Meriten, der erste Mensch zu sein, der die 47er Barriere eingerissen hat, beließ der bescheidene Brasilianer aber dem Mann, hinter dessen Rücken ein Konzertflügel versteckt werden kann. "Alain war der Erste, ich bleibe der Zweite", verwies Cielo Filho auf Bernards Schnellschuss vor ein paar Wochen. Der Franzose verlor die Weltbestzeit, weil er in einem jener Super-Gleiter durchs Wasser geschossen war, der später vom Schwimm-Weltverband für illegal erklärt worden war. "Mein X-glide Schwimmdress ist aber nur wenig anders als der Vorgänger", erklärte der Brasilianer.

Auch der Versuch aus seinem altrömischen Vornamen eine neue kaiserliche Herrschaft zu machen, scheiterte an dem für die Auburn Tigers an der Universität von Alabama schwimmenden Athleten. Unter anerkennendem Gelächter wies er in der Pressekonferenz darauf hin, dass der wahre Kaiser in Sao Paulo sitzt: "Das ist mein Vater. Nach dem bin ich benannt."

Allzu großen Ruhm, darüber ist sich der Brasilianer im Klaren, wird er als erster Weltmeister und Olympiasieger seiner Heimat zu Hause dennoch nicht ernten. "Bei uns gibt es nur Helden im Fußball. Alle anderen Sportler stehen in deren Schatten." In den Geschichten nach seinem Gold-Sprint tauchte er denn auch häufig als Kaká des Wasserbeckens auf. "Brasilien liebt nur die Sieger, der Zweite ist schon ein Verlierer," sagte der 22-Jährige, der schon 2008 in Peking zum Triumvirat der Sprintkönige mit Sieger Bernard, dem Weltrekordhalter und Silbermedaillengewinner Eamon Sullivan (Australien) gehörte.

Der Druck, in Rom unbedingt gewinnen zu wollen, war für Cielo Filho enorm groß. Im Aufwärmraum seien ihm vor lauter Nervosität die Glieder taub geworden. "Ich müsste meine Füße aneinander schlagen." Der Überdruck brach sich dann ja gehörig Bahn.

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