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Viel Geld und trübe Aussichten

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Von: Frank Hellmann

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Will die EM auf 24 Mannschaften ausdehnen: Uefa-Boss Michel Platini.
Will die EM auf 24 Mannschaften ausdehnen: Uefa-Boss Michel Platini. © dpa

Die Uefa zieht eine auch finanziell positive Bilanz der EM 2008, Platini äußert schwerste Bedenken hinsichtlich der EM 2012.

Was ist eigentlich die Uefa? Fußballfans rätseln. Sind es die Freiwilligen in ihren hellblauen T-Shirts, die hilfsbereit, brav und einfach fußballbegeistert sind, die in Basel, Genf, Innsbruck oder Wien allerorten Auskunft geben? Oder stehen für die Uefa eher die Sicherheitsleute in schwarzen Anzügen stramm, die stets finster schauen, wenn irgendein Wichtiger dieser Fußball-Welt an einem Spielort auftaucht?

Dann trifft man nämlich unweigerlich auch Offizielle, die Anstecker mit der Aufschrift Uefa tragen, immer geschäftig, immer verkabelt und immer wichtig.

Alle Spuren sind richtig - all diese Menschen, samt und sonders schätzungsweise 10 000, haben der Union des Associations Européennes de Football, kurz Uefa, bei dieser Europameisterschaft gedient. Und das bestens. "Alles war wunderbar, alles war wundervoll", hat ihr Präsident Michel Platini jetzt gesagt, und all seinen unentgeltlich und entgeltlich Dienenden herzlich Danke gesagt. Was eine feine Geste des Franzosen war, denn der Dienst war ja auch so erstrebenswert: "Die Uefa hat die Aufgabe, die Menschen mit dem Fußball glücklich zu machen und ein schönes Image zu vermitteln."

Die Uefa, ein Hort des Gutmenschentums? Eigentlich ist sie ja nur ein schnöder Verein - nach dem Schweizerischen Zivilgesetzbuch Artikel 60 und Folgende. Aber die vor 54 Jahren in Bern gegründete und nunmehr in Nyon residierende Konföderation ist längst auch ein höchst profitables Weltunternehmen. Respektable 1,25 Milliarden Euro setzt der Gigant vom Genfer See bei diesem Championat um, 56 Prozent mehr als vor vier Jahren in Portugal. Und der operative Gewinn beträgt unglaubliche 650 Millionen Euro.

Auch wenn von den gewaltigen Summen, für die maßgeblich die Einnahmesteigerungen bei den Medien- und Marketingrechten sorgten, ein beträchtlicher Batzen wieder an die 53 Mitgliederverbände zurückfließt, bleibt doch ein hübscher Anteil bei der Uefa, "beim Haus des Fußballs", wie der eloquente Boss das sagt.

Fraglich ist, ob sich die Rekordwerte in vier Jahren noch einmal übertreffen lassen werden. Platini und seinen Gefolgsleuten dämmert allmählich, dass die Vergabe der EM 2012 nach Polen und in die Ukraine ein noch schlimmeres Eigentor sein könnte, als das, das nach Auffassung einiger Beobachter dem Weltverband Fifa mit dem Zuschlag für die WM 2010 an Südafrika unterlief. Neben politischen Irrungen und Wirrungen in den Ausrichterländern bereiten eklatante Mängel in der Infrastruktur, beim Transport und - bedingt - auch in Sicherheitsfragen den Funktionären Kopfzerbrechen.

In Polen weiß noch keiner, wer genau die Modernisierung der Spielstätten in Gdansk, Chorzow oder Krakow finanzieren soll, in der Ukraine wird wenig ergiebig darum gestritten, wer überhaupt die Betonschüssel in Kiew umbauen soll. Kaum eine Frist, die bislang eingehalten wurde.

Dem Uefa-Präsident wird das nun zu bunt: Der 53-Jährige bricht am Mittwoch mit einer zwölfköpfigen Delegation nach Kiew und Warschau auf, um Politiker und Verbandspräsidenten die Pistole auf die Brust zu setzen. Den Druck auf die Verantwortungsträger in beiden Ländern hat der französischen Strippenzieher schon mal erhöht.

"Ich habe Dossiers in verschiedenen Farben mit mir, in denen alle Probleme aufgelistet sind. Und diese Dossiers sind nicht dünn. Ich werde größere Kopfschmerzen wegen Polen und der Ukraine haben als wegen des Weingenusses", sagte Platini in sarkastischem Tonfall und drohte unverhohlen: "Sollte es in den Hauptstädten Kiew und Warschau keine Stadien geben, gehen wir nicht dahin. Es gibt einiges zu klären. Die Liste ist lang." Und die Zeit drängt: Bereits auf der Sitzung des Uefa-Exekutivkomitees am 24. und 25. September in Bordeaux soll eine definitive Entscheidung fallen.

Als Ersatzkandidaten kommen Spanien oder Italien infrage, obwohl der Uefa-Boss Gerüchten widersprach, er habe speziell mit spanischen Verbandsvertretern schon mal über die mögliche Rolle als EM-Gastgeber 2012 gesprochen. Es wäre einleuchtend: Seit der WM 1982 wartet Spanien auf ein weiteres Fußball-Großereignis. Neue Arenen werden, etwa in Valencia, ohnehin gebaut. Und der Erfolg der Furia Roja bei dieser EM hat die Begeisterung der Spanier für die "rote Raserei", ihre Nationalelf, neu entfacht.

In Bordeaux wird die Uefa auch entscheiden, ob die EM künftig mit 24 statt 16 Mannschaften gespielt wird. Platini sagte, aus sportlichen Gründen spreche nichts gegen die Ausdehnung. Dann zählte er schon mal auf, wer alles dieses Championat noch hätte bereichern können: "England, Irland, Schottland, Bulgarien, Serbien oder Belgien." Platini: "Ich glaube, dass mit diesen Teams die Qualität nicht gelitten hätte."

Diese durchaus gewagten Gedanken dürften allein von wirtschaftlichen Motiven gelenkt sein. Dazu zählt auch, dass künftig die Mindestkapazität eines EM-Stadions von derzeit 30 000 auf 35 000 erhöht werden soll. So stellt es sich jedenfalls Platini vor.

An einer weiteren Stellschraube möchte Martin Kallen, der Geschäftsführer der für die Gesamtorganisation verantwortlichen Euro 2008 SA, drehen. "Der Schwarzmarkt hat geblüht wie verrückt", hat der 44-jährige Turnierdirektor festgestellt. "Das hat uns nicht wirklich gefallen." Zum einen seien Tickets im großen Stil veräußert, zum anderen horrende Preise verlangt und auch gezahlt worden.

Doch wie die ewig vertrackte Situation mit den Eintrittskarten verändert werden könnte, darauf weiß der findige Problemlöser aus dem Berner Oberland auch keine Antwort. Ein solches Eingeständnis soll für einen Gutmenschen von der Uefa schon was heißen.

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