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Benjamin Hoppe (links) ist seit 2005 Eishockey-Schiedsrichter. Der Wahl-Bad-Nauheimer pfeift regelmäßig Spiele der Ersten und Zweiten Deutschen Eishockey-Liga und stand bei der U18-WM auf dem Eis.

Videobeweis im Eishockey

„Die Akzeptanz ist bei uns viel höher als im Fußball“

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Eishockey-Schiedsrichter Benjamin Hoppe über seine Erfahrungen mit dem Videobeweis.

Herr Hoppe, im Eishockey funktioniert der Videobeweis ziemlich reibungslos, obwohl er in der Regel von Ehrenamtlichen bedient wird und die Vereine die Technik selbst stellen. Im Fußball gibt es immer wieder Diskussionen – trotz gut bezahlter Schiedsrichter und hochmoderner Ausstattung. Warum?
Das ist eine gute Frage. Eigentlich würde man denken, dass der Fußball dem Eishockey weit voraus sein müsste, allein finanziell. Vielleicht gibt es dort noch einen gewissen Respekt vor der Technik.

Können Sie sich erklären, dass es im Fußball trotz Videobeweis immer wieder Fehlentscheidungen gibt?
Schwierig. Wenn man die Abläufe im Kölner Keller sieht – die technischen Möglichkeiten haben wir im Eishockey nicht. Wir würden uns wünschen, wir hätten all diese Kameraperspektiven. Im Fußball wird mit der besten Technik gearbeitet, da werden Linien gezogen bei Abseits-Entscheidungen. Ich kann nicht verstehen, warum immer wieder Fehlentscheidungen getroffen werden.

Kann der Fußball vom Eishockey lernen?
Im Eishockey schauen wir am Bildschirm nur Dinge an, die ganz klar definiert sind: War der Puck über der Linie oder nicht? Man würde zum Beispiel nie überprüfen, ob wir beim Strafmaß daneben gelegen haben. Dass beim Fußball in die Tatsachenentscheidungen eingegriffen wird, ist für mich der völlig falsche Weg. Wenn ein Schiedsrichter im Keller in Köln überstimmt wird, stellt man seine Kompetenz infrage. So macht man den Sport kaputt. 

Im Fußball ist der Videobeweis relativ verhasst, im Eishockey hingegen weitgehend akzeptiert. Wieso?
Wir greifen seit Jahren darauf zu und sind damit sehr erfolgreich. Die Akzeptanz ist bei uns viel höher als im Fußball. Auch das liegt daran, dass wir nur ganz einfache Dinge überprüfen. Die Videobilder werden mir nichts anderes zeigen als den Puck, der die Torlinie überquert. Da kann ich mir nichts aus der Nase ziehen.

Sind Sie froh, dass es den Videobeweis gibt?
Definitiv. Eishockey ist die schnellste Mannschaftssportart der Welt. Es kann so viel passieren: Ein Spieler steht im Torraum, hoher Stock, der Puck wurde mit der Hand ins Tor befördert. Das passiert in Sekundenbruchteilen. Mit dem Videobeweis können wir einfach auf Nummer sicher gehen.

In der DEL2 wurde der Videobeweis 2016 eingeführt. Akzeptieren Spieler und Trainer seitdem Ihre Entscheidungen eher?
Am Anfang waren sie schon skeptisch: Da hieß es: Es hat doch all die Jahre auch ohne Video funktioniert. Aber das hat sich sehr positiv entwickelt. Wir können uns in Deutschland glücklich schätzen, den Videobeweis auch in der zweiten Liga zu haben.

Kann der Videobeweis die Autorität der Schiedsrichter stärken?
Absolut. Im Eishockey holen wir uns dadurch Bestätigung.

Gab es 2016 bei der Einführung in der DEL2 anfängliche Probleme?
Das nicht. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Bei manchen Schiedsrichtern war das nicht gleich in den Köpfen drin und sie haben die Möglichkeit nicht immer genutzt, die ihnen zur Verfügung stand. Aber Probleme mit der Technik gab es nicht.

Und mit den Ehrenamtlichen?
Da gibt es selbst in der ersten Liga manchmal Schwierigkeiten. Das Gerät funktioniert natürlich nur so gut, wie der Mensch, der es bedient. Aber im Großen und Ganzen muss man sagen, dass sie uns sehr gut zuarbeiten.

Gab es mal eine Situation, in der Sie dachten: Gott sei Dank habe ich den Videobeweis?
Oh ja, sehr oft sogar! Wenn in einem hitzigen Playoff-Spiel der entscheidende Treffer in der Overtime fällt, dann bin ich echt froh, wenn ich das in aller Ruhe durch den Videobeweis prüfen kann.

Interview: Manuel Schubert

Das wird überprüft

1. Hat der Puck die Torlinie komplett überschritten? 

2. Wurde das Tor verschoben, ehe der Puck ins Tor gelangte? 

3. War das Drittel schon beendet, als der Puck die Linie überquerte? 

4. Wurde der Puck absichtlich mit Hand, Bein oder per Kick-Bewegung ins Tor gelenkt? 

5. Wurde der Puck von einem Schiedsrichter ins Tor abgelenkt? 

6. Berührte der Puck den hohen Stock eines angreifenden Spielers (höher als die Latte), bevor er ins Tor gelangte? 

7. Wurde der Goalie im Torraum von einem angreifenden Spieler körperlich oder visuell behindert? (msc)

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