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Das Verhältnis zur Mannschaft ist wieder intakt: Bundestrainer Christian Prokop hat eigene Fehler eingeräumt.

Christian Prokop

Die Vertrauensfrage

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Die Vorfreude auf die Heim-WM überstrahlt die Furcht vor dem Scheitern, selbst wenn Handball-Bundestrainer Christian Prokop zum Erfolg verdammt ist.

Vermutlich fühlt es sich ein bisschen an wie in einer Ehe, nach einem bekanntgewordenen Seitensprung. Es gab Schmerz und Leid, ehe sich beide Seiten zusammenrauften, um die Zukunft weiter gemeinsam zu gestalten. Alle wollen es besser machen, der Wille ist beidseitig vorhanden, aber das Vertrauen muss erst wieder wachsen, wegschieben lässt sich das Geschehene nicht. Also gehen beide in die gleiche Richtung, beobachten den anderen aber haargenau und registrieren jede Verhaltensänderung. Ob der Frieden hält, wird sich erst zeigen, wenn er beginnt, anderen Frauen hinterherzuschauen, oder sie sich schöne Augen machen lässt.

Christian Prokop war der Mann für die Gegenwart und Zukunft beim Deutschen Handball-Bund. 2017 startete der damals 38-Jährige mit einem Fünf-Jahres-Vertrag in seinen Job als Bundestrainer und hatte den Auftrag, die Männer-Nationalmannschaft noch erfolgreicher und besser zu machen. Vor einem Jahr schien das Experiment aber schon gescheitert, die Europameisterschaft in Kroatien wurde zum persönlichen Desaster für Prokop. Nach langen Diskussionen entschied sich der Verband, an dem Hoffnungsträger festzuhalten. Es gibt vor dem Start der Weltmeisterschaft, die Deutschland und Dänemark gemeinsam ausrichten und die morgen mit dem Duell gegen Korea beginnt, zarte Anzeichen, dass dieser Entschluss richtig gewesen sein könnte.

Bei der deutschen Nationalmannschaft und Christian Prokop geht es, um im Bild zu bleiben, nicht um Nebenbuhler, die einem guten Ende im Wege stehen, sondern um Stresssituationen, denen beide Seiten während der WM ausgesetzt sein werden. Erst während des Turniers wird sich zeigen, ob das Vertrauen der Spieler in die Vorgaben des Trainers groß genug ist und ob der Coach den Spielern vertraut, schwierige Momente erfolgreich zu lösen.

„Das wissen wir, das weiß auch ich“, sagte Prokop ein paar Wochen vor dem Eröffnungsspiel gegen das gemeinsame Team von Süd- und Nordkorea, als er entspannt in einem gemütlichen Sessel saß und einen Kaffee trank. Der in Köthen nahe Leipzig aufgewachsene Handball-Lehrer hat viel dafür getan, dass die Annäherung nachhaltig ist, aber die letzte Sicherheit fehlt. Was passiert auf der Trainerbank und was passiert in den Köpfen der Nationalspieler, wenn die Deutschen beispielsweise gegen Russland nach 20 Minuten mit vier Toren zurückliegen. Erst in der Phase des absoluten Drucks wird sich erweisen, ob diese Mannschaft und der Bundestrainer eine Zukunft haben.

Vor einem Jahr bei der EM in Kroatien waren die Gräben schließlich erst aufgerissen, als es auf dem Spielfeld nicht wie erwartet lief. Die Fehler, die der Novize im Amt begangen hatte, bekamen erst eine Wucht, als Niederlagen drohten und ein erfolgreiches Turnier immer unwahrscheinlicher wurde. Prokop hatte nicht als Handball-Fachmann versagt, sondern viele Bereiche in der öffentlichsten Stelle, die es im deutschen Handball gibt, falsch eingeschätzt. „Ich habe mich zu sehr damit beschäftigt, was gesagt oder geschrieben wurde“, räumte der 40-Jährige ein. Zudem missachtete Prokop die Relevanz einer teaminternen Hierarchie und glaubte, die Mannschaft sei in der Lage, eine vom Trainer favorisierte Art des Handballs flugs umsetzen zu können, weil es sich ja um die besten Akteure des Landes handelte. Der Bundestrainer machte gravierende Fehler und erschütterte damit intern und extern das Aushängeschild der eigenen Sportart.

Das lieferte ausreichend Argumente, um das Ende der Zusammenarbeit zu begründen, aber die Verantwortlichen im Verband entschieden anders und räumten dem einstigen Wunschtrainer eine zweite Chance ein. „Wir mussten keine populistische Entscheidung treffen, sondern eine, die wir für richtig halten“, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning vor einigen Monaten. Inzwischen deutet sich an, dass sich das Risiko auszahlen könnte, denn das Binnenverhältnis zwischen Spielern und Trainer hat sich verbessert. Das bestätigen die Akteure in vertraulichen Gesprächen.

Das Engagement von Prokop, der nach dem EM-Desaster in Kroatien zunächst sehr selbstkritisch in die Analyse ging, anschließend alle Spieler in persönlichen Gesprächen von der eigenen Einsicht überzeugte, Fehler gemacht zu haben sowie sie korrigieren zu wollen, und diese zuletzt auch öffentlich einräumte, sorgte für eine neue Vertrauensbasis. In den sportlich wenig aussagekräftigen Testspielen gegen Tschechien (32:24) und Argentinien (28:13) wirkte das Zusammenwirken harmonischer als noch vor ein paar Monaten. Eine erfolgreiche gemeinsame Zukunft scheint zumindest nicht aussichtslos – nach der Europameisterschaft vor einem Jahr war das zunächst anders.

Einen optimistischen, aufgeräumten und entspannteren Eindruck machte Prokop in den zurückliegenden Tagen, die Vorfreude auf die Heim-WM überstrahlte die Furcht vor dem Scheitern. Das zweite Turnier soll und muss erfolgreich werden. Eine dritte Chance wird Christian Prokop nämlich nicht bekommen. „Das ist mir bewusst“, sagt der Bundestrainer.

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