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Bundestrainer Christian Prokop steht unter Druck.

Handball-EM

Versetzung gefährdet

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Christian Prokop sollte den Weg von Ex-Coach Dagur Sigurdsson fortsetzen. Doch das Zwischenzeugnis des neuen Trainers ist mangelhaft. Ein Kommentar.

Es war ein langer Kampf, den Bob Hanning kämpfen musste. Am Ende gewann der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes das Tauziehen mit dem SC DHfK Leipzig um das Trainertalent, mit viel Überredungskunst und einer sechsstelligen Ablösesumme lotste er den heute 39-Jährigen zum Verband und stattete ihn mit einem Fünfjahresvertrag aus. Christian Prokop sollte den Weg von Dagur Sigurdsson fortsetzen, nein, er sollte ihn verfeinern. „Ich freue mich auf die Impulse, die unser neuer Bundestrainer der Nationalmannschaft geben wird“, sagte Hanning vor knapp einem Jahr bei der Vorstellung des neuen Coaches.

Auf dem Heimweg von Varazdin über Zagreb nach Berlin wird Hanning viel darüber nachgedacht haben, warum die Impulse, die Prokop dem Team gab, ganz andere waren, als die von ihm im Februar 2017 erhofften. In seinem ersten Turnier auf der ganz großen Bühne und schon in den Tagen davor gab Prokop mit seinen Entscheidungen Rätsel auf. Mit dem Mann aus Klöthen sollte der Weg weiter beschritten werden, hin zu einer Weltmacht im Handball. Bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land 2019 sowie den Olympischen Spielen ein Jahr danach sollten die Deutschen eine Medaille gewinnen, im besten Fall die goldene. Nach der EM in Kroatien gibt es berechtigte Zweifel, ob die hohen Ziele mit Prokop erreicht werden können.

Das Zwischenzeugnis ist mangelhaft, und das liegt nicht in erster Linie an den Resultaten und Leistungen der deutschen Mannschaft. Die waren nicht überzeugend, aber letztlich nur die Folge des Wirkens von Prokop. Natürlich haben die Spieler fehlerhaft agiert, natürlich waren sie formschwach – sie komplett aus der Verantwortung zu nehmen, wäre falsch. Doch der Trainer hatte mit seinem Tun großen Anteil an der Malaise. Mit den Entscheidungen vor und während des Turniers, mit seinem Wirken nach innen brachte er das Team gegen sich auf. Die Spieler versuchten weiterhin, die Vorgaben des Trainers umzusetzen, aber sie folgten ihm nicht mehr.

Die Nichtnominierung von Abwehrchef Finn Lemke, die Abkehr vom erfolgreichen Defensivsystem der Vorjahre, die wilden Wechsel während der Spiele und die mitunter diktatorischen Züge von Christian Prokop hoben einen Graben zwischen den Spielern und dem Bundestrainer aus. Wenn ein Coach und seine Mannschaft nicht mehr das Gleiche wollen, bedeutet das die größte Gefahr für ein erfolgreiches Miteinander. Bob Hanning weiß das und muss das in seine Überlegungen einfließen lassen.

Die Lage ist eindeutig: Die Versetzung von Christian Prokop ist gefährdet – akut sogar.

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