1. Startseite
  2. Sport
  3. Sport A-Z

Verschobene Prioritäten

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Maik Rosner

Kommentare

Warten auf den Abflug: Franck Ribéry, David Alaba und Jerome Boateng (von links).
Warten auf den Abflug: Franck Ribéry, David Alaba und Jerome Boateng (von links). © dapd

Der FC Bayern München ruft das Ziel Champions-League-Finale aus. Meisterschaft und Pokalsieg stehen etwas zurück, werden aber ohnehin erwartet. Die Grundlagen wollen die Bayern in Katar legen.

Der Morgen graute noch über München, rötlich schimmerten die Schleierwolken im ersten Sonnenlicht. Für manche dürften die Frühstunden des ersten Montags des Jahres 2012 eine besonders harte Prüfung gewesen sein, trotz des außergewöhnlich hübschen Blicks samt Alpenpanorama Bastian Schweinsteiger konnte es dagegen gar nicht schnell genug gehen. Vergnügt und überpünktlich hatte der Mittelfeldspieler des FC Bayern den Sonderflug 2570 der Lufthansa zum einwöchigen Trainingslager in Katars Hauptstadt Doha bestiegen.

Und es war deutlich zu vernehmen gewesen, dass er im Weihnachtsurlaub seinen Pflichten nachgekommen war. Zu denen zählt für einen Fußballprofi neben der bedachten Labsal ja auch die Zeitungslektüre, aus der sich die Leitlinien der Vereinsführung entnehmen lassen.

Traum, Wunsch, Priorität

Beinahe wortgleich wie Präsident Uli Hoeneß sprach Schweinsteiger also über die Ziele 2012. „In einem Jahr, in dem man das Champions-League-Finale in München hat, sollten wir das Ziel haben, dorthin zu kommen“, sagte Schweinsteiger, „diese Chance hat man nur einmal im Leben. Von daher hat die Champions League ein bisschen mehr Priorität als die Meisterschaft.“

Hoeneß hatte sich noch einen Tick konkreter über seine Vorstellungen geäußert, als er vorgab: „Normalerweise sage ich immer, die Meisterschaft ist das Wichtigste. Aber jetzt, wo du ein Champions-League-Finale in München hast, was im Leben eines Profis nur einmal vorkommt, musst du versuchen, das als Ziel zu haben.“

Die Priorität hat sich verschoben beim FC Bayern. Der 19. Mai, jener Samstagabend, an dem Europas wertvollster Vereinspokal vergeben wird, beschäftigt den gesamten Klub schon seit Ende Januar 2009, seit feststeht, dass das Finale in diesem Jahr in Fröttmaning stattfinden wird.

Von einem Traum war bisher die Rede, vom Wunsch, nicht Zuschauer im eigenen Haus zu sein. Jetzt soll es via Achtelfinale gegen den FC Basel möglichst der Titel sein, Meisterschaft und Pokalsieg stehen etwas zurück und werden ohnehin erwartet.

Täglich zwei Einheiten

139 Tage vor dem Endspiel in der Champions League haben die Bayern nun in Doha den Betrieb wieder aufgenommen. Und auch Trainer Jupp Heynckes wollte wegen der großen Ziele keine Zeit verlieren. Kurz nach der Ankunft im Emirat bat er zur ersten Einheit. Erwartet worden waren dazu auch Mario Gomez, Anatoli Timoschtschuk, Luiz Gustavo, Rafinha und Takashi Usami, die direkt aus dem Urlaub anreisten.

Bei gut 20 Grad Celsius und Sonnenschein wird Heynckes den kompletten Kader nun täglich zu zwei Einheiten auf der angeblich über eine Milliarde US-Dollar teuren Anlage „Aspire Academy for Sports Excellence“ antreten lassen, die unter anderem über sieben Fußballfelder verfügt.

Direkt nebenan wohnen die Bayern im neuen Hotel „The Grand Heritage“. Am Samstag steht in Doha der erste Test gegen Al Ahly Kairo an. Kommenden Dienstag reisen die Münchner zudem zu einem PR-Spiel in Neu-Delhi gegen die Nationalmannschaft von Indien, ehe es von dort direkt zurück nach München geht. Am 20. Januar beginnt mit dem Bundesligaspiel bei Borussia Mönchengladbach die Rückrunde.

Optimistisch sieht der Tabellenführer dieser auch deshalb entgegen, weil er nun ohne Verletzungssorgen „in Doha den Grundstein setzen“ kann, wie Holger Badstuber befand. Schweinsteigers ausgeheilter Schlüsselbeinbruch erlaubt voraussichtlich wieder die volle Belastung, wenngleich er sich „ein bisschen rantasten“ müsse, wie er sagte.

Eine Art Resozialisierung für Breno

Franck Ribéry und vor allem Arjen Robben können sich zudem ausnahmsweise beschwerdefrei auf die großen Herausforderungen vorbereiten. „Bastian ist ein Schlüsselspieler, eine ganz wichtige Personalie für uns. Und er ist genau wie Arjen wieder bereit. Das ist ein Riesenvorteil“, sagte Sportdirektor Christian Nerlinger, „jetzt wird es ernst, entsprechend werden wir uns vorbereiten.“

Es passte gut zur allgemeinen Aufbruchstimmung, dass sogar Breno trotz des Verdachts der schweren schweren Brandstiftung mit ins Trainingslager reisen durfte. Das Münchner Landgericht hat die tägliche Meldepflicht vorübergehend ausgesetzt. Der Brasilianer dürfte allerdings als einer der ganz wenigen ohne das übergeordnete Ziel ins ferne Doha geflogen sein, die Champions League zu gewinnen.

Für ihn geht es eher um eine Art Resozialisierung im laufenden Trainingsbetrieb. Vergnügt und lachend war er ebenfalls am Montagmorgen in die Sondermaschine Richtung Persischer Golf gestiegen. Auch für ihn könnte sich an das Quartier mit dem „perfekten Wetter und überragenden Plätzen“ (Philipp Lahm) ja vielleicht die Chance seines Lebens anschließen.

Auch interessant

Kommentare