Am Flughafen von Hokkaido wird für die Olympischen Spiele in Tokio geworben.
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Am Flughafen von Hokkaido wird für die Olympischen Spiele in Tokio geworben.

Coronavirus

„Verschieben ist besser als alles abzusagen“

Die Diskussion über ein Aus der Olympischen Spiele wegen der Ausbreitung des Coronavirus treibt die Athleten um. Mediziner äußern Bedenken.

Geisterspiele vor leeren Rängen, die Angst vor Ansteckung und Quarantäne, gar eine Absage des Olympia-Spektakels - oder eher Hoffnung auf die Wende und Business as usual? Die Coronavirus-Epidemie macht vielen Top-Athleten Sorgen, doch fünf Monate vor Beginn der Olympischen Spiele läuft bei den meisten die Vorbereitung nach Plan. „Wir machen mal einfach weiter unseren Job“, sagte Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler am Donnerstag und trifft damit den Tenor vieler Kollegen.

Trotz aller Gelassenheit: Selbst „Geisterspiele“ in der Metropolregion Tokio mit rund 30 Millionen Einwohnern sind für Röhler angesichts der Situation inzwischen „ein mögliches Szenario – da schwebt ein Damoklesschwert drüber“. Olympia vor leeren Rängen wäre aus Röhlers Sicht aber „das Worst-Case-Szenario. Geisterspiele wären schlimmer als eine Absage! Es geht der Reiz der Spiele verloren.“ Das Problem sei „nicht das Virus, sondern das Reisen, wenn einer im Flugzeug hustet, die Gefahr einer folgenden Quarantäne. Dann bist du 14 Tage weg vom Fenster, irgendwo isoliert und kannst nicht trainieren“, schilderte der 28-Jährige.

„Viele Athleten treibt gerade akut das Thema der anstehenden Qualifikationswettkämpfe um. Das Reisen dahin ist ja derzeit ein Risiko, die Normen müssen aber erfüllt werden. Die Situation ändert sich von Tag zu Tag, und man kann sie kaum noch einschätzen“, sagte Amelie Ebert, Präsidiumsmitglied Athleten Deutschland. „Alle stehen unter Hochspannung. Die Konsequenzen sind derzeit nicht absehbar. Wir hoffen, dass baldmöglichst mehr Informationen vorliegen“, sagte die Ex-Synchronschwimmerin, derzeit Medizinstudentin im elften Semester.

Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul würde eine Absage der Spiele verstehen. „Über allem steht die Gesundheit“, sagte der 22-Jährige in einem Sport1-Interview. Eine Absage wäre schade, sagte Kaul. „Aber es bringt ja am Ende auch nichts, wenn wir supertolle Olympische Spiele mit vielen Fans und Sportlern haben – und am Ende gibt es einen rapiden Anstieg von Corona-Infektionen, die gerade bei älteren Menschen sehr kritisch wären“, fügte der Mainzer hinzu.

Die ungarische Weltklasse-Schwimmerin Katinka Hosszu lässt sich in ihrer Vorbereitung auf Tokio nicht beeinträchtigen. „Ich kann mir wirklich nicht einmal vorstellen, dass Olympia abgesagt wird. Für die Athleten wäre es ein Alptraum“, sagte die 30 Jahre alte dreimalige Olympiasiegerin der Nachrichtenagentur AP. Sie sehe die Nachrichten, aber in ihren Gedanken sei sie so vorbereitet, als ob Olympia stattfinde: „Verschieben ist definitiv besser als alles abzusagen.“

Der führende japanische Infektions-Experte Norio Ohmagari sieht für die Spiele in der Hauptstadt Tokio konkrete Gefahren. „Wir stehen am Scheidepunkt für eine Eindämmung des Coronavirus. Sollte die Zahl der Infizierten im Land in den nächsten drei Wochen nicht abnehmen, sollte man wirklich darüber nachdenken, die Olympischen Spiele auszutragen oder nicht. Das ist eine große Entscheidung“, sagte der Direktor der Abteilung für Infektionskrankheiten im nationalen Gesundheitszentrum der Nachrichtenagentur AFP.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) riet angesichts der Sorgen vor einer Olympia-Absage zum Abwarten: „Aus meiner Sicht besteht jetzt als Sportminister noch kein Entscheidungsbedarf.“ Die Bundesregierung hält im Moment keine generellen Einschränkungen bei Sportveranstaltungen wie der Fußball-Bundesliga für nötig.

In Japan sind bis zum Donnerstag 894 Infektionsfälle bestätigt. Es gibt sieben Todesfälle. Mit 705 Infektionen entfällt der größte Teil davon allerdings auf Passagiere und Crewmitglieder des Kreuzfahrtschiffes „Diamond Princess“. Regierungschef Shinzo Abe rief die Organisatoren von großen, in den kommenden zwei Wochen geplanten Sport- und Kulturveranstaltungen auf, sie gegebenenfalls abzusagen oder zu verschieben. Für Japan seien die nächsten zwei Wochen eine kritische Zeit, um einen Anstieg der Infektionen zu verhindern.

Vor einer Entscheidung über die planmäßige Durchführung der Spiele steht wohl zunächst ein Beschluss an, wie mit dem Olympischen Fackellauf verfahren werden soll, der am 26. März in der Präfektur Fukushima starten soll. Am Mittwoch hatte OK-Chef Toshiro Muto bereits eine Verkürzung in Betracht gezogen. „Wir denken keinesfalls daran, ihn abzusagen“, erklärte der 76-Jährige: „Aber wir werden uns überlegen, wie wir es durchführen können, ohne das Virus weiter zu verbreiten. Dazu gehört auch eine Reduzierung des Umfangs.“

Hans-Georg Predel, Leiter des Sportmedizinischen Instituts der Sporthochschule Köln, wies im Gespräch mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ). auf grundsätzliche Probleme hin. Die Fußball-EM (12. Juni bis 12. Juli) findet in zwölf Ländern statt, entsprechend hoch werde das Reiseaufkommen von Fans und Mannschaften sein. Sein deutlicher Rat: „Wenn die Situation so bleibt, wie sie jetzt ist, wenn weiterhin unkontrollierte virale Ausbrüche auftauchen, dann halte ich eine Absage für möglich und würde auch dazu raten.“

Die deutschen U-20-Frauen sagten ihre für kommende Woche geplante Länderspielreise nach Japan ab. Die Olympischen Spiele sollen vom 24. Juli bis 9. August stattfinden. Rund 11 000 Sportler werden erwartet, weitere 4400 sollen bei den Paralympics, die am 25. August eröffnet werden, an den Start gehen. Die IOC-Koordinierungskommission setze sich voll und ganz für die planmäßige Austragung der Sommerspiele ein, sagte IOC-Präsident Thomas Bach laut der Nachrichtenagentur Kyodo am Donnerstag in einer Telefonkonferenz mit japanischen Medien und ergänzte, man wolle nicht über Alternativen spekulieren. (dpa/sid)

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