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Verabredung mit der Ewigkeit

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Sabine Lisicki freut sich auf das Finale.
Sabine Lisicki freut sich auf das Finale. © afp

Sabine Lisicki kann sich mit einem Sieg im Endspiel von Wimbledon gegen die Französin Marion Bartoli in der Sportgeschichte unsterblich machen. Der große Darling der Zuschauer ist die strahlende Deutsche längst schon.

Von Jörg Allmeroth

Als Sabine Lisicki am 1. Juli das Achtelfinal-Drama gegen die große Serena Williams gewonnen hatte, entspann sich auf der Terrasse des Spielerzentrums von Wimbledon ein denkwürdiger Dialog. Zwischen Lisicki, der „lächelnden Attentäterin“ („The Guardian“) und Barbara Rittner, der deutschen Bundestrainerin.

Aufgepumpt mit Selbstbewusstsein nach dem Williams-Coup, sagte Lisicki zu Rittner: „Der Centre Court ist jetzt wirklich mein Wohnzimmer, mein Zuhause.“

Wohnzimmer Centre Court

Rittner schaute Lisicki danach mit einem milden Lächeln an, das auch gewisse Zweifel an dieser forschen Einlassung verriet. Woraufhin Lisicki zurücklächelte und sagte: „Na ja, ich würde mir das Wohnzimmer auch mit Roger Federer, Novak Djokovic oder Andy Murray teilen.“ Das saß.

Und zwar genau so wie die krachenden Asse und wuchtigen Siegtreffer, die Lisicki nun schon seit zwei Wochen pausenlos aus ihrem Schläger zaubert.

Zwei Jahre nach ihrem wundersamen Durchmarsch bei der Offenen Englischen Meisterschaft, dem energischen Einzug ins Halbfinale als Wild-Card-Starterin, ist sie nun wieder das große Gesprächsthema in Wimbledon, in Deutschland und in der ganzen Tenniswelt – die stärkste Geschichte eines komplett verrückten Turniers mit pausenlosen Überraschungseffekten.

Dort, wo große Tenniskarrieren beginnen und ihre unzweifelhaften Höhepunkte erreichen, kann Lisicki an diesem Samstag in ihrem ersten Grand- Slam-Finale tatsächlich zum großen Schlag ausholen.

Die 23-jährige Berlinerin ist auf dem heiligen Rasen nur noch einen Sieg von der Unsterblichkeit entfernt – gegen die kapriziöse Französin Marion Bartoli. „Ich lebe hier meinen Traum. Den Traum, den ich schon als Kind hatte. Den Traum, Wimbledon zu gewinnen“, sagt Lisicki.

Angst vor der letzten großen Herausforderung kennt sie nicht, diese unerschrockene Kämpferin, die in Wimbledon für die spektakulären Momente zuständig war, etwa gegen die haushohe Favoritin Williams. „Sie ist keine, die in so einer Situation ins Flattern gerät“, sagt Trainervater Richard Lisicki, „sie ist in all dem Trubel so ruhig wie das Auge im Zentrum des Hurrikans.“

Wimbledon und die Deutschen – das ist ja seit den Zeiten des „17-jährigen Leimeners“, des immer noch jüngsten Turnierchampions Boris Becker, und seiner ewigen Weggefährtin Steffi Graf eine ganz besondere Beziehung. Wimbledon ist auch und besonders in der Heimat der alten Großchampions ein magisches Markenzeichen im Sport, ein Turnier, das eine ganz außergewöhnliche Emotionalität und Bedeutung entfaltet.

Chance auf das große Glück

Selbst wer sich nicht für Tennis interessiert, kennt Wimbledon. Und das erklärt vielleicht auch die Begeisterung, die nun wieder über die Republik hereinbricht. „Es ist wie eine Zeitreise zurück in die große deutsche Ära“, sagt Becker, in diesen Tagen als BBC-Kommentator in Wimbledon beschäftigt, „und es gibt sicher auch Stolz auf diese charmante junge Dame, die Deutschland hier so toll vertritt.“

Lisickis Verabredung mit der Ewigkeit, diese Chance aufs ganz große Tennisglück, steht am vorläufigen Ende einer turbulenten Karriere, die wie so viele ihrer Spiele auf dem Centre Court eine einzige Achterbahnfahrt ist.

Ob es überhaupt einmal zum Einstieg ins professionelle Tourgeschäft reicht, ist keineswegs ausgemacht, als das Abenteuer vor knapp 15 Jahren in einer kleinen Tennisschule in Reichsdorf-Eckenhagen beginnt, 60 Kilometer von Köln entfernt.

Vater Lisicki, ein promovierter Sportwissenschaftler, der wegen besserer Karrierechancen von Polen nach Deutschland gekommen war, gibt seine akademische Karriere jedenfalls zu diesem Zeitpunkt auf und widmet sich ganz dem Training der Tochter. Aber das Geld ist knapp im Hause Lisicki, es muss eisern gespart werden. Kreuz und quer gondeln die Lisickis, Vater Richard, Mutter Elisabeth und Tochter Sabine, mit ihrem Wagen durch Europa, zu immer neuen Jugendturnieren.

„Ich weiß noch genau, dass wir dieses Auto mit Kilometerstand 268 000 verkauft haben“, erzählt Sabine Lisicki, „aber diese Zeit hat uns auch richtig zusammengeschweißt. Es gab große Entbehrungen, aber das hat den Hunger auf Siege nur größer gemacht.“

Der Durchbruch für die hoffnungsvolle Tennisfamilie kommt dann, als Vater Lisicki den Kontakt zum Vermarktungsgiganten IMG findet, dem größten Player der Szene. Die IMG-Leute suchen ständig das nächste neue Gesicht, den Superstar von Morgen, die Champions der Zukunft. Der Deal bringt kein Geld, aber er spart Ausbildungskosten.

Sabine Lisicki marschiert in die Akademie von Nick Bollettieri in Bradenton (Florida), dem schillerndsten aller Trainer, bei dem Tennisgiganten wie Andre Agassi, Jim Courier, Monica Seles oder Maria Scharapowa die wichtigsten Lektionen erhielten und dann ihre Ausnahmekarrieren begannen.

Bollettieri spürt rasch, dass er hier ein Talent unter seinen Fittichen hat, das „Starpotenzial“ mitbringt, „eine Spielerin mit dem gewissen Extra, die sich sofort von der Masse abhebt“. Um große Worte ist der ehemalige Fallschirmjäger mit der sonnengegerbten Haut nie verlegen: „Sie hat die Gene eines Champions. Sie kann einmal die Nummer eins werden.“

Konsequentes Selbstbewusstsein

Es ist eine Attitüde, die abfärbt auf Lisicki, dieses amerikanische Prinzip Think big, die Haltung, bloß nicht kleinmütig zu sein. Dieses konsequente Selbstbewusstsein, das die junge Deutsche später auch auf den Tenniscourts zeigt.

Und dieses strahlende Lächeln, das fast nie aus ihrem Gesicht weicht und das Bollettieri ihr eingeimpft hat: „Wenn du lächelst, bist du stark. Und denkst nicht ans Scheitern.“

Ihr Spiel wirkt wie ein Ausdruck dieses Lebensgefühls: zupackend, schnell, kraftvoll, dynamisch. Als sie schon in jungen Jahren die Siegschläge in Hochgeschwindigkeit ins Feld trommelt, ist da eine Ahnung von etwas Großem. Mit 19 wird Lisicki in Wimbledon bereits als „Erbin von Steffi Graf“ gefeiert, da hat sie 2009 erstmals das Viertelfinale erreicht.

Frau Graf und Fräulein Lisicki finden das nicht so sonderlich originell: „Lasst Sabine doch Sabine sein“, verkündet die alte Meisterin aus ihrem Ruhestand in Las Vegas.

Lisickis Laufbahn erlebt auch schwere Rückschläge in Form von Verletzungen: Sie wird bei den US Open in New York nach einer Knöchelverletzung mit einem Rollstuhl vom Platz gefahren und in Paris, bei den French Open, mit einer Trage vom Platz gebracht, Opfer eines körperlichen Zusammenbruchs, angeblich wegen einer Glutenallergie.

Doch Wimbledon, das Turnier der Turniere, ist immer gut zu ihr. Zu der Spielerin, die sich sofort in die grünen Felder der Träume verliebt hat, schon damals, als sie mit Vater und Mutter in Kinderzeiten zu Besuch war.

Wie Becker früher

Lisicki-Tennis ist wie Becker-Tennis früher, eine große Show, ein Nervenspiel, ein permanentes Drama. Und genau deshalb so erregend, mitreißend und faszinierend. „Bei mir weiß man nie“, hat Becker einmal gesagt, als er eines seiner irren Matches auf großer Bühne gewonnen hatte – und das gilt ohne Einschränkung auch für die junge Frau aus Berlin, deren Auftritte nichts für Herzschwache sind.

Sie verliert manchmal Spiele, die sie schon klar gewonnen zu haben scheint. Aber sie gewinnt noch lieber und zum Glück auch häufiger Spiele, bei denen schon alles verloren scheint – so wie in Wimbledon gegen Serena Williams oder Agnieszka Radwanska. Martina Navratilova, die neunmalige Wimbledon-Siegerin, sagt: „Eins ist sicher: Kalt lässt Sabine keinen.“

Schon gar nicht im All England Club. Dort ist die strahlende Deutsche inzwischen der große Darling des Turniers. „Keine Spielerin liebt Wimbledon seit Boris Becker so wie Sabine“, sagt der Tenniskorrespondent der „Times“, Neil Harman, „und deshalb lieben die Fans sie auch.“

Schon vor dem Turnier hatte Lisicki so ein unbestimmt gutes Gefühl, „dass hier etwas Tolles möglich ist für mich“. Sie war gekommen, um lange zu bleiben, spielte dann tatsächlich das beste Tennis ihres Lebens und steht nun vor der Krönung.

„Ich habe nie den Glauben an mich verloren, nicht in all den Jahren seit der Kindheit“, sagt Lisicki, „und auch nicht in diesem Turnier.“

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